In der Welt der zeitgenössischen Kunst gibt es nur wenige Namen die eine so enorme Strahlkraft besitzen wie der von Andreas Gursky. Wer heute im Jahr zweitausendsechsundzwanzig auf sein bisheriges Lebenswerk blickt erkennt sofort dass dieser Mann die Fotografie aus ihrem Schattendasein als bloßes Abbild der Realität befreit und sie in den Rang der großen Malerei erhoben hat. Gursky ist ein Architekt der Sichtbarkeit der uns die Welt in einer Weise zeigt die zwar vertraut scheint aber in ihrer kompromisslosen Klarheit und ihrer schieren Größe über das menschliche Maß hinausgeht. Seine Bilder sind keine Schnappschüsse; sie sind hochkomplexe Konstruktionen die den Zustand unserer globalisierten Gesellschaft einfangen. Geboren wurde er am fünfzehnten Januar neunzehnhundertfünfundfünfzig in Leipzig mitten in der damaligen DDR. Doch die Geschichte seiner Familie ist eine des Aufbruchs und der Flucht. Schon kurz nach seiner Geburt verließen seine Eltern den Osten und ließen sich in der Rheinmetropole Düsseldorf nieder. Dass dieser Ort einmal das Epizentrum einer fotografischen Revolution werden sollte konnte damals niemand ahnen. Sein Vater arbeitete dort als Werbefotograf was dem jungen Andreas schon früh einen Einblick in die technische Seite des Mediums und die Macht der visuellen Inszenierung gab. Es war der Beginn einer Reise die ihn von den dokumentarischen Anfängen bis zur digitalen Meisterschaft führen sollte.
Die Ausbildung zwischen Essen und Düsseldorf: Die Geburt der Becher Schule
Der künstlerische Werdegang von Andreas Gursky war von Anfang an durch die Begegnung mit den bedeutendsten Köpfen der deutschen Fotografie geprägt. Von neunzehnhundertsiebenundsiebzig bis neunzehnhundertachtzig studierte er Visuelle Kommunikation an der Folkwang Universität der Künste in Essen. Hier lernte er bei Otto Steinert und Michael Schmidt zwei Giganten der Nachkriegsfotografie die seinen Blick für die Struktur und die soziale Dimension des Bildes schärften. Doch der wohl entscheidende Schritt erfolgte danach als er an die Kunstakademie Düsseldorf wechselte. Dort studierte er bis neunzehnhundertsiebenundachtzig bei Bernd Becher und Kasper König. Im Jahr neunzehnhundertfünfundachtzig wurde er schließlich Meisterschüler von Bernd Becher. Gemeinsam mit seinen Kommilitonen bildete er jene Gruppe die heute als Düsseldorfer Schule der Fotografie Weltruhm genießt. In diesem Umfeld in dem auch Größen wie Sigmar Polke und Gerhard Richter wirkten wurde Gursky tief von der dokumentarischen Praxis der Bechers beeinflusst. Die strenge Typologie und die sachliche Beobachtung von Industriearchitektur waren das Fundament auf dem er seine eigene Vision aufbaute. Zunächst hielt er sich eng an die Lehrmethoden seines Meisters doch schon bald spürte er den Drang die Grenzen des Mediums zu erweitern. Seine erste Einzelausstellung in der Galerie Johnen und Schöttle in Köln war ein wichtiger Meilenstein doch die Anerkennung seiner Arbeiten als absolut einmalige Werke erfolgte erst als er begann sich vom rein Dokumentarischen abzuwenden und jene großformatigen Fotografien anzufertigen die heute sein Markenzeichen sind.
