Martin Creed und die Poesie der absoluten Reduktion

In einer Epoche die oft von einer schier unerträglichen visuellen und akustischen Überflutung geprägt ist wirkt das Werk von Martin Creed wie ein reinigendes Gewitter aus Stille und Einfachheit. Der im Jahr 1968 in Wakefield geborene Künstler hat einen Weg eingeschlagen der die Grundfesten dessen was wir als Kunst definieren immer wieder aufs Neue erschüttert. Creed wuchs im rauen und zugleich kulturell lebendigen Glasgow auf einer Stadt die sicherlich seinen Blick für das Wesentliche und das Unverfälschte schärfte. Seine akademische Ausbildung führte ihn schließlich nach London an die renommierte Slade School of Art wo er von 1986 bis 1990 studierte. Diese Jahre in der britischen Hauptstadt waren die Geburtsstunde eines künstlerischen Ansatzes der sich konsequent gegen jede Form von Materialschlachten und gegen die Produktion von überflüssigen Objekten stellt. Creed ist ein Magier der Auslassung und ein Poet der Reduktion der uns zeigt dass die größten Aussagen oft in den kleinsten Gesten verborgen liegen. Wer heute sein umfangreiches Schaffen betrachtet erkennt einen Künstler der die Welt nicht mit neuen Dingen belasten möchte sondern der versucht das Vorhandene durch minimale Eingriffe neu zu ordnen und somit erfahrbar zu machen. Sein Wirken erstreckt sich dabei weit über die bildende Kunst hinaus und umfasst die Musik sowie die Choreografie und die Literatur sowie das Modedesign was ihn zu einem modernen Universalgenie des Minimalismus macht.

Die frühen Jahre zwischen Wakefield und der Londoner Slade School

Die Biografie von Martin Creed ist untrennbar mit seiner Herkunft und seiner fundierten Ausbildung verknüpft. Wakefield und Glasgow bildeten den Hintergrund seiner Jugend während London zum Schauplatz seiner künstlerischen Reife wurde. Während seines Studiums an der Slade School of Art begann er bereits damit die herkömmlichen Lehrmeinungen über Skulptur und Malerei zu hinterfragen. Er suchte nach einer Ausdrucksform die den Ballast der Kunstgeschichte abwirft und stattdessen direkt mit der Realität des Augenblicks kommuniziert. Diese Suche führte ihn weg von der Leinwand und hin zum Raum selbst. Er begriff dass der leere Raum kein Vakuum ist sondern ein Potenzial das durch minimale Handlungen aktiviert werden kann. Diese frühe Erkenntnis prägte seine gesamte weitere Laufbahn und machte ihn zu einem führenden Kopf der Konzeptkunst. Creed lernte in London dass die Idee hinter dem Werk oft kraftvoller ist als das physische Objekt selbst. Er entwickelte eine Sprache die auf Bescheidenheit und Klarheit setzt und die dennoch eine enorme emotionale Resonanz erzeugt. Nach seinem Abschluss etablierte er sich schnell in der Londoner Szene und begann ein Werkverzeichnis anzulegen das heute hunderte von Positionen umfasst und das durch seine stringente Logik besticht.

