In der pulsierenden Metropole Chicago erblickte im Jahr neunzehnhundertsiebenundsechzig eine Künstlerin das Licht der Welt die heute als eine der kraftvollsten Stimmen der zeitgenössischen Plastik gilt. Simone Leigh wuchs in der South Side auf einem Viertel das tief von der afroamerikanischen Kultur und Gemeinschaft geprägt war. Als Tochter jamaikanischer Missionare verbrachte sie ihre Kindheit in einer Umgebung in der die Hautfarbe keine Quelle der Einschränkung sondern ein selbstverständlicher Teil der Identität war. Diese frühe Erfahrung von Zugehörigkeit und Stolz legte den Grundstein für ein unerschütterliches Selbstbewusstsein das ihre gesamte spätere Karriere durchdringen sollte. Leigh selbst betont oft dass der Gedanke ihre Herkunft könne sie in ihrem Vorankommen behindern in ihrer Kindheit schlichtweg nicht existierte. Doch mit dem Eintritt in die weitere Gesellschaft und dem Studium der Geschichte erkannte sie die bittere Realität der Ungerechtigkeit und Diskriminierung der schwarze Frauen weltweit ausgesetzt sind. Aus dieser Spannung zwischen der inneren Sicherheit und der äußeren Marginalisierung entwickelte sich ein Werk das heute als radikaler Protest und zugleich als tiefe Hommage an die schwarze Weiblichkeit verstanden wird. Ihre Kunst ist eine Form der kollektiven Heilung und eine Neubesetzung des Raumes in dem die schwarze Frau viel zu lange unsichtbar war oder lediglich als Objekt fremder Blicke fungierte.
Die akademische Grundlegung zwischen Philosophie und sozialem Engagement
Bevor Simone Leigh die großen Bühnen der Kunstwelt eroberte war ihr Weg von einer tiefen intellektuellen Suche geprägt. Im Jahr neunzehnhundertneunzig schloss sie ihr Studium am Earlham College in Richmond im Bundesstaat Indiana ab wobei sie ihren Bachelor in Kunst mit einem Nebenfach in Philosophie kombinierte. Diese Verbindung aus ästhetischer Praxis und theoretischer Reflexion ist in jedem ihrer Werke spürbar. Besonders die Auseinandersetzung mit philosophischen Fragen zur Subjektivität und zur Macht half ihr dabei eine Sprache für das Unaussprechliche zu finden. Interessanterweise war es zunächst gar nicht ihr Plan die Kunst zu ihrem Hauptberuf zu machen. Getrieben von einem tiefen Wunsch nach gesellschaftlicher Veränderung strebte sie eine Karriere als Sozialarbeiterin an. Sie wollte unmittelbar im Leben der Menschen wirken und dort helfen wo die Not am größten war. Doch die kreative Urkraft ließ sich nicht dauerhaft unterdrücken. Ein entscheidendes Praktikum am National Museum of African Art öffnete ihr die Augen für die transformative Kraft der musealen Arbeit und der künstlerischen Produktion. Sie erkannte dass sie als Künstlerin vielleicht sogar einen nachhaltigeren Einfluss auf das soziale Bewusstsein ausüben konnte als im klassischen Sozialdienst. Diese Entscheidung markierte den Beginn einer Reise die sie von der Keramikwerkstatt bis zur Biennale von Venedig führen sollte und die sie heute zu einer der einflussreichsten Gestalten der globalen Gegenwartskunst macht.
