In der Geschichte der zeitgenössischen Kunst gibt es kaum ein Erkennungsmerkmal das so konsequent und zugleich so provokant einfach ist wie die vertikalen Streifen von Daniel Buren. Wer heute im Jahr zweitausendsechsundzwanzig durch die Alleen von Paris spaziert oder die großen Museen der Welt besucht stößt unweigerlich auf jenes visuelle System das seit über sechs Jahrzehnten die Wahrnehmung von Architektur und Raum herausfordert. Daniel Buren der im Jahr neunzehnhundertachtunddreißig in Boulogne Billancourt geboren wurde hat es geschafft ein banales Muster aus dem Alltag der Markisenstoffe zu nehmen und es zu einem hocheffizienten Werkzeug der Institutionskritik und der räumlichen Analyse zu machen. Die Streifen die bei ihm stets exakt acht komma sieben Zentimeter breit sind fungieren als ein neutrales Zeichen das den Blick nicht auf sich selbst sondern auf die Umgebung lenkt. Buren ist ein Wanderer zwischen der Malerei und der Skulptur sowie der Architektur und dem öffentlichen Raum. Seine Arbeit ist ein ständiges Aufbegehren gegen die Starrheit des Kunstsystems und eine Einladung an den Betrachter die Welt mit einer neuen analytischen Klarheit zu sehen. Auch Dan Flavin hat seine gesamte Kunst auf ein einziges industrielles Element reduziert und die handelsübliche Leuchtstoffröhre zum alleinigen Vokabular einer monumentalen Lichtkunst erhoben doch während Flavin den Raum mit immaterieller Farbatmosphäre flutet und die Architektur in Licht auflöst markiert Buren den Raum mit seinem Streifensystem wie ein Vermesser und macht die Architektur nicht unsichtbar sondern erst recht sichtbar. Er ist eine zentrale Figur der Kunst seit den sechziger Jahren in Frankreich und hat mit seiner konzeptuellen Strenge den Weg für eine Kunst geebnet die sich nicht mehr hinter goldenen Rahmen versteckt sondern sich direkt mit der Realität unserer bebauten Umwelt auseinandersetzt.
Der radikale Aufbruch der Gruppe BMPT und das Manifest gegen den Salon
Der Weg von Daniel Buren begann in einer Zeit der kulturellen und politischen Umbrüche. Von neunzehnhundertsiebenundfünfzig bis neunzehnhundertsechzig studierte er Malerei und Plastik an der École des Metiers d’Art in Paris einer Institution die ihm das handwerkliche Rüstzeug vermittelte das er bald darauf nutzen sollte um die Traditionen der Kunst zu sprengen. Gemeinsam mit den befreundeten Künstlern Olivier Mosset und Michel Parmentier sowie Niele Toroni gründete er im Winter sechsundsechzig die legendäre Gruppe BMPT. Die Anfangsbuchstaben ihrer Nachnamen wurden zum Synonym für eine radikale Verweigerungshaltung gegenüber dem etablierten Kunstmarkt. Das Quartett stellte den Kunstbegriff ihrer Zeit massiv in Frage und agierte subversiv gegen den institutionalisierten Betrieb. Bei ihrer berühmten Aktion Manifestation eins im Jahr neunzehnhundertsiebenundsechzig setzten sie ein Zeichen das in die Kunstgeschichte eingehen sollte. Während der Vernissage nahmen sie ihre eigenen Werke kurzerhand von den Wänden und verteilten stattdessen einen Brief gegen die Salons. Auf einem weithin sichtbaren Transparent verkündeten sie voller Stolz dass Buren Mosset Parmentier und Toroni nicht ausstellen. Diese Geste war weit mehr als nur ein jugendlicher Protest; es war die Geburtsstunde einer analytischen Malerei die sich weigerte dekorativ zu sein oder dem bürgerlichen Geschmack zu dienen. Sie wollten die Kunst von der Last der Autorenschaft und der emotionalen Aufladung befreien und sie stattdessen auf ihre rein visuellen Grundelemente reduzieren.
