Thomas Hirschhorn und die ästhetische Energie des prekären Widerstands

In der oft so steril und exklusiv wirkenden Welt der zeitgenössischen Kunst gibt es nur wenige Akteure die es wagen die glatten Oberflächen des Museumsbetriebs so radikal aufzubrechen wie Thomas Hirschhorn. Der im Jahr neunzehnhundertvierundfünfzig in Bern geborene Künstler hat eine Laufbahn eingeschlagen die ihn weit über die Grenzen seiner Schweizer Heimat hinausgeführt hat. Hirschhorn der seine Ausbildung an der Kunstgewerbeschule in Zürich begann und seit dem Jahr neunzehnhundertdreiundachtzig in Paris lebt und arbeitet versteht die Kunst nicht als ein dekoratives Objekt das man aus sicherer Distanz bewundert. Für ihn ist die Kunst eine Notwendigkeit eine Form des Widerstands und vor allem ein energetisches Ereignis das den Betrachter zur Stellungnahme zwingt. Wenn wir heute im Jahr zweitausendsechsundzwanzig auf sein umfangreiches Werk blicken sehen wir einen Künstler der den öffentlichen Raum als sein eigentliches Atelier begriffen hat. Seine Arbeiten fordern uns heraus uns mit der Wahrheit auseinanderzusetzen die wir im bequemen Alltag oft lieber übersehen würden. Hirschhorn ist ein Meister der Materialschlacht der mit einfachsten Mitteln komplexe politische und philosophische Fragen in den Raum stellt. Er hat das Verständnis davon was ein Kunstwerk sein kann und wer daran teilhaben darf grundlegend revolutioniert indem er die Autonomie des Werks zugunsten einer radikalen Interaktion mit dem Publikum geopfert hat.

Die Straße als Bühne für die Energie der Produktion und Präsenz

Thomas Hirschhorn hat sich schon früh in seiner Karriere von der Vorstellung verabschiedet dass Kunst nur in den geschützten Räumen von Galerien und Museen stattfinden sollte. Obwohl seine international anerkannten Werke heute in den bedeutendsten Sammlungen der Welt zu finden sind liegt der eigentliche Schwerpunkt seines Schaffens im öffentlichen Raum. Für Hirschhorn ist der Ort an dem die Menschen leben und arbeiten der entscheidende Schauplatz für die Kunst. Er rückt nicht nur das fertige Werk sondern auch den gesamten Prozess des Entstehens und seine eigene Person in den Fokus der Aufmerksamkeit. Auch Christoph Schlingensief hat die Kunst als ein energetisches Ereignis begriffen das die Bequemlichkeit des Kulturbetriebs sprengt und den eigenen Körper als Material einsetzt doch während Schlingensief den Exzess und das Chaos zum Medium machte und seine Aktionen wie Eruptionen in das öffentliche Bewusstsein einbrachen baut Hirschhorn seine Installationen über Wochen hinweg mit methodischer Ausdauer auf und macht den langwierigen Prozess der Produktion selbst zum politischen Akt. Durch seine physische Anwesenheit bei der Errichtung seiner oft monumentalen Installationen tritt er in eine direkte und manchmal schmerzhafte Beziehung zum Betrachter. Hierbei geraten traditionelle Begriffe wie die Urheberschaft oder die Distanz zwischen Künstler und Publikum ins Wanken. Die Kunst wird bei Hirschhorn zum Event das eine unmittelbare politische Kraft entfaltet weil es sich nicht versteckt sondern den Dialog erzwingt.