Das Geheimnis der Zahlen und die Verweigerung der Hierarchie

Ein markantes Merkmal im Schaffen von Martin Creed ist sein konsequentes System der Nummerierung. Anstatt seinen Werken blumige oder metaphorische Titel zu geben versieht er sie mit nüchternen fortlaufenden Nummern und einer kurzen sachlichen Beschreibung. Dieses System dient dazu die Werke von der Last der Interpretation zu befreien und ihnen eine gewisse demokratische Gleichheit zu verleihen. Doch wer in Creeds Katalog nach der Nummer eins sucht wird enttäuscht werden. Die Nummerierung beginnt ganz bewusst erst bei der Zahl 3. Creed erklärte diesen Umstand damit dass er keinem seiner Werke die überragende Wichtigkeit oder den Status der absoluten Nummer eins einräumen wollte. Er misstraut Hierarchien und der Vorstellung dass ein Werk der Ursprung oder der Höhepunkt von allem anderen sein muss. Indem er die ersten beiden Zahlen überspringt entzieht er sich dem Zwang eines heroischen Anfangs. Jedes Werk ist ein Teil einer fortlaufenden Kette ohne dass eines über das andere gestellt wird. Diese Verweigerung der Nummer eins ist ein tiefgreifendes Statement gegen den Geniekult und gegen die Kommerzialisierung der Kunst als eine Abfolge von Meisterwerken. Es zeigt Creeds Demut vor der eigenen Produktion und seinen Willen die Kunst als einen fließenden und endlosen Prozess zu begreifen.

Der instinktive Antimaterialismus und die Poesie des Profanen

Martin Creeds Kunst zeichnet sich durch einen Minimalismus aus der tief in einem instinktiven Antimaterialismus verwurzelt ist. Er scheint eine tiefe Abneigung gegen die Anhäufung von materiellem Besitz und gegen die Produktion von dauerhaften Monumenten zu hegen. Seine Werke sind oft flüchtig und bestehen aus Materialien die man eher in einem Büro oder in einer Küche vermuten würde als in einem Museum. Er verwendet Klebestreifen und Papierknäuel sowie einfache Glühbirnen oder Luftballons. Diese profanen und bescheidenen Utensilien werden in seinen Händen zu Trägern großer existenzieller Fragen. Er zeigt uns dass man keine teuren Materialien oder aufwendige Techniken benötigt um Kunst zu schaffen die den Betrachter fesselt. Die Schönheit liegt für Creed im Alltäglichen und im Unscheinbaren. Er schließt die visuell überladene und von Auswahl übersättigte Kultur kurz indem er uns mit dem Einfachsten konfrontiert. Ein Blatt Papier das einmal gefaltet wurde oder ein Stapel von Sperrholzplatten wird bei ihm zu einer Untersuchung über Raum und Schwerkraft sowie über Ordnung und Zufall. Dieser Fokus auf das Profane ist ein Akt der Befreiung der uns lehrt den Wert der Dinge jenseits ihres ökonomischen Preises zu erkennen.

Work No 200 und die physische Erfahrung des Raums

Eines der bekanntesten und visuell beeindruckendsten Werke von Martin Creed ist zweifellos die Arbeit Nummer 200 mit dem Titel Half the air given in space. Bei dieser Installation wird ein Raum zur Hälfte seines Volumens mit Luftballons gefüllt die alle dieselbe Farbe haben. Der Effekt ist überwältigend und zugleich spielerisch. Wenn die Besucher den Raum betreten tauchen sie buchstäblich in ein Meer aus Ballons ein. Die Luft die normalerweise unsichtbar und ungreifbar ist erhält durch die Ballons eine physische Form und eine Farbe. Man kann die Hälfte der Luft im Raum sehen und fühlen während man sich mühsam einen Weg durch die federnde Masse bahnen muss. Dieses Werk thematisiert die Natur des Raums und unsere eigene körperliche Präsenz darin. Es ist eine Erfahrung die alle Sinne anspricht und die den Betrachter zum aktiven Teil des Kunstwerks macht. Die Ballons sind ein vergängliches Material das mit der Zeit an Luft verliert was den Prozess des Verfalls und der Veränderung in das Werk integriert. Half the air given in space zeigt Creeds Meisterschaft darin mit einfachsten Mitteln eine monumentale Wirkung zu erzielen und den Kunstraum in ein Laboratorium der physischen Erfahrung zu verwandeln.

