Nan Goldin ist eine US-amerikanische Fotografin. Themen ihrer Fotografien sind Sex, Drogen und Gewalt, damit verbunden auch der Tod.

Nan Goldin: Die Chronistin der Intimität und das visuelle Archiv der Wahrheit

Wenn man heute im Jahr zweitausendsechsundzwanzig auf die Entwicklung der zeitgenössischen Fotografie blickt wird deutlich dass kaum eine Künstlerin die Grenzen zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen so radikal aufgelöst hat wie Nan Goldin. Geboren wurde sie am zwölften September neunzehnhundertdreiundfünfzig in Washington im District of Columbia. Ihr künstlerisches Schaffen das vor allem aus Fotografien und filmischen Arbeiten besteht ist eine tiefgreifende Auseinandersetzung mit den existenziellen Grundfesten des menschlichen Daseins. Sie thematisiert Gewalt und Sex sowie das Begehren und den Tod und schreckt auch vor der Darstellung von Drogenmissbrauch nicht zurück. Ihre Bilder liefern uns sehr private und überaus intime Einblicke in eine Welt die vielen verschlossen bleibt: die Travestieszene und die Homosexuellenszene der sie als fester Bestandteil selbst angehört. Goldin ist keine Voyeurin die von außen auf eine fremde Kultur blickt sondern sie ist die Chronistin ihres eigenen Lebens und des Lebens ihrer Wahlfamilie.

Die schmerzhafte Wurzel der Kamera als Instrument des Gedächtnisses

Um die tiefe Dringlichkeit in Nan Goldins Werk zu verstehen muss man zu dem tragischen Wendepunkt ihrer Kindheit zurückkehren. Im zarten Alter von elf Jahren erlebte sie den Freitod ihrer älteren Schwester Barbara Goldin. Dieser schmerzliche Verlust war die eigentliche Initialzündung für ihr gesamtes späteres künstlerisches Wirken. Kurz nach diesem Suizid begann Nan damit alles um sie herum zu fotografieren. Ihr primäres Ziel war es eine Form der visuellen Beweisführung zu erschaffen um sich stets wahrheitsgetreu erinnern zu können. Die Angst vor dem Vergessen und vor der Verzerrung der Realität trieb sie dazu an Menschen und Dinge in ihrem Umfeld festzuhalten. Diese obsessive Dokumentation diente ihr als Schutzschild gegen das Trauma des Verlusts. Mit vierzehn Jahren verließ sie schließlich ihr Elternhaus und zog mit Freunden zusammen. In diesem neuen Umfeld fand sie eine stets erweiterbare und wohlgehütete Ersatzfamilie die den Kern ihrer Motive bilden sollte. Für Goldin wurde die Fotografie zu einer Sprache des Überlebens und zu einem Werkzeug um die Bindungen zu den Menschen die sie liebte zu zementieren.

Von der Modefotografie zur radikalen Sichtbarkeit der Anderen Seite

In den frühen siebziger Jahren begann Nan Goldin sich verstärkt für die Welt der Modefotografie zu interessieren. Doch statt sich den glatten Oberflächen der Hochglanzmagazine zuzuwenden fand sie ihre Modelle in der Transsexuellenszene und bei den Crossdressern ihrer Umgebung. Sie bewunderte den Mut und das enorme Selbstbewusstsein dieser Menschen die sich offen gegen die gängigen Normen der Gesellschaft stellten. Goldin fotografierte sie nicht als exotische Objekte sondern als Helden ihres eigenen Alltags. Auch Cindy Sherman hat in derselben Epoche die Fotografie als Instrument der Identitätsbefragung etabliert und in ihren inszenierten Selbstporträts die Konstruktion von Geschlechterrollen sichtbar gemacht doch während Sherman vor der Kamera in fiktive Typen schlüpft und die Identität als performative Konstruktion entlarvt bleibt Goldin stets auf der Seite des Dokumentarischen: Sie erfindet keine Rollen sondern hält die realen Menschen ihrer Gemeinschaft in Momenten fest die so intim sind dass die Grenze zwischen Zeugnis und Zugehörigkeit verschwindet. Diese frühen Arbeiten flossen später in ihr Buch mit dem Titel The Other Side ein.

Die Ballade der sexuellen Abhängigkeit als lebenslanges Opus

Während ihres Studiums an der School of the Museum of Fine Arts in Boston und an der Tufts University begann Nan Goldin mit der Farbfotografie zu experimentieren. Diese Entscheidung verlieh ihren Bildern eine ganz neue emotionale Wärme und eine fast schon physische Präsenz. Doch es war ihr wohl berühmtestes Werk mit dem Titel The Ballad of Sexual Dependency das ihren Weltruhm begründete. Hierbei handelt es sich um eine fortlaufende Diashow die sie über Jahre hinweg ergänzte und umgestaltete. In dieser Arbeit zeigt sie ihre engsten Freunde und Liebhaber sowie Bekannte in überaus privaten Momenten. Die Ballade ist ein flirrendes Panorama aus nackter Haut und prickelnder Erotik sowie beinahe fühlbarer Zärtlichkeit zwischen den Abgebildeten. Doch Goldin spart auch den wilden und unkonventionellen Alltag nicht aus. Wir sehen das Feiern in dunklen Bars und einsame Sonnenaufgänge nach langen Nächten oder ein einfaches Picknick am Strand. Die Bilder sind unaufgeregt und uninszeniert und wirken oft wie flüchtige Schnappschüsse die dennoch eine enorme kompositorische Kraft besitzen.