Die digitale Revolution und die Verwandlung des Fotos in ein Gemälde
Anfang der neunziger Jahre vollzog Andreas Gursky einen radikalen Schnitt der die Fotografie für immer verändern sollte. Er begann die digitale Bildbearbeitung konsequent in seinen Arbeitsprozess zu integrieren. Während die Fotografie bis dahin als das Medium der Objektivität und der Wirklichkeitstreue galt nutzte Gursky die neuen technologischen Möglichkeiten um die Bilder zu manipulieren und neu zu ordnen. Er selbst verglich seine Arbeitsweise oft mit der Malerei da er das Bild nicht mehr nur fand sondern aktiv erschuf. Im Jahr neunzehnhundertzweiundneunzig startete er damit digitale Bilder durch aufwendige Montagen zu bearbeiten. Er fotografierte Orte der modernen Großstadt und Zentren des Konsums aber auch weite Landschaften wobei er die Farben eher dezent und kontrolliert einsetzte. Sein Ziel war nicht die Täuschung des Betrachters sondern eine Steigerung der Wirklichkeit. Er wollte das Wesen eines Ortes einfangen indem er Details hinzufügte oder störende Elemente entfernte um eine perfekte Komposition zu erreichen. Diese Vorgehensweise markierte den Übergang von der Fotografie als Fenster zur Welt hin zur Fotografie als konstruiertem Weltbild. Gursky thematisierte damit das moderne Verhältnis von Sein und Schein und zwang sein Publikum zu einer völligen Neubewertung der Rolle der künstlerischen Fotografie im digitalen Zeitalter.
Mayday V und die Architektur der künstlichen Vertikalität
Ein herausragendes Beispiel für Gurskys Methode der digitalen Montage ist das berühmte Werk Mayday V aus dem Jahr zweitausendsechs. Das Bild entstand während der jährlich stattfindenden Techno Party Mayday in der Dortmunder Westfalenhalle. Wer die Westfalenhalle kennt weiß dass sie lediglich vier Stockwerke besitzt. Doch in Gurskys Vision wurde sie nachträglich zu einem gewaltigen Turm mit achtzehn Stockwerken erhoben. Durch die Vervielfachung der Ebenen und die Verdichtung der Menschenmassen schuf er einen Raum der in der Realität so nicht existiert der aber das Gefühl und die Intensität des Ereignisses auf den Punkt bringt. Sein Wahrheitsanspruch bezieht sich nicht auf die architektonische Korrektheit sondern auf die Tatsache dass das Ereignis stattgefunden hat. Die Art und Weise wie er dieses Ereignis festhält ist für ihn variabel und dient der künstlerischen Aussage. Mayday V zeigt uns die Masse als ein ornamentales Gebilde und verwandelt das Chaos einer Party in eine streng geordnete fast schon sakrale Architektur. Es ist dieses Spiel mit der Erwartung des Betrachters das Gurskys Arbeiten so faszinierend macht. Wir sehen etwas das absolut real aussieht und müssen dennoch anerkennen dass es eine reine Konstruktion des Künstlers ist.
Rekordwerte auf dem internationalen Kunstmarkt: Die Währung der Perfektion
Seit vielen Jahren erzielen die Fotografien von Andreas Gursky auf dem internationalen Kunstmarkt absolute Spitzenpreise die zuvor nur für Meisterwerke der klassischen Malerei gezahlt wurden. Im Jahr zweitausendsechs wurde seine Fotografie 99 Cent aus dem Jahr zweitausendeins bei Sothebys für zwei komma zwei sechs Millionen Dollar verkauft. Noch im gleichen Jahr ersteigerte ein anonymer Bieter das 99 Cent II Diptychon für zwei komma vier acht Millionen Dollar. Diese Bilder die die Reizüberflutung in einem amerikanischen Billigmarkt zeigen sind Ikonen des globalen Kapitalismus geworden. Doch der absolute Rekord wurde am achten November zweitausendelf bei Christies in New York aufgestellt. Das Werk Rhein II aus dem Jahr neunzehnhundertneunundneunzig wurde für den unglaublichen Wert von vier komma drei Millionen Dollar versteigert. Damit war es bis zum Jahr zweitausendvierzehn die teuerste Einzelfotografie der Geschichte. Rhein II zeigt den Fluss als eine Serie von horizontalen Bändern in einer fast schon abstrakten Schlichtheit. Gursky entfernte digital alle störenden Details wie Spaziergänger oder Gebäude um die reine Essenz der Landschaft hervorzuheben. Dieser kommerzielle Erfolg unterstreicht die enorme Bedeutung seiner Arbeiten für das Verständnis der Gegenwartskunst. Gursky hat bewiesen dass ein technisches Bild eine Aura besitzen kann die Millionen wert ist.