Work No 227 und der Skandal um das ein und ausschaltende Licht

Im Jahr 2001 schuf Martin Creed ein Werk das die Kunstwelt in zwei Lager spaltete und heftige Debatten über den Begriff der Kunst auslöste. Das Werk Nummer 227 mit dem Titel The lights going on and off besteht aus einem völlig leeren Galerieraum in dem das elektrische Licht in einem festen Rhythmus von fünf Sekunden ein und wieder ausgeschaltet wird. Es gibt keine Skulpturen und keine Gemälde und keine anderen Objekte. Nur der Raum und das Licht sowie der Moment der Dunkelheit stehen zur Verfügung. Viele Kritiker und Besucher waren empört und fragten sich ob ein derart minimalistischer Eingriff überhaupt den Status eines Kunstwerks beanspruchen darf. Doch genau in dieser Radikalität liegt die Stärke der Arbeit. Creed macht die Architektur des Raums und die Erwartungshaltung des Publikums zum eigentlichen Thema. Wenn das Licht ausgeht verschwindet die Umgebung und der Betrachter ist auf sich selbst zurückgeworfen. Wenn das Licht wieder angeht wird der Raum wie bei einer Neugeburt wieder sichtbar. Es ist eine Meditation über die Wahrnehmung und über die grundlegenden Bedingungen des Sehens. Das Werk ist eine Absage an das Spektakel und eine Aufforderung zur Konzentration auf den Augenblick. Es ist mutig und frisch und bricht mit allen Konventionen des Museumsbesuchs.

Der Triumph beim Turner Preis und der Auftritt von Madonna

Trotz oder gerade wegen der Kontroversen wurde Martin Creed für das Werk Nummer 227 für den prestigeträchtigen Turner Preis im Jahr 2001 nominiert. Die Jury die aus Experten wie Patricia Bickers und Nicholas Serota sowie Stuart Evans und Robert Storr sowie Jonathan Watkins bestand war fasziniert von der Konsequenz seines Ansatzes. Sie bewunderten Creeds Kühnheit ein einziges und zudem immaterielles Werk in der Ausstellung zu präsentieren. In der offiziellen Begründung wurde hervorgehoben dass seine Arbeit einnehmend und breit gefächert sei und eine neue Perspektive auf die Tradition der Minimal Kunst biete. Die Preisverleihung im Januar 2002 wurde zu einem medialen Großereignis nicht zuletzt wegen der Künstlerin Madonna die den Preis überreichen sollte. In ihrer unkonventionellen Rede beschimpfte sie alle Nominierten fröhlich als Motherfuckers was in der britischen Presse für einen gewaltigen Aufschrei sorgte. Doch für Creed war der Gewinn des Turner Preises die endgültige Bestätigung seiner Arbeit. Er war der erste Künstler der mit einem solch extremen Grad an Minimalismus diese Auszeichnung erhalten konnte. Dieser Sieg markierte einen Wendepunkt in der Wahrnehmung der Konzeptkunst und zeigte dass auch das Nichts eine gewaltige künstlerische Macht besitzen kann.

Die musikalische Dimension des Minimalismus und die Band Owada

Neben seiner Tätigkeit in der bildenden Kunst ist Martin Creed ein leidenschaftlicher Musiker. Sein musikalisches Schaffen ist eng mit seiner künstlerischen Philosophie verknüpft. Im Jahr 1994 gründete er die Band Owada die sich ebenfalls durch einen extremen Minimalismus auszeichnet. Die Texte seiner Lieder sind oft von einer entwaffnenden Einfachheit geprägt. In dem Song Nothing wird beispielsweise lediglich das Wort Nichts immer und immer wieder wiederholt bis es seine ursprüngliche Bedeutung verliert und zu einem reinen rhythmischen Element wird. In einem anderen Stück beschränkt sich der Text darauf die Zahlen von eins bis einhundert aufzuzählen. Diese Form der Wiederholung und der Reduktion auf das absolut Notwendige findet sich in allen seinen kreativen Ausdrucksformen wieder. Für Creed ist Musik kein Mittel zur Narration oder zum Ausdruck komplexer Gefühle sondern ein strukturelles Experiment mit Zeit und Klang. Er nutzt die Musik um die gleichen Fragen über Präsenz und Abwesenheit zu stellen wie in seinen Installationen. Die Band Owada wurde zu einem wichtigen Bestandteil seiner künstlerischen Identität und zeigt dass er die Grenzen zwischen den Disziplinen spielerisch auflöst.

