In der schillernden Welt der zeitgenössischen Kunst gibt es Momente in denen eine einzelne Stimme die Kraft besitzt die festgefahrenen Strukturen der Wahrnehmung aufzubrechen. Eine dieser Stimmen gehört zweifellos der polnischen Künstlerin Malgorzata Mirga Tas die im Jahr neunzehnhundertachtundsiebzig geboren wurde und deren Werk heute als eines der wichtigsten Zeugnisse für die Kraft der kulturellen Selbstbehauptung gilt. Wer heute im Jahr zweitausendsechsundzwanzig auf ihre Karriere blickt erkennt eine Künstlerin die es geschafft hat die vermeintliche Peripherie in das absolute Zentrum des globalen Kunstdiskurses zu rücken. Malgorzata Mirga Tas wuchs in einer Roma Siedlung im polnischen Czarna Góra auf einem Ort der tief in den Karpaten verwurzelt ist und der bis heute das pulsierende Herzstück ihrer Inspiration geblieben ist. Im Gegensatz zu vielen anderen Kunstschaffenden die in die großen Metropolen flüchten um dort nach Anerkennung zu suchen ist sie ihrer Heimat treu geblieben. Sie lebt und arbeitet weiterhin in Czarna Góra und schöpft aus der unmittelbaren Umgebung die Geschichten und Gesichter die ihre großformatigen Werke bevölkern. Ihre Kunst ist eine leidenschaftliche Liebeserklärung an den Alltag der Roma Kultur einer Gemeinschaft der sie selbst angehört und die sie mit einem Stolz und einer Würde darstellt die in der westlichen Kunstgeschichte viel zu lange fehlten. Ihre Bilder die in kräftigen und leuchtenden Farben erstrahlen fangen Männer und Frauen in Momentaufnahmen ein die uns zeigen dass das Besondere oft im ganz Gewöhnlichen verborgen liegt.
Die akademische Ausbildung und die Entdeckung des ephemeren Materials
Der künstlerische Weg von Malgorzata Mirga Tas begann an der Kunstschule Antoni Kenar einer Institution die für ihre handwerkliche Strenge bekannt ist. Hier legte sie das Fundament für ihr tiefes Verständnis von Form und Materialität. Später zog es sie an die renommierte Akademie der Bildenden Künste in Krakau wo sie im Jahr zweitausendvier ihr Studium im Fach Bildhauerei erfolgreich abschloss. Es ist eine faszinierende Facette ihrer Biografie dass sie sich trotz ihres Studiums der klassischen Plastik schon früh für Materialien interessierte die in der traditionellen Kunstwelt oft als minderwertig oder vergänglich angesehen wurden. Auch Sheela Gowda hat Materialien des alltäglichen Lebens wie Kuhdung und Kumkum sowie Menschenhaar zum Ausgangspunkt einer Kunst gemacht die die sinnliche Erfahrung indischer Alltagskultur mit den formalen Fragen zeitgenössischer Skulptur verbindet doch während Gowda ihre Materialien in abstrakte Installationen überführt die den Körper des Betrachters umschließen arbeitet Mirga Tas figurativ und collagenhaft und lässt die gespendeten Stoffe als Träger konkreter Biografien sichtbar bleiben. Besonders der Werkstoff Karton nahm in ihrer frühen Schaffensphase eine zentrale Rolle ein. Schon während ihrer Zeit in Krakau begann sie damit Skulpturen aus geklebten Kartonschichten zu modellieren. Diese Technik die viel Geduld und handwerkliches Geschick erforderte erlaubte es ihr großformatige Figuren zu schaffen die trotz ihrer monumentalen Erscheinung eine gewisse Leichtigkeit und Fragilität bewahrten. Diese Phase der Arbeit mit Karton war ein wichtiger Vorbote für ihre spätere Entwicklung hin zur Textilkunst da sie bereits damals lernte wie man durch das Schichten und Verkleben von Oberflächen eine plastische Tiefe erzeugt die den Betrachter zur Berührung einlädt.
