Das Echo des Anderen: Glenn Brown und die Archäologie der Oberfläche

Man tritt vor diese Leinwände und spürt sofort wie der eigene Sehsinn in die Irre geführt wird. Es ist ein Moment der vollkommenen visuellen Verunsicherung die uns heute mehr denn je vor die Frage stellt was ein Bild in Zeiten seiner unendlichen Reproduzierbarkeit eigentlich noch wert ist. Wer die Werke von Glenn Brown betrachtet der begegnet einem Künstler der das Kopieren zur höchsten Form der Erkenntnis erhoben hat. Geboren wurde er 1966 in der nordenglischen Stadt Hexham in Northumberland einer Region die von einer herben und oft melancholischen Schönheit geprägt ist. Brown ist ein Meister der Aneignung ein Alchemist der Bilder der das Bestehende nimmt um es in etwas vollkommen Neues und oft Verstörendes zu verwandeln. Er beginnt seine Arbeit dort wo andere sie beenden nämlich bei der Replik. Er verändert die Farben und die Position sowie die Stimmung und die Proportionen bis das Original nur noch als ein fernes Geisterbild durch die Schichten der Farbe schimmert. In seinem Werk begegnen wir einer Welt in der die Originalität nicht im Schöpfen aus dem Nichts liegt sondern im präzisen Umgang mit dem bereits Vorhandenen.

Die dunkle Liturgie der Kindheit und der Geist von Goldsmiths

Die frühe visuelle Entwicklung von Glenn Brown war tief geprägt von der religiösen Ikonografie die ihn in seiner nordenglischen Heimat umgab. Es waren diese grandiosen und angstbesetzten Darstellungen des Göttlichen und des Leidenden die seinen Blick für das Pathos und die Melancholie schärften. Er begann seine Ausbildung mit einem Foundation Course an der Norwich School of Art und Design gefolgt von einem Studium an der Bath School of Art. Anfang der 1990er Jahre zog es ihn schließlich nach London an das legendäre Goldsmiths College jene Brutstätte der Young British Artists die die Kunstwelt in jenen Jahren radikal verändern sollten. Brown fand seinen Platz im damals vernachlässigten Viertel Shoreditch im Osten Londons wo ehrgeizige Künstler verlassene Fabriken und besetzte Häuser in Ateliers verwandelten. Obwohl er 1997 an der bahnbrechenden Ausstellung Sensation in der Royal Academy teilnahm versuchte er sich stets von der Gruppe der YBA zu distanzieren. Er wollte kein Teil einer lauten Bewegung sein sondern suchte seine eigene Herausforderung in der Stille der Malerei und in der Auseinandersetzung mit der Geschichte der Bilder.

Die Philosophie der Bildergeneration und der Geist von Roland Barthes

Was Glenn Brown antreibt ist eine tiefe intellektuelle Neugier die sich aus den Schriften des französischen Philosophen Roland Barthes speist. Besonders das Konzept des Todes des Autors und die Hinterfragung von künstlerischer Originalität spielten für ihn eine zentrale Rolle. Er fühlte sich von der sogenannten Pictures Generation angezogen jener Gruppe von Künstlern wie Cindy Sherman und Richard Prince die bereits in den späten siebziger Jahren begannen die Bilderwelt des Massenkonsums zu dekonstruieren. Doch während Sherman ihren eigenen Körper als Projektionsfläche für die Dekonstruktion medialer Rollenbilder einsetzt und die Fotografie als Medium der Identitätsauflösung nutzt überträgt Brown die Strategie der Aneignung auf die klassische Ölmalerei und macht die gesamte Kunstgeschichte von Rembrandt bis zur Science Fiction zum Materialbaukasten aus dem er seine verstörend schönen Chimären konstruiert. Mitte der 1990er Jahre entwickelte er eine Reihe von Gemälden die auf Science Fiction Grafiken der siebziger und achtziger Jahre basierten. Er nutzte die kitschigen Buchumschläge von Illustratoren wie Antony Roberts und Chris Foss um mit den gefundenen Bildern zu spielen. Doch er kopierte sie nicht einfach; er verwandelte sie in Panorama Ansichten mit einer fotorealistischen Detailtiefe die den Betrachter schwindlig werden lässt.

