Chuck Close: Das monumentale Antlitz und die Zerlegung der Wirklichkeit

In der Geschichte der modernen Kunst gibt es nur wenige Gestalten die das menschliche Gesicht mit einer solchen obsessiven Hingabe und technischer Radikalität seziert haben wie Chuck Close. Wer heute im Jahr zweitausendsechsundzwanzig vor einem seiner gewaltigen Porträts steht wird von einer Intensität erfasst die weit über die bloße Abbildung hinausgeht. Er war ein Wanderer zwischen der kühlen Präzision der Fotografie und der haptischen Leidenschaft der Malerei. Sein Weg der ihn von den bescheidenen Verhältnissen im Bundesstaat Washington bis in die bedeutendsten Museen der Welt führte ist eine Erzählung von Resilienz und unermüdlichem Forschergeist. Chuck Close wurde am fünften Juli neunzehnhundertvierzig in Monroe geboren und erlebte eine Kindheit die zunächst von Sicherheit geprägt war bevor das Schicksal mit voller Härte zuschlug. Als er elf Jahre alt war verstarb sein Vater und fast zeitgleich wurde bei seiner Mutter Brustkrebs diagnostiziert. Diese frühen Erschütterungen wurden durch persönliche Herausforderungen ergänzt die sein schulisches Leben massiv erschwerten. Er litt unter Legasthenie und einer neuromuskulären Störung die ihn von sportlichen Aktivitäten ausschloss. Doch vielleicht war es gerade diese körperliche Einschränkung die ihn dazu zwang die Welt mit anderen Augen zu sehen. Besonders bemerkenswert ist seine Prosopagnosie also die sogenannte Gesichtsblindheit die es ihm nahezu unmöglich machte die Gesichter selbst engster Vertrauter wiederzuerkennen. Die Malerei wurde für ihn somit nicht nur zum künstlerischen Ausdruck sondern zu einem lebensnotwendigen Werkzeug um die Identität der Menschen um ihn herum zu erfassen und in seinem Gedächtnis zu verankern.

Die frühen Jahre und der Aufbruch in die Abstraktion

Trotz der akademischen Hürden die ihm seine Legasthenie in den Weg legte erkannten seine Professoren schon früh sein außergewöhnliches Potenzial. Seine Herangehensweise an Aufgaben war stets innovativ und eigenwillig was ihm Respekt in der akademischen Welt verschaffte. Schon als Kind nahm Charles wie er oft genannt wurde Kunstunterricht doch der eigentliche Wendepunkt ereignete sich im Alter von vierzehn Jahren. Damals besuchte er eine Ausstellung mit Werken von Jackson Pollock. Die wilde Energie des Abstrakten Expressionismus und die radikale Freiheit der Linienführung beeindruckten ihn so tiefgreifend dass sein Entschluss feststand Maler zu werden. Auf dem College blühte er förmlich auf da er dort einen Raum fand in dem seine visuellen Stärken wichtiger waren als seine Schwierigkeiten mit Texten. Neunzehnhundertfünfundsechzig begann seine Laufbahn als Lehrender an der University of Massachusetts in Amherst. In dieser Phase begann er mit neuen Materialien zu experimentieren da er spürte dass der abstrakte Stil seiner Jugend allmählich an Kraft verlor. Er suchte nach einer Form die sowohl intellektuell fordernd als auch visuell überwältigend war und fand diese schließlich in der monumentalen Darstellung des Individuums.

Der Skandal von Amherst und die Flucht nach Manhattan

Das Jahr neunzehnhundertsiebenundsechzig markierte eine Zäsur in seiner frühen Karriere. Close veranstaltete eine Einzelausstellung an der Universität die von der Pop Art inspiriert war. Dabei zeigte er nackte männliche Darstellungen in Ganzkörperansicht was in der damaligen Zeit und in der konservativen Verwaltung der Universität für einen gewaltigen Aufschrei sorgte. Der Präsident der Universität John Lederle sah darin einen Verstoß gegen die guten Sitten und leitete rechtliche Schritte gegen den jungen Dozenten ein. Close wurde in diesem Kampf um die Freiheit der Kunst von der American Civil Liberties Union unterstützt doch der Prozess endete schließlich zu Gunsten der Universität. Diese Niederlage bedeutete das offizielle Ende seiner Zeit in Amherst führte ihn jedoch im selben Herbst direkt in das Zentrum der Kunstwelt nach Manhattan. An der School of Visual Arts fand er nicht nur eine neue berufliche Heimat sondern traf auch seine ehemalige Schülerin Leslie Rose wieder die später eine bedeutende Rolle in seinem Leben spielen sollte. New York wurde zum Schauplatz seines eigentlichen Durchbruchs und zum Labor für seine revolutionären Porträts.