Das visuelle Werkzeug der acht komma sieben Zentimeter als Maßstab der Wahrheit
Nach dem Auseinandergehen der Gruppe BMPT blieb Daniel Buren seiner einmal gefundenen Linie treu im wahrsten Sinne des Wortes. Er entwickelte die vertikalen Streifen zu seinem persönlichen Markenzeichen wobei er sich strikt an das Maß von acht komma sieben Zentimetern hielt. Dieses Maß ist kein Zufall sondern entsprach den damals gängigen Industriestandards für französische Markisenstoffe. Indem Buren dieses vorgefundene Muster übernahm entzog er seinem Werk die klassische kompositorische Entscheidung des Künstlers. Er wechselte farbige Streifen konsequent mit weißen ab und schuf so ein visuelles System das er als visuelles Werkzeug bezeichnete. Für Buren war dieser Streifen kein Bildinhalt sondern ein Hilfsmittel um den Ort an dem das Werk präsentiert wird sichtbar zu machen. Die Malerei wurde so zu einer analytischen Untersuchung der Oberfläche und des Kontextes. Er brachte seine Streifen auf die unterschiedlichsten Bildträger auf und verwandelte sie in ein System das überall dort funktionierte wo Architektur vorhanden war. Diese Konsequenz machte ihn zu einem der wichtigsten Vertreter der Konzeptkunst und des Minimalismus. Er bewies dass man durch die radikale Beschränkung auf ein einziges Element eine unendliche Vielfalt an räumlichen Situationen erschaffen kann ohne jemals repetitiv zu wirken.
Die Eroberung des öffentlichen Raums und die Flucht aus dem Museum
Eines der wichtigsten Anliegen von Daniel Buren war es die Kunst aus der Isolation der Museen und Galerien zu befreien. In den sechziger Jahren begann er seine Werke an ganz verschiedenen Orten im öffentlichen Raum zu präsentieren. Er klebte seine Streifen auf Litfaßsäulen und Bauzäune oder brachte sie an Zugtüren und Rolltreppen an. Diese Aktionen waren ein gezielter Angriff auf das herkömmliche Kunstsystem das Kunstwerke als exklusive Waren in abgeschlossenen Räumen behandelte. Für Buren war der öffentliche Raum ein Ort der Demokratie und der direkten Begegnung. Auch Jenny Holzer hat die Sprache als visuelles System in den öffentlichen Raum getragen und mit ihren LED-Laufschriften an Fassaden und Gebäuden eine Form der Institutionskritik etabliert die den Passanten im Vorbeigehen trifft doch während Holzer den Inhalt der Botschaft zum Kern ihrer Arbeit macht und die Architektur als Projektionsfläche für Sprache nutzt reduziert Buren den Inhalt auf null und lässt die Architektur selbst zur Botschaft werden. Er wollte dass seine Kunst zum Teil des Alltags wird und die Passanten dazu anregt ihre Umgebung bewusster wahrzunehmen. Bei seinen Arbeiten im öffentlichen Raum setzt sich Buren immer intensiv mit dem jeweiligen Ort auseinander. Er analysiert die Lichtverhältnisse und die Laufwege sowie die architektonischen Besonderheiten um diese durch seine Streifen hervorzuheben. Seine Werke sind ortsspezifisch was bedeutet dass sie ohne den Raum in dem sie stehen ihre Bedeutung verlieren würden.
Spektakuläre Meilensteine von New York bis zum Palais Royal
Trotz seines ursprünglichen Widerstandes gegen die Institutionen konnte sich die Kunstwelt der Kraft von Burens Vision nicht entziehen. Seine Karriere ist geprägt von spektakulären Projekten die weltweit für Aufsehen sorgten. Im Jahr neunzehnhunderteinundsiebzig kreierte er eine Arbeit für das Solomon R. Guggenheim Museum in New York die jedoch aufgrund von Protesten anderer Künstler kurz vor der Eröffnung entfernt wurde ein Vorfall der seinen Status als Enfant Terrible der Szene nur noch festigte. Besonders berühmt ist seine Arbeit Les Deux Plateaux aus den Jahren neunzehnhundertfünfundachtzig und sechsundachtzig im Ehrenhof des Palais Royal in Paris. Dort installierte er zweihundertsechsundsechzig Säulenstümpfe in unterschiedlichen Höhen die natürlich alle mit seinen charakteristischen Streifen versehen waren. Diese Installation die zunächst auf massiven Widerstand in der Bevölkerung stieß hat sich mittlerweile zu einem Wahrzeichen der Stadt entwickelt. Sie zeigt wie Buren historische Architektur und zeitgenössische Kunst in einen spannungsvollen Dialog bringt. Die Säulen ragen aus dem Boden hervor und laden die Menschen dazu ein auf ihnen zu sitzen oder zwischen ihnen zu spielen wodurch die Kunst zu einem integralen Teil des sozialen Lebens wird. Diese Arbeit brachte ihm im Jahr neunzehnhundertsechsundachtzig den Goldenen Löwen der Biennale in Venedig ein eine der höchsten Auszeichnungen der Kunstwelt.