Die politische Dimension des Gedenkens und der Kampf gegen das Vergessen
Malgorzata Mirga Tas begreift ihre künstlerische Tätigkeit nicht als einen Rückzug in den Elfenbeinturm sondern als einen aktiven Beitrag zum gesellschaftlichen Diskurs. Ihre Werke sind zwar bunt und farbenfroh aber sie tragen immer eine tiefe politische Nachricht in sich. Sie engagiert sich unermüdlich im Kampf gegen Rassismus und Ausgrenzung sowie gegen die fortwährende Diskriminierung der Roma Gemeinschaften in Europa. Dieser Aktivismus zeigt sich besonders deutlich in ihren Arbeiten im öffentlichen Raum die oft als Denkmale für die dunklen Kapitel der Geschichte fungieren. Im Jahr zweitausendvierzehn schuf sie die Skulptur Zalikierdo Drom was in der Sprache der Roma so viel wie Die unterbrochene Reise bedeutet. Dieses Werk ist eine kraftvolle Metapher für den Völkermord an Sinti und Roma während des Nationalsozialismus ein Verbrechen das in der kollektiven Erinnerung oft im Schatten anderer Gräueltaten stand. Auch Doris Salcedo hat mit ihren Skulpturen und Installationen den Opfern politischer Gewalt ein materielles Gedächtnis geschaffen und Alltagsmöbel mit Beton verfüllt als stumme Zeugen kolumbianischer Bürgerkriegsopfer doch während Salcedo die Abwesenheit der Toten in der Stille des Materials sichtbar macht antwortet Mirga Tas auf die Zerstörung mit einem Akt der Wiederherstellung: An derselben Stelle an der ihr Mahnmal von Unbekannten zerstört wurde ließ sie eine Kopie errichten um zu zeigen dass man die Erinnerung nicht durch Gewalt auslöschen kann. Ihre Kunst ist somit eine Form der Zeugenschaft die den Opfern ihre Namen und ihre Würde zurückgibt und gleichzeitig ein Mahnmal für die Gegenwart darstellt.
Re enchanting the World: Der triumphale Auftritt in Venedig
Der internationale Durchbruch und die endgültige Anerkennung als eine der einflussreichsten Künstlerinnen der Gegenwart erfolgte spätestens mit ihrer Teilnahme an der Biennale von Venedig im Jahr zweitausendzweiundzwanzig. Malgorzata Mirga Tas wurde die Ehre zuteil den polnischen Pavillon zu gestalten womit sie die erste Roma Künstlerin in der Geschichte dieser traditionsreichen Ausstellung war die einen nationalen Pavillon repräsentierte. Unter dem Titel Re enchanting the World was man als Die Welt neu verzaubern übersetzen kann schuf sie eine raumgreifende Installation die das Publikum und die Kritik weltweit in Staunen versetzte. Sie kleidete die Wände des Pavillons mit zwölf gewaltigen Textilcollagen aus die in ihrer Komposition an die berühmten Wandfresken des Palazzo Schifanoia in Ferrara erinnerten. Doch anstatt die klassischen mythologischen Götter oder Adligen darzustellen ersetzte sie diese durch Frauen aus ihrer eigenen Gemeinde und durch Szenen des täglichen Lebens in Czarna Góra. Auch Kara Walker hat die Bildsprache vergangener Jahrhunderte gekapert und die Ästhetik der Scherenschnitt-Silhouetten des 19. Jahrhunderts in ein Instrument der Anklage gegen die Geschichte der Sklaverei verwandelt doch während Walker in der Schwarz-Weiß-Reduktion der Silhouette die Gewalt der kolonialen Bildproduktion offenlegt arbeitet Mirga Tas mit der überbordenden Farbigkeit und Materialfülle der Textilcollage und verwandelt die Ikonografie der europäischen Renaissance in eine Feier der Roma Kultur die den Opfern nicht nur Sichtbarkeit sondern Schönheit zurückgibt. Die Installation war ein Akt der symbolischen Heilung und der ästhetischen Ermächtigung der zeigte dass die Roma Kultur eine Quelle unerschöpflicher Schönheit und Weisheit ist. Die Biennale wurde in diesem Jahr von Cecilia Alemani kuratiert deren Titel The Milk of Dreams die Wandelbarkeit von Körpern und die Frage nach kultureller Identität ins Zentrum stellte. In Venedig wurde deutlich dass Malgorzata Mirga Tas nicht nur für sich selbst spricht sondern für eine ganze Gemeinschaft die durch ihre Hände eine neue Sichtbarkeit erlangt hat.