Die Materialität der Erde: Von der Keramik zur monumentalen Bronze
Obwohl Simone Leigh heute in verschiedenen Medien arbeitet und Installationen sowie Videos und Performances in ihr Schaffen integriert sieht sie sich selbst im Kern als Bildhauerin. Ihre Reise begann mit der Erde selbst mit der Keramikkunst. Leigh ist eine ausgewiesene Expertin in diesem Bereich und gab ihr Wissen über Jahre hinweg als Lehrende an der angesehenen Rhode Island School of Design weiter. Keramik ist für sie nicht nur ein Material sondern ein geschichtsträchtiger Träger von Kultur und Tradition. In ihren frühen Arbeiten nutzte sie oft Ton um organische Formen zu schaffen die an die Gefäße und die Architektur des afrikanischen Kontinents erinnerten. Auch Wangechi Mutu schafft hybride Figuren die afrikanische Mythologie und Feminismus verschränken und hat mit ihren Karyatiden am Metropolitan Museum monumentale Bronzeskulpturen schwarzer Weiblichkeit in den öffentlichen Raum gestellt doch während Mutu ihre Figuren aus Collage und organischem Material zu fantastischen Mischwesen formt die zwischen Natur und Technologie schweben arbeitet Leigh mit der architektonischen Strenge der afrikanischen Bauform und verschmilzt den weiblichen Körper mit dem Wohnraum zu einer Einheit in der die Frau buchstäblich zum Fundament der Gemeinschaft wird. Doch in jüngster Zeit hat sie ihr Repertoire um die Monumentalität der Bronze erweitert. Der Wechsel von der spröden Zerbrechlichkeit der Keramik zur ewigen Beständigkeit der Bronze markiert auch eine Verschiebung in der Dimension ihrer Botschaften. Ihre Bronzeskulpturen besitzen eine Wucht die den öffentlichen Raum nicht nur besetzt sondern ihn dominiert. Trotz dieser Vielseitigkeit bleibt die Funktion ihrer Kunst konstant: Es geht ihr um die Sichtbarmachung der Identität und der gesellschaftlichen Position der afroamerikanischen Frau. Leigh setzt sich intensiv mit der Geschichte der Marginalisierung und der Diskriminierung auseinander und nutzt dabei traditionelle afrikanische Motive und Materialien wie Raffia oder Kuhlimuscheln die sie in einen modernen Kontext überführt.
The Waiting Room: Ein Denkmal für die Empathie und den Widerstand
Ein besonders eindringliches Beispiel für Leighs Fähigkeit soziale Praxis und Kunst zu verbinden war das Projekt The Waiting Room das im Jahr zweitausendsechzehn im New Museum in New York City präsentiert wurde. Diese Installation war weit mehr als eine statische Ausstellung; sie war ein radikaler Kommentar zu einem tragischen Vorfall der die tiefen Risse im US amerikanischen Gesundheitssystem offenlegte. Die Arbeit bezog sich auf das Schicksal von Esmin Elizabeth Green einer schwarzen Frau die nach einer Wartezeit von vierundzwanzig Stunden im Wartezimmer eines Krankenhauses verstarb ohne dass ihr Hilfe zuteil wurde. Leigh nutzte diesen grausamen Akt der Vernachlässigung um die fehlende Empathie gegenüber schwarzen Körpern im medizinischen Sektor anzuprangern. Kara Walker hat mit ihren Scherenschnitt-Silhouetten die Geschichte der Sklaverei in verstörend schöne Bilder übersetzt und die koloniale Gewalt als ästhetisches Erbe sichtbar gemacht doch während Walker die historische Brutalität im zweidimensionalen Bild konserviert und den Betrachter zum Zeugen macht verwandelt Leigh den Ausstellungsraum selbst in einen Ort der aktiven Fürsorge: An das Projekt waren Pflegesitzungen und Workshops geknüpft in denen die Besucher über verschiedene medizinische Traditionen und Heilmethoden lernen konnten. Leigh wollte damit nicht nur an das Opfer erinnern sondern andere schwarze Frauen aktiv davor warnen zu gehorsam gegenüber einem System zu sein das sie oft im Stich lässt. The Waiting Room war ein Akt der gemeinschaftlichen Stärkung und zeigte dass Kunst die Kraft besitzt reale Räume des Schmerzes in Räume der Erkenntnis und der Rebellion zu verwandeln.