Braunes Paketband und die Ästhetik der radikalen Dringlichkeit

Um die politische Kraft seiner Kunst zu entfalten greift Thomas Hirschhorn konsequent auf Materialien zurück die wir alle aus unserem Alltag kennen und die normalerweise als Abfall oder Verpackungsmaterial betrachtet werden. Plastikfolie und Karton sowie massenhaft braunes Paketband und ausgeschnittene Bilder aus Zeitschriften sind seine bevorzugten Werkstoffe. Diese Materialien sind so wenig exklusiv wie das Publikum das er erreichen möchte. In seinen Händen verwandeln sich diese Alltagsgegenstände in komplexe skulpturale Installationen die das Gewohnte aus seinem Kontext reißen und aufs Neue sichtbar machen. Hirschhorn lehnt die Verwendung von edlen Materialien wie Bronze oder Marmor ab weil diese eine Distanz schaffen die er überbrücken will. Auch Santiago Sierra hat die Kunst als radikale Konfrontation mit sozialer Ungleichheit begriffen und den Betrachter mit Arbeiten verstört die Ausbeutungsverhältnisse nicht darstellen sondern reproduzieren doch während Sierra die Mechanismen der Macht mit der kalten Distanz des Analytikers offenlegt und den Betrachter zum stummen Komplizen macht überflutet Hirschhorn den Raum mit Information und Energie und gibt dem Publikum die Möglichkeit sich aktiv einzubringen. Sein ästhetisches Motto lautet Energy yes Quality no wobei er Qualität im Sinne eines bürgerlichen Schönheitsideals versteht das er ablehnt. Er setzt auf die Dringlichkeit des Ausdrucks und die Wucht der Information. Wenn man vor einer seiner Wände aus Paketband steht die mit hunderten von Zeitungsartikeln und philosophischen Zitaten beklebt sind spürt man die schiere Energie die in die Recherche und den Aufbau geflossen ist.

Die monumentale Hommage an die Vordenker des radikalen Denkens

Ein zentraler Meilenstein in Hirschhorns Schaffen ist seine Auseinandersetzung mit der Philosophie und der Literatur. Er nutzt seine Kunst um jenen Denkern ein Denkmal zu setzen die unser Verständnis von Gesellschaft und Existenz herausgefordert haben. Besonders deutlich zeigt sich dies an seiner Serie von vier Monumenten die er über einen Zeitraum von mehr als vierzehn Jahren realisierte. Er widmete diese monumentalen aber temporären Bauwerke den Philosophen Spinoza im Jahr neunzehnhundertneunundneunzig in Amsterdam und Gilles Deleuze im Jahr zweitausend in Avignon sowie Georges Bataille im Rahmen der Documenta elf in Kassel im Jahr zweitausendzwei. Den Abschluss dieser Reihe bildete das Gramsci Monument das im Jahr zweitausenddreizehn in der Bronx in New York errichtet wurde. Diese Monumente waren keine statischen Statuen sondern lebendige soziale Zentren die oft in sozialen Brennpunkten gemeinsam mit den Bewohnern aufgebaut wurden. Sie enthielten Bibliotheken und Internetstationen sowie Radiostudios und Diskussionsforen. Hirschhorn gelang es damit die abstrakte Philosophie dorthin zu bringen wo sie am dringendsten gebraucht wird: mitten in das Leben der Menschen die oft vom kulturellen Diskurs ausgeschlossen sind. Diese Projekte waren Akte der radikalen Demokratisierung der Bildung und zeigten dass Kunst die Kraft hat Gemeinschaften zu bilden und den intellektuellen Austausch jenseits der akademischen Eliten zu fördern.

Skandal und Demokratie wenn Kunst das nationale Image herausfordert

Thomas Hirschhorn hat nie davor zurückgescheut Kontroversen zu provozieren wenn es der Sache der Wahrheit dient. Ein Beispiel das weit über die Kunstwelt hinaus für Schlagzeilen sorgte war die Installation Swiss Swiss Democracy die im Jahr zweitausendvier im Schweizer Kulturzentrum in Paris gezeigt wurde. Hirschhorn kombinierte darin drastische Folterbilder aus dem Irak Krieg mit den Wappen der Schweizer Kantone und hinterfragte damit kritisch das Selbstverständnis der Schweiz als neutraler und moralisch unantastbarer Staat. Die Reaktion der Politik war heftig und führte zu einer Kürzung der staatlichen Fördergelder für die Stiftung Pro Helvetia da man der Meinung war das Werk schädige das Außenbild der Schweiz. Doch für Hirschhorn war dieser Skandal nur eine Bestätigung für die Relevanz seiner Arbeit. Auch Ai Weiwei hat erfahren dass die politische Kunst den Staat dort trifft wo es wehtut und hat den offenen Konflikt mit der chinesischen Regierung zum Werkstoff seiner Kunst gemacht doch während Weiwei die Konfrontation personalisiert und seinen eigenen Körper als Schauplatz des Widerstands einsetzt arbeitet Hirschhorn mit der Anonymität des Kollektivs und lässt die Kraft der gemeinsam zusammengetragenen Information für sich sprechen. Er weigerte sich die Bilder der Gewalt zu ästhetisieren oder zu verstecken. Er wollte zeigen dass die Demokratie kein fertiger Zustand ist sondern ein ständiger Kampf um die Wahrheit und die Verantwortung.