Zusammenarbeit und politisches Engagement: Die Toten Hosen und die SPD
Andreas Gursky ist kein Künstler der im Elfenbeinturm lebt; er ist tief vernetzt in der kulturellen und politischen Landschaft Deutschlands. Von neunzehnhundertfünfundneunzig bis zweitausendsieben war er mit der Berliner Fotografin Nina Pohl verheiratet mit der er auch künstlerisch immer wieder zusammenarbeitete. Ein besonders populäres Ergebnis dieser Kooperation war das Cover Foto für das Best Of Album mit dem Titel Reich und Sexy II der Düsseldorfer Punkrockband Die Toten Hosen im Jahr zweitausendzwei. Dieses Projekt zeigt seine Verbundenheit zu seiner Heimatstadt und seine Offenheit für verschiedene kulturelle Sphären. Auch politisch bezog Gursky Stellung. Während der Bundestagswahl zweitausendzwei stellte er sein Motiv der rot grünen Bundesregierung für Werbezwecke zur Verfügung was seine Unterstützung für die damalige Koalition aus SPD und Grünen unterstrich. Diese Aktivitäten zeigen dass Gursky seine Kunst auch als einen Beitrag zum gesellschaftlichen Diskurs versteht. Er nutzt seine visuelle Macht um Akzente zu setzen die über den Galerierahmen hinausgehen.
Die akademische Lehre und das Fortwirken der Düsseldorfer Tradition
Seit dem Jahr zweitausendzehn gibt Andreas Gursky sein Wissen und seine Erfahrung an die nächste Generation weiter. Er arbeitet als Professor für Freie Kunst an der Düsseldorfer Kunstakademie also genau an dem Ort an dem seine eigene Karriere einst ihren Anfang nahm. Damit schließt sich ein Kreis und er stellt sicher dass die Tradition der Düsseldorfer Schule lebendig bleibt während er gleichzeitig neue Impulse setzt. Im Jahr zweitausendzwölf wurde er zudem Mitglied der Nordrhein Westfälischen Akademie der Wissenschaften und Künste eine Ehrung die seine Bedeutung als intellektuelle Kraft in seinem Bundesland unterstreicht. In seiner Lehre betont er vermutlich jene Mischung aus technischer Präzision und konzeptioneller Freiheit die sein eigenes Werk so erfolgreich gemacht hat. Gursky lehrt seine Studenten dass Fotografie heute bedeutet die Welt nicht nur zu sehen sondern sie zu denken und neu zu ordnen. Er bleibt eine zentrale Instanz der Kunstwelt deren Einfluss im Jahr zweitausendsechsundzwanzig ungebrochen ist.
Wenn man vor einem Werk von Andreas Gursky steht dann blickt man nicht nur auf ein Bild sondern auf ein ganzes Zeitalter. Er hat die Strukturen der Globalisierung und die Anonymität der modernen Arbeitswelt sowie die Schönheit der Natur in Bilder gebannt die hängen bleiben. Seine großformatigen Tableaus fordern uns heraus genau hinzusehen und die Muster in der Welt zu erkennen. Ob es die Börse in Tokio ist oder ein Verteilzentrum von Amazon oder der Lauf des Rheins; Gursky findet überall jene Ordnung die unsere moderne Existenz bestimmt. Er hat die Fotografie in die Zukunft geführt indem er sie von der Last der Wahrheit befreit und ihr die Freiheit der Kunst geschenkt hat. Sein Vermächtnis liegt in der Erkenntnis dass die Wirklichkeit oft erst durch die Konstruktion sichtbar wird. Er bleibt der unbestrittene Meister des großen Formats der uns zeigt dass wir die Welt nur verstehen können wenn wir bereit sind sie aus der Distanz und mit geschärftem Blick neu zu betrachten.
Mehr Informationen unter: https://www.andreasgursky.com
Signums sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten Künstler unserer Zeit vor. Als Galerie für zeitgenössische Kunst fördern und publizieren wir Künstler aus allen Bereichen modernen Schaffens.