Das Große Selbstporträt und der Weg in die Museen

In New York angekommen verwarf Close die bunten Einflüsse der Pop Art und wandte sich einer fast schon klinischen Schwarz Weiß Malerei zu. Neunzehnhundertneunundsechzig verkaufte er sein monumentales Werk mit dem Titel Großes Selbstporträt an das Walker Art Center. Dieses Bild das ihn selbst mit Brille und Zigarette in einer fast schon aggressiven Nähe zeigt veränderte alles. Die schiere Größe des Gesichts das den Betrachter förmlich erdrückt erzeugte eine neue Form der Intimität und Distanz zugleich. Kurz darauf kaufte das Whitney Museum of American Art ein Porträt des Komponisten Philip Glass ein Werk das heute als eine der Ikonen des Fotorealismus gilt. Auch Gerhard Richter hat die Fotografie als Vorlage für die Malerei zum Programm erhoben und in seinen Fotogemälden die Grenze zwischen fotografischer Abbildung und malerischer Konstruktion systematisch verwischt doch während Richter das Foto durch die bewusste Unschärfe seines Rakels in ein Feld der Ambiguität überführt und die Identität des Dargestellten im Nebel der Übermalung verschwinden lässt treibt Close die Schärfe ins Extreme und kartografiert jede Pore mit einer Akribie die das fotografische Vorbild an Genauigkeit übertrifft. Die Kunstwelt war fasziniert von der Akribie mit der Close jede einzelne Pore und jedes Haar wiedergab. Er malte nach Fotografien die er in ein strenges Raster zerlegte um das Gesicht Quadrat für Quadrat auf die Leinwand zu übertragen. Diese Methode erlaubte es ihm seine Gesichtsblindheit zu überlisten indem er sich auf winzige abstrakte Einheiten konzentrierte die sich erst aus der Entfernung zu einem kohärenten Ganzen zusammenfügten.

Die Entdeckung des Rasters durch die Schabkunst

Ein zufälliges Ereignis im Sommer neunzehnhundertzweiundsiebzig sollte seine Arbeitsweise nachhaltig beeinflussen. Er wurde von Parasol Press eingeladen eine Serie von Drucken zu erstellen und entschied sich für die Mezzotinto Technik oder Schabkunst. Diese Technik war im achtzehnten Jahrhundert für Porträtreproduktionen weit verbreitet aber fast in Vergessenheit geraten. Während des Prozesses passierte ein technischer Fehler als ein Plakat eine gerasterte Aufnahme von Keith Hollingworth reproduzierte und dabei ungewollt das schematische Schachbrettmuster offenbarte. Anstatt diesen Effekt zu verbergen erkannte Close darin eine ästhetische Chance. Er begann das Raster bewusst als gestalterisches Element in seine Malerei zu integrieren. Diese Entdeckung führte dazu dass er das gleiche Bild immer wieder mit verschiedenen Techniken und Medien bearbeitete um die Wirkung des Rasters auf die Wahrnehmung des Gesichts zu erforschen. Das Raster war fortan nicht mehr nur ein Hilfsmittel zur Übertragung sondern wurde zum sichtbaren Skelett seiner Porträts.

Der unbestechliche Blick des Fotorealismus

In seinen frühen fotorealistischen Werken konzentrierte sich Close auf Freunde und Familienmitglieder sowie auf befreundete Künstler. Er wollte keine idealisierten Porträts schaffen sondern die nackte Wahrheit der menschlichen Physis einfangen. Er bildete die mechanischen Unzulänglichkeiten der Fotografie wie etwa die Unschärfe am Rand des Gesichts oder die Verzerrung der Kameralinse exakt nach. Gleichzeitig überzeichnete er die vermeintlichen Fehler des menschlichen Gesichts. Blutunterlaufene Augen und unterbrochene Kapillaren sowie vergrößerte Poren wurden unter seinem Pinsel zu Landschaften von faszinierender Komplexität. Jenny Saville hat diese Tradition des ungeschönten Blicks auf den menschlichen Körper weitergeführt und die Materialität des Fleisches mit einer Wucht auf die Leinwand gebracht die an Close erinnert doch während Close sich strikt auf das Gesicht beschränkt und es als abstraktes Rastersystem kartografiert erweitert Saville den Maßstab auf den gesamten Körper und macht die Verletzlichkeit des Fleisches selbst zum Gegenstand einer fast schon chirurgischen Malerei. Für Close war das Gesicht eine Oberfläche die es zu kartografieren galt wobei er jeden Makel mit der gleichen Sorgfalt behandelte wie die Iris des Auges. Dieser hyperrealistische Ansatz forderte den Betrachter heraus das menschliche Antlitz ohne die gewohnte soziale Filterung zu betrachten.