Die Philosophie des Nichts als Spiegel unserer Zeit

Das Werk von Martin Creed kann als eine tiefgreifende philosophische Untersuchung über die Natur der Existenz verstanden werden. In einer Welt die uns ständig dazu drängt mehr zu konsumieren und mehr zu produzieren bietet Creed einen Gegenentwurf an. Er feiert das Nichts und das Wenige als eine Form der Freiheit. Seine Kunst erinnert uns daran dass wir nicht ständig neue Reize benötigen um uns lebendig zu fühlen. Er nutzt das Licht und die Luft sowie einfache Handlungen um uns auf die Schönheit des gegenwärtigen Augenblicks aufmerksam zu machen. Er stellt die Frage ob Kunst überhaupt etwas Materielles sein muss oder ob sie nicht vielmehr ein Zustand des Geistes ist. Seine Verweigerung der Wichtigkeit und seine Bescheidenheit im Umgang mit Materialien sind ein Kommentar auf die Eitelkeit des Kunstbetriebs. Creed zeigt uns dass das Nichts nicht leer sein muss sondern dass es ein Raum voller Möglichkeiten sein kann. Er nutzt den Antimaterialismus als ein Werkzeug um den Kern der menschlichen Erfahrung freizulegen und um uns mit der nackten Realität unseres Seins zu konfrontieren.

Ein Vermächtnis der Leichtigkeit und die Zukunft der Konzeptkunst

Martin Creed hat die Konzeptkunst nachhaltig geprägt und sie um eine spielerische und zugleich radikale Komponente erweitert. Er hat bewiesen dass Minimalismus nicht kalt und distanziert sein muss sondern dass er warm und einladend und sogar humorvoll sein kann. Sein Einfluss auf nachfolgende Generationen von Künstlern ist unübersehbar da er den Mut hatte die Kunst bis auf ihre Grundfesten abzutragen. Er hat gezeigt dass ein einziger Lichtschalter mehr über die Welt aussagen kann als ein monumentales Denkmal. Sein Vermächtnis liegt in der Leichtigkeit mit der er die schwersten Fragen der Philosophie behandelt. Er bleibt ein Künstler der uns immer wieder überrascht indem er uns das zeigt was wir schon immer wussten aber oft übersehen haben. Creed ist der Chronist der Stille und der Architekt der Reduktion der uns lehrt dass das Leben selbst das größte Kunstwerk ist wenn wir nur bereit sind die Augen zu öffnen und den Rhythmus des Ein und Ausschaltens wahrzunehmen. Sein Schaffen wird auch in Zukunft ein wichtiger Bezugspunkt für alle sein die nach einer ehrlichen und schnörkellosen Ausdrucksform in der Kunst suchen.

Seine Werke laden uns ein die gewohnte Perspektive zu verlassen und uns auf die Magie der Einfachheit einzulassen. Martin Creed bleibt eine unverwechselbare Stimme die uns daran erinnert dass weniger oft viel mehr sein kann. Seine Reise zwischen London und Alicudi ist eine Metapher für seine Kunst die sowohl die Hektik der Moderne als auch die zeitlose Ruhe der Natur in sich vereint. Wer sein Werk wirklich verstehen will muss bereit sein sich auf das Nichts einzulassen und die Schönheit in der Wiederholung und in der Reduktion zu finden. Er hat der Kunst eine neue Dimension gegeben indem er sie von der Last der Dinge befreit hat.

Mehr Informationen unter: http://www.martincreed.com

Signums sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten Künstler unserer Zeit vor. Als Galerie für zeitgenössische Kunst fördern und publizieren wir Künstler aus allen Bereichen modernen Schaffens.