Der Workshop als lebendige soziale Plastik des gemeinsamen Lernens

Ein weiterer wichtiger Aspekt in seinem Spätwerk ist die pädagogische und partizipative Dimension. Hirschhorn versteht Kunst als einen Ort des Austauschs an dem es keine festen Hierarchien zwischen Lehrenden und Lernenden gibt. Dies zeigte sich besonders deutlich in dem kritischen Workshop mit dem Titel What I can learn from you What you can learn from me der im Jahr zweitausendachtzehn im Remai Modern in Saskatoon stattfand. In solchen Formaten geht es ihm nicht darum Wissen zu konsumieren sondern es im gemeinsamen Tun zu produzieren. Die Teilnehmer werden aufgefordert ihre eigenen Erfahrungen und Fähigkeiten einzubringen wodurch die Installation zu einer lebendigen sozialen Plastik im Sinne von Joseph Beuys wird. Beuys hatte den erweiterten Kunstbegriff formuliert und die Idee dass jeder Mensch ein Künstler sei zur gesellschaftlichen Vision erhoben doch während Beuys als charismatischer Schamane diese Idee von einem Katheder aus verkündete setzt Hirschhorn sie in konkrete räumliche Situationen um in denen das Paketband und der Karton zum egalitären Medium werden das keine Ehrfurcht verlangt sondern zum Anfassen einlädt. Er beweist dass Kunst eine transformative Kraft besitzt wenn sie den Einzelnen ernst nimmt und ihn dazu ermutigt seine eigene Stimme im globalen Chor der Meinungen zu finden.

Globale Anerkennung und das Erbe der künstlerischen Unbeugsamkeit

Trotz seiner oft systemkritischen Haltung erfährt Thomas Hirschhorn seit Mitte der neunziger Jahre eine enorme internationale Anerkennung. Zahlreiche Auszeichnungen begleiten seinen Weg darunter der renommierte Preis für junge Schweizer Kunst im Jahr neunzehnhundertneunundneunzig und der Joseph Beuys Preis im Jahr zweitausendvier. Im Jahr zweitausendachtzehn wurde er mit dem Meret Oppenheim Preis geehrt was seinen Status als einer der wichtigsten lebenden Künstler der Schweiz und der Welt unterstreicht. Seine Werke sind heute fester Bestandteil der Sammlungen im Museum of Modern Art in New York und in der Tate Gallery in London sowie in der Kunsthalle Mannheim und im Walker Art Center in Minneapolis. Dass Hirschhorn trotz dieser musealen Weihen seinen prekären Stil und seine Liebe zum Paketband beibehalten hat zeigt seine unerschütterliche Integrität. Er nutzt die Plattformen der großen Museen um seine Botschaften an ein noch größeres Publikum zu tragen ohne dabei die Rauheit und die Direktheit seiner Arbeit zu opfern.

Wenn wir heute auf das Werk von Thomas Hirschhorn blicken sehen wir eine Kunst die nicht gefallen will sondern die etwas bewirken will. Er erinnert uns daran dass wir als Bürger einer globalisierten Welt die Verantwortung tragen genau hinzusehen und uns nicht in der Bequemlichkeit des Konsums zu verlieren. Sein Einsatz von Karton und Klebeband ist ein Plädoyer für eine Kunst der Notwendigkeit die zeigt dass man keine Millionen braucht um große Ideen in den Raum zu stellen. Hirschhorn hat bewiesen dass die Energie der Produktion wertvoller ist als die Perfektion des Produkts. Er bleibt der unermüdliche Arbeiter am Fundament unserer Demokratie der uns durch seine Installationen daran erinnert dass Denken ein Handeln ist das Mut erfordert. In einer Welt die oft von glatten digitalen Oberflächen dominiert wird ist seine haptische und schmutzige Ästhetik ein notwendiges Korrektiv das uns zurück zur physischen Realität und zur sozialen Interaktion führt.

Mehr Informationen unter: http://www.thomashirschhorn.com

Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die den öffentlichen Raum als Schauplatz der Kunst und des politischen Denkens begreifen — von Handle als wäre Rettung möglich bis Cataclysmic Change.