Die ungeschönte Wahrheit über AIDS und die Folgen der Abhängigkeit

Nan Goldins Werk war stets kontrovers und wurde oft hitzig diskutiert. Sie weigerte sich die negativen Folgen der queeren Lebensart auszublenden. Mit fast schon schmerzhafter Ehrlichkeit zeigte sie die dunklen Seiten von Drogenmissbrauch und die Zerstörungskraft der Abhängigkeit. Besonders eindringlich dokumentierte sie die Verheerungen der AIDS Krise innerhalb ihrer Gemeinschaft. Viele ihrer Freunde und Bekannten fielen diesem Virus nach einem langen und qualvollen Leidensweg zum Opfer. Auch Félix González-Torres hat den Verlust durch AIDS zum Kern seines Schaffens gemacht und mit seinen minimalistischen Installationen aus Bonbons und Glühbirnen die langsame Auslöschung des geliebten Menschen in eine universelle Sprache der Trauer übersetzt doch während González-Torres die Abwesenheit in der Abstraktion des Materials sichtbar macht — der schwindende Bonbonhaufen als Metapher für den schwindenden Körper — hält Goldin die Kamera auf die konkreten Gesichter der Sterbenden und Trauernden und weigert sich die Realität in eine Metapher aufzulösen. Goldin hielt die Kamera auch dann noch drauf wenn andere wegschauten. Sie fotografierte die Krankheit und das Sterben sowie die Trauer der Hinterbliebenen. Durch ihre Arbeit gab sie den Opfern ein Gesicht und sorgte dafür dass ihr Schmerz nicht in Vergessenheit geriet.

Die Neuerfindung des Selbstporträts nach der Dunkelheit des Entzugs

Ein weiterer entscheidender Einschnitt in ihrem Leben war ihr Drogenentzug im Jahr neunzehnhundertachtundachtzig. In dieser Phase der radikalen Neuorientierung begann Nan Goldin damit sich selbst mit einer schonungslosen Offenheit zu fotografieren. Diese Selbstporträts sind unverblümt und zeigen sie in Zuständen extremer Verletzlichkeit und Erschöpfung aber auch der beginnenden Heilung. Ab den neunziger Jahren verlagerte sich ihr Fokus aufgrund des Ablebens zahlreicher Freunde wieder stärker auf andere Personen. Wolfgang Tillmans hat die Tradition der intimen Dokumentation weitergeführt und bewegt sich wie Goldin zwischen Porträt und politischem Engagement doch während Goldins Bilder aus der existenziellen Notwendigkeit einer Überlebenden entstehen die ihre Wahlfamilie gegen das Vergessen fotografiert arbeitet Tillmans aus einer Position der Freiheit und erweitert das Spektrum der Fotografie um abstrakte Lichtexperimente und den Blick auf globale politische Zusammenhänge. Goldin blieb sich dabei ihrem Stil treu: Die Aufnahmen wirken weiterhin uninszeniert und geben viel über das Privatleben und die Seele ihrer Modelle preis. Heute lebt und arbeitet die begabte Fotografin überwiegend in New York City wo sie weiterhin eine zentrale Figur der kulturellen Avantgarde bleibt.

Die bleibende Relevanz einer Künstlerin zwischen Provokation und Liebe

Das Vermächtnis von Nan Goldin ist ein Plädoyer für die Empathie und die Sichtbarkeit derer die oft am Rande der Gesellschaft stehen. Sie hat bewiesen dass die Kamera ein mächtiges Instrument sein kann um Vorurteile abzubauen und menschliche Verbindungen sichtbar zu machen. Ihre Bilder sind weit mehr als nur Dokumente einer bestimmten Zeit oder Szene; sie sind zeitlose Untersuchungen über das Wesen der Liebe und die Grausamkeit des Verlusts. Goldins Werk fordert uns heraus unsere eigenen Vorstellungen von Identität und Normalität zu hinterfragen. Sie hat die Fotografie aus den Studios in die Schlafzimmer und die Bars getragen und uns damit einen Spiegel vorgehalten in dem wir uns alle in unserer Unvollkommenheit wiederfinden können. Ihr Einfluss im Jahr zweitausendsechsundzwanzig ist ungebrochen da ihre Themen universell geblieben sind. Nan Goldin bleibt die unbestechliche Beobachterin einer Realität die wehtun kann aber die es wert ist in all ihrer Rohheit festgehalten zu werden.

Mehr Informationen unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Nan_Goldin

Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die die radikale Ehrlichkeit des Blicks und die Kraft der Dokumentation feiern — von Faces III bis Dark Ages.