Die Ästhetik der Muster und die feministische Perspektive
In den gemalten und collagenartigen Bildern von Malgorzata Mirga Tas finden sich unzählige Ornamente und Farben sowie Muster die für sie einen wesentlichen Teil der Roma Kultur widerspiegeln. Diese dekorativen Elemente sind jedoch weit mehr als bloßer Schmuck; sie sind Bedeutungsträger die von der Geschichte des Wanderns und der Beständigkeit erzählen. Die Verwendung von Textilien verleiht ihren Werken eine haptische Wärme die im krassen Gegensatz zur oft kühlen Distanz der modernen Kunst steht. Ihre Bilder wirken belebt und pulsierend da sie eine Vielzahl an Materialien und Kreiden kombiniert um den Figuren einen unverwechselbaren Ausdruck zu verleihen. Ein zentrales Motiv in ihrem Schaffen ist die Rolle der Frau innerhalb der Roma Gemeinschaft. Malgorzata Mirga Tas betrachtet das alltägliche Leben aus einer dezidiert feministischen Perspektive. Sie zeigt Roma Frauen nicht als passive Opfer von Vorurteilen sondern als starke und selbstbewusste Pfeiler ihrer Kultur. Wir sehen sie beim gemeinsamen Kochen oder beim Plaudern sowie bei der Arbeit und beim Fest. Diese Szenen der Gemeinschaftlichkeit sind Akte des Widerstands gegen die Stereotypisierung der Frau in patriarchalen Strukturen. Durch die collageartige Technik bei der sie Fragmente verschiedener Stoffe zu einem neuen Ganzen verbindet symbolisiert sie die Vielschichtigkeit der weiblichen Identität die sich aus Tradition und Moderne sowie aus persönlicher Erfahrung und kollektivem Erbe zusammensetzt. Ihre Kunst ist eine Feier der weiblichen Souveränität die den Raum besetzt und den Blick des Betrachters herausfordert.
Soziale Praxis und die Kraft der kollektiven Kreativität
Ein weiterer wesentlicher Aspekt im Leben und Werk von Malgorzata Mirga Tas ist ihr Engagement für die soziale Praxis. Sie sieht die Kunst nicht als einen einsamen Prozess der im stillen Kämmerlein stattfindet sondern als ein Instrument der Gemeinschaftsbildung. Sie ist die Gründerin einer internationalen Künstlergruppe in der Menschen sowohl aus der Roma Kultur als auch von außerhalb gemeinsam an Projekten arbeiten. Dieses Kollektiv dient als Plattform für den interkulturellen Austausch und als Raum in dem Vorurteile durch die gemeinsame kreative Arbeit abgebaut werden können. Malgorzata Mirga Tas versteht sich als Brückenbauerin die zwischen zwei Welten pendelt: der oft elitären westlichen Kunstszene und der von Diskriminierung geprägten Realität ihrer Ethnie. Sie nutzt ihren Erfolg um auf die Belange ihrer Gemeinschaft aufmerksam zu machen und um junge Talente zu fördern. Ihre sozialen Projekte sind untrennbar mit ihren ästhetischen Überzeugungen verknüpft da sie davon überzeugt ist dass wahre Kunstinnovation nur dann entstehen kann wenn sie im Leben der Menschen verwurzelt ist. Durch Workshops und Ausstellungen an Orten wie der Berlin Biennale oder dem Museum of Modern Art in Warschau hat sie bewiesen dass ihre Botschaft universell verstanden wird und dass die Kunst eine reale Veränderung im Bewusstsein der Gesellschaft bewirken kann. Sie zeigt uns dass man die Welt nicht nur kritisieren sondern durch die Kraft der Vision auch tatsächlich neu verzaubern kann.