Materialien und Metamorphosen in der späteren Schaffensphase
Seit den achtziger Jahren hat Daniel Buren sein Repertoire an Materialien stetig erweitert ohne jedoch sein grundlegendes visuelles System aufzugeben. Er nutzt heute gerne Beton und Holz sowie Plexiglas und Spiegel oder farbige Folien und Seidentücher. Auch die klassischen Markisenstoffe tauchen immer wieder in seinen Installationen auf. Besonders der Einsatz von Spiegeln erlaubt es ihm den Raum ins Unendliche zu dehnen und den Betrachter selbst zum Teil des Kunstwerks zu machen. Die Transparenz von Plexiglas nutzt er um mit dem Licht zu spielen und farbige Schatten auf den Boden oder die Wände zu werfen. Ein wunderbares Beispiel für diese filigranen Installationen ist die Gestaltung des Cafés im von der Heydt Museum in Wuppertal oder die Lichtspiele auf dem Place des Terreaux in Lyon. Dort schuf er ein Raster aus Quadraten und Wasser sowie Licht das den gesamten Platz in eine geometrische Bühne verwandelt. Auch in der Welt der Mobilität hat er Spuren hinterlassen etwa durch die Gestaltung des Fußbodens im Hauptbahnhof von Wolfsburg oder die Markierungen der Straßenbahn Haltestellen der Linie zwei in Mülhausen. Burens Kunst ist eine Kunst der Bewegung die sich dem flüchtigen Blick des modernen Menschen anpasst und ihn dennoch für einen Moment zum Innehalten zwingt.
Die Fondation Louis Vuitton und die Versöhnung mit der Institution
Ein spätes Meisterwerk das die Verbindung von Architektur und Kunst in Perfektion zeigt ist seine Intervention an der Fondation Louis Vuitton in Paris. Die von Frank Gehry entworfenen gläsernen Segel des Gebäudes wurden von Buren auf Teilflächen mit seinen charakteristischen Streifen und farbigen Folien überzogen. Das Licht das durch die bunten Segel fällt verwandelt das Innere des Museums in ein kaleidoskopisches Farbbad das sich je nach Tageszeit und Wetter verändert. Die Fondation wurde von Bernard Arnault als eines der ambitioniertesten Kulturprojekte der Gegenwart ins Leben gerufen und Burens Intervention zeigt wie ein Mäzen und ein Künstler auf Augenhöhe zusammenarbeiten können ohne dass die ästhetische Integrität kompromittiert wird. Er ist im Centre Pompidou vertreten und seine Werke finden sich in den bedeutendsten Museen der Welt. Doch er hat sich dabei nie verbiegen lassen. Seine Streifen sind immer noch acht komma sieben Zentimeter breit und sein Blick auf den Raum ist immer noch genauso scharf wie in den sechziger Jahren. Er hat das Museum nicht als Ort der Aufbewahrung akzeptiert sondern es als einen weiteren Raum für seine ortsspezifischen Untersuchungen erobert. Daniel Buren hat bewiesen dass konsequente Systematik und kreative Freiheit keine Gegensätze sein müssen.
Daniel Buren bleibt eine der aktivsten und einflussreichsten Figuren der Gegenwartskunst. Er hat uns gelehrt dass Kunst kein Fenster in eine andere Welt sein muss sondern ein Instrument sein kann um unsere eigene Welt besser zu verstehen. Seine Streifen sind wie ein Metronom das den Rhythmus der Architektur vorgibt und uns hilft die Proportionen und die Lichtverhältnisse eines Raumes neu zu bewerten. Er hat die Malerei von der Last der Repräsentation befreit und sie zu einer reinen physischen Erfahrung gemacht. Wer heute vor einem Werk von Daniel Buren steht sieht nicht nur Streifen sondern er sieht den Raum um sich herum mit einer neuen Klarheit. Er ist der Architekt der Sichtbarkeit der uns mit seinen acht komma sieben Zentimeter breiten Markierungen den Weg in eine bewusstere Wahrnehmung weist. Seine revolutionäre Kraft ist auch nach Jahrzehnten ungebrochen da seine Fragen nach der Funktion von Kunst im öffentlichen Raum und im Museum heute relevanter sind denn je. Daniel Buren hat die Kunst verändert indem er ihr eine einfache aber unerschütterliche Regel gab die ihr bis heute alle Freiheit der Welt ermöglicht.
Mehr Informationen unter: https://www.danielburen.com
Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die das Verhältnis von Kunst, Raum und Architektur befragen — von Light with no Sound bis Dramaturgien des Zwischenraums.