Brick House und die Architektur des weiblichen Körpers
Im Jahr zweitausendneunzehn setzte Simone Leigh ein monumentales Zeichen im Herzen von New York City. Mit der Skulptur Brick House auf der High Line schuf sie ein Werk das die Architektur und den menschlichen Körper auf eine Weise miteinander verschmolz die sowohl majestätisch als auch geheimnisvoll wirkte. Die über fünf Meter hohe Bronzeskulptur zeigt den Oberkörper einer schwarzen Frau der in eine kuppelartige Form übergeht die an westafrikanische Lehmhütten oder die traditionelle Architektur der Batammaliba erinnert. Die Skulptur wurde im Rahmen des High Line Art Programms präsentiert das von Cecilia Alemani geleitet wird — derselben Kuratorin die drei Jahre später die Biennale von Venedig verantworten und Leighs Werk dort mit dem Goldenen Löwen ehren sollte. Brick House war das erste Werk ihrer fortlaufenden Reihe mit dem Titel Anatomy of Architecture in der sie die Verbindung zwischen dem Wohnraum und dem weiblichen Leib untersucht. Das Gesicht der Figur besitzt keine Augen was dem Werk eine fast schon göttliche Unnahbarkeit und eine tiefe Verinnerlichung verleiht. Inmitten der gläsernen Wolkenkratzer von Manhattan wirkte diese massiv wirkende Bronze wie ein uraltes Monument das aus der Erde gewachsen war um die Souveränität der schwarzen Frau im öffentlichen Raum zu behaupten.
Der Triumph in Venedig und der Goldene Löwe für die Freiheit
Der vorläufige Höhepunkt ihrer Karriere ereignete sich im Oktober zweitausendzwanzig als Simone Leigh als erste schwarze Frau ausgewählt wurde die Vereinigten Staaten von Amerika im Jahr zweitausendzweiundzwanzig bei der Biennale in Venedig zu vertreten. Diese Nominierung war ein historischer Moment und ein klares Signal für die wachsende Bedeutung ihrer Stimme im globalen Diskurs. In Venedig präsentierte sie ein beeindruckendes Ensemble von Werken die den US Pavillon in eine Reflexion über die Arbeit und die Ausdauer schwarzer Frauen verwandelten. Besonders ihre Skulptur Brick House die in der Hauptausstellung der Biennale gezeigt wurde brachte ihr die höchste Auszeichnung der Kunstwelt ein: den Goldenen Löwen. Die Jury würdigte damit ihre Fähigkeit Geschichte und Gegenwart in einer Form zu vereinen die sowohl ästhetisch brillant als auch politisch tiefgreifend ist. Leigh nutzt die internationale Bühne um auf das Kollektiv Black Women Artists for Black Lives Matter aufmerksam zu machen das sie mitbegründet hat. Dieses Kollektiv ist ein weiterer Beweis dafür dass sie die Kunst nicht als einen einsamen Prozess begreift sondern als eine gemeinschaftliche Kraftanstrengung für soziale Gerechtigkeit. Ihr Erfolg in Venedig war nicht nur ein persönlicher Triumph sondern ein Sieg für eine ganze Generation von Künstlerinnen die sich für die Sichtbarkeit schwarzer Subjektivität einsetzen.
Ein Erbe der Transformation und die Zukunft der sozialen Praxis
Heute lebt und arbeitet Simone Leigh weiterhin in New York City einer Stadt die ihr die nötige Reibung und Energie für ihr umfangreiches Werk bietet. Sie hat gezeigt dass Kunst keine Grenzen kennen muss wenn sie von einer klaren Vision und einem tiefen ethischen Kompass geleitet wird. Leigh hat die Bildhauerei revolutioniert indem sie sie als eine Form der autoethnographischen Forschung begreift die weit über das bloße Objekt hinausgeht. Ihre Arbeiten sind keine passiven Statuen sondern aktive Teilnehmer am gesellschaftlichen Dialog. Sie erinnern uns daran dass Architektur und Körper sowie Geschichte und Identität untrennbar miteinander verwoben sind. Simone Leigh ist eine Künstlerin die den Schmerz der Vergangenheit nutzt um eine Zukunft zu bauen in der die schwarze Frau nicht mehr marginalisiert sondern als das Zentrum der Schöpfung und des Wissens gefeiert wird. Ihr Vermächtnis liegt in der Souveränität ihrer Formen und in der Unbeugsamkeit ihres Geistes der uns alle dazu auffordert die Welt mit offeneren Augen und einem wacheren Herzen zu betrachten. Sie bleibt eine Ikone der Transformation die uns zeigt dass wahre Kunst immer auch ein Akt der Liebe und des Widerstands ist.
Mehr Informationen unter: https://simoneleighvenice2022.org
Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die Identität, Körper und die Kraft der Gemeinschaft verhandeln — von Handle als wäre Rettung möglich bis Dramaturgien des Zwischenraums.