Die Transformation der neunziger Jahre und die Ästhetik der Kacheln

In den neunziger Jahren vollzog Chuck Close eine bemerkenswerte stilistische Wandlung. Er ersetzte die fast schon mikroskopischen Details seiner frühen Phase durch ein deutlich sichtbares Raster aus Kacheln. Jede dieser Kacheln füllte er mit bunten elliptischen und eiförmigen Mustern die aus der Nähe betrachtet wie kleine abstrakte Kunstwerke wirken. Diese Technik erinnert an das Prinzip des Pointillismus oder an digitale Pixel doch bei Close bleibt die Individualität jeder Kachel erhalten. In seiner systematischen Zerlegung des Bildes in einzelne Einheiten berührt sich Closes Methode mit der Arbeitsweise von Andreas Gursky der seine Fotografien ebenfalls in ein strenges Rastersystem überführt und durch digitale Montage eine Steigerung der Wirklichkeit anstrebt doch während Gursky aus der Distanz der Vogelperspektive die Menschenmenge zum Ornament verwandelt und das Individuum in der Masse verschwinden lässt kehrt Close die Richtung um: Er zerlegt das eine Gesicht in hunderte abstrakte Einheiten und zwingt den Betrachter es aus der Distanz wieder zusammenzusetzen. Wenn man direkt vor der Leinwand steht sieht man nur ein Meer aus bunten Wirbeln und geometrischen Formen. Tritt man jedoch einige Schritte zurück geschieht das Wunder der Wahrnehmung: Die abstrakten Flecken fügen sich zu einem dynamischen und lebendigen Gesicht zusammen. Diese Dekonstruktion des Antlitzes war seine Antwort auf die fortschreitende Erfahrung seiner Gesichtsblindheit. Er zwang das Auge des Betrachters den Prozess der Bildwerdung aktiv mitzuvollziehen.

Chuck Close als Architekt der menschlichen Erscheinung

Das Lebenswerk von Chuck Close ist ein Beweis für die Kraft der Beharrlichkeit und der Innovation. Er hat gezeigt dass persönliche Einschränkungen wie die Prosopagnosie nicht das Ende einer künstlerischen Vision sein müssen sondern deren Ausgangspunkt werden können. Er hat das Porträt aus der Nische der traditionellen Malerei befreit und es zu einem Feld für technologische und wahrnehmungsbezogene Experimente gemacht. Seine riesigen Gesichter blicken uns heute aus den großen Museen der Welt an und fordern uns auf unsere eigene Art des Sehens zu hinterfragen. Er hat uns gelehrt dass jedes Gesicht eine unendliche Welt aus Details ist die es verdient mit unbestechlicher Ehrlichkeit betrachtet zu werden. Chuck Close blieb bis zum Ende seiner Karriere ein Arbeiter am Bild der die Malerei als einen Prozess der systematischen Annäherung an die Wirklichkeit begriff. Sein Vermächtnis liegt in der Erkenntnis dass wir die Welt nur dann wirklich verstehen wenn wir bereit sind sie in ihre kleinsten Bestandteile zu zerlegen um sie dann in unserem Geist neu zusammenzusetzen. Er bleibt der große Konstrukteur des menschlichen Gesichts dessen Werke uns daran erinnern dass hinter jeder Oberfläche eine unendliche Komplexität verborgen liegt die es zu entdecken gilt.

Auch im Jahr zweitausendsechsundzwanzig bleibt die Wirkung seiner Bilder ungebrochen da sie die zeitlose Frage nach der Identität und der Wahrnehmung stellen. In einer Welt die immer stärker von flüchtigen digitalen Bildern geprägt ist bieten die monumentalen Leinwände von Close einen Ort der Beständigkeit und der tiefen Kontemplation. Er hat die Malerei zu einer Wissenschaft des Sehens gemacht bei der jeder Pinselstrich eine Entscheidung für die Wahrheit ist. Chuck Close hat uns ein Archiv der Gesichter hinterlassen das als Mahnmal für die menschliche Individualität in einer massengefertigten Welt steht.

Mehr Informationen unter: http://chuckclose.com/

Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die das menschliche Gesicht und die Wahrnehmung befragen — von Faces III bis Light with no Sound.