Der Skandal von 2000 und die Last des Plagiats

Das Jahr 2000 markierte einen Wendepunkt in der Karriere von Glenn Brown der sowohl von Erfolg als auch von heftiger Kritik geprägt war. Er wurde von der Times des Plagiats bezichtigt nachdem bekannt wurde dass er sich für ein Science Fiction Cover sehr direkt bei der Kunst von Anthony Roberts bedient hatte. Während in diesem Jahr Wolfgang Tillmans den Turner Preis erhielt wurde der Rechtsstreit zwischen Roberts und Brown schließlich außergerichtlich beigelegt. Diese Episode wirft ein Schlaglicht auf das zentrale Dilemma seiner Kunst: Wo endet die Inspiration und wo beginnt der Diebstahl? Für Brown selbst ist diese Grenze fließend da er das gesamte Archiv der Kunstgeschichte als einen Materialbaukasten begreift. Er nimmt sich die Freiheit die Werke von Rembrandt oder Van Gogh sowie Soutine und Delacroix so zu verändern dass sie in einen neuen Dialog mit der Gegenwart treten.

Die Metamorphose zum Karnevalesken

Um die Jahrtausendwende begann sich die Praxis von Glenn Brown erneut zu wandeln weg von der rein illustrativen Ableitung hin zu einer Form die er selbst als karnevalesk bezeichnet. Er begann die Farben noch radikaler zu übersteigern und die Formen so weit zu dehnen bis sie eine eigene groteske Schönheit entfalteten. Auch John Currin hat die Technik der Alten Meister in den Dienst einer zeitgenössischen Malerei gestellt die zwischen Erhabenheit und Groteske balanciert doch während Currin die Lasurtechnik der Renaissance nutzt um die Schönheitsideale der Gegenwart satirisch zu verzerren und seinen Figuren die manieristische Überlänge eines Parmigianino verleiht malt Brown wie Van Gogh aber ohne dessen pastosen Farbauftrag: Seine Oberflächen sind glatt wie Spiegel und doch suggerieren sie eine haptische Tiefe die nur durch den Pinselstrich erzeugt wird — eine Täuschung der Täuschung die das Trompe l’oeil selbst zum Gegenstand macht. Seine Porträts wirken oft wie verwesende Schönheiten oder wie Gestalten aus einem Fiebertraum die uns mit einer seltsamen Melancholie anstarren. Brown zeigt uns dass die Malerei auch im Jahr 2026 noch eine Relevanz besitzt wenn sie bereit ist sich selbst als eine Form der Maskerade zu begreifen.

Die Archäologie der Oberfläche als Form der Wahrheit

Man kann das Werk von Glenn Brown als eine Form der visuellen Archäologie betrachten bei der nicht nach Knochen oder Scherben gegraben wird sondern nach den emotionalen Schichten die in den Bildern der Vergangenheit verborgen liegen. Er befreit die Klassiker von ihrer musealen Erstarrung und gibt ihnen eine neue nervöse Energie zurück. In seinen großformatigen Werken verschmelzen die Grenzen zwischen dem Schönen und dem Hässlichen sowie zwischen dem Kitsch und der Erhabenheit. Er ist ein zeitgenössischer Künstler der uns zeigt dass die Wahrheit eines Bildes nicht in seiner Einzigartigkeit liegt sondern in der Resonanz die es in uns auslöst. Brown hat den Mut das Elitäre mit dem Populären zu kreuzen und damit eine Sprache zu schaffen die weltweit verstanden wird. Er bleibt der große Manipulator der Sinne der uns lehrt dass wir den Bildern niemals ganz trauen dürfen da sie immer nur Schatten einer anderen Wirklichkeit sind. Sein Vermächtnis ist eine Malerei die sich ihrer eigenen Künstlichkeit bewusst ist und die gerade deshalb eine so tiefe menschliche Wahrheit offenbart.

Mehr Informationen unter: https://glenn-brown.co.uk

Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die das Verhältnis von Original und Kopie, von Oberfläche und Tiefe befragen.