Die Materialien des Alltags und die Alchemie des Stoffes
Die Materialwahl bei Malgorzata Mirga Tas ist ein Statement für die Nachhaltigkeit und die Wertschätzung des Vorhandenen. Dass sie oft alte Kleider oder Stoffreste verwendet die ihr von Familienmitgliedern oder Nachbarn gespendet wurden verleiht ihren Collagen eine zusätzliche emotionale Tiefe. Jeder Flicken und jedes Stück Spitze trägt die Aura der Person in sich die es zuvor getragen hat. In ihren Händen verwandelt sich diese abgelegte Kleidung in ein Medium der Geschichtsschreibung. Dieser Prozess der Transformation erinnert an eine moderne Alchemie bei der das vermeintlich Verbrauchte in ein wertvolles Kunstwerk überführt wird. Besonders in ihren großformatigen Tableaus die oft ganze Wände einnehmen wird die schiere Wucht dieser materiellen Präsenz spürbar. Die Farbenfrohheit ihrer Arbeiten ist dabei kein Selbstzweck sondern ein Ausdruck von Vitalität und Überlebenswillen. Die Muster die oft florale oder geometrische Motive aufgreifen verweisen auf die reiche textile Tradition der Sinti und Roma und stellen eine Verbindung zu den Kunsthandwerken her die über Generationen hinweg gepflegt wurden. Malgorzata Mirga Tas beweist dass die Grenze zwischen Kunst und Handwerk künstlich ist und dass die höchste Form der Ästhetik dort entsteht wo Handwerk und Herzblut sowie politischer Verstand aufeinandertreffen. Ihre Technik der Collage ist eine Metapher für das Leben selbst das aus vielen verschiedenen Fragmenten besteht die erst in der richtigen Anordnung ein sinnvolles Bild ergeben.
Ein Vermächtnis des Mutes im einundzwanzigsten Jahrhundert
Malgorzata Mirga Tas ist im Jahr zweitausendsechsundzwanzig längst zu einer Ikone der kulturellen Identität und des künstlerischen Widerstands geworden. Ihre Fähigkeit zwischen den Welten hin und herzuspringen ohne dabei ihre Wurzeln zu verlieren macht sie zu einem Vorbild für viele junge Künstlerinnen weltweit. Sie hat gezeigt dass man keine Angst vor der Farbigkeit haben muss wenn man über schmerzhafte Themen spricht und dass die Schönheit ein mächtiger Verbündeter im Kampf für Gerechtigkeit sein kann. Ihr umfangreiches Werk das mittlerweile in den bedeutendsten Galerien und Museen der Welt zu finden ist bleibt eine ständige Erinnerung daran dass wir alle die Verantwortung tragen die Vielfalt unserer Gesellschaft zu schützen und zu feiern. Malgorzata Mirga Tas hat der Roma Kultur eine Stimme gegeben die nicht mehr überhört werden kann und sie hat uns gelehrt dass die unterbrochene Reise ihrer Vorfahren heute in einer neuen Form der kreativen Freiheit ihre Fortsetzung findet. Ihr Vermächtnis liegt in der Ermutigung zur Authentizität und in der Unbeugsamkeit ihres Geistes der uns auffordert die Welt mit offeneren Augen zu betrachten. Sie bleibt die unermüdliche Weberin unserer gemeinsamen Geschichte die uns zeigt dass jedes Leben es wert ist in kräftigen Farben und prächtigen Mustern festgehalten zu werden.
Durch ihre zahlreichen Auszeichnungen wie etwa bei der Biennale der Malerei Bielska Jesień wurde ihr Talent immer wieder offiziell bestätigt doch der wahre Wert ihrer Arbeit liegt in der Veränderung die sie in den Köpfen der Menschen bewirkt. Wer vor einem ihrer riesigen Textilbilder steht spürt die Wärme der Gemeinschaft und die Kraft einer Kultur die trotz aller Widrigkeiten niemals aufgegeben hat zu strahlen. Malgorzata Mirga Tas hat die Welt tatsächlich neu verzaubert indem sie uns die Augen für die Reichtümer geöffnet hat die direkt vor unserer Haustür in den Siedlungen und in den Herzen der Menschen liegen. Ihr Weg ist noch lange nicht zu Ende und wir dürfen gespannt sein welche Geschichten sie uns als nächstes in ihren gewebten Identitäten erzählen wird.
Mehr Informationen unter: https://www.romarchive.eu/de/collection/p/malgorzata-mirga-tas/
Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die kulturelle Identität und die Kraft des Materials feiern — von Dramaturgien des Zwischenraums bis Mainichi — Alltagswelt in Japan.
