Richard Serra - einer der wichtigsten Künstler unserer Zeit

Richard Serra: Der Konstrukteur des Unmöglichen und die Physik des Raumes

Richard Serra, der am 2. November 1939 in San Francisco geboren wurde, zählt zu den bedeutendsten Metallbildhauern des Minimalismus und der Prozesskunst. Sein Name steht heute weltweit für eine Kunst, die den menschlichen Maßstab nicht nur herausfordert, sondern oft regelrecht sprengt. Serras Werk ist eine lebenslange Auseinandersetzung mit der physikalischen Präsenz von Materie, der Schwerkraft und der psychologischen Wirkung von Räumlichkeit. Er erschafft keine Skulpturen im klassischen Sinne, die man aus der Distanz betrachtet; er konstruiert begehbare Umgebungen aus massivem Stahl, die das Körpergefühl des Betrachters grundlegend verändern.

Sein Weg zur Kunst war keineswegs geradlinig. Zwischen 1957 und 1961 studierte er zunächst englische Literatur. Um dieses Studium zu finanzieren, arbeitete er in verschiedenen Stahlwerken an der US Westküste. Diese frühen Jahre des harten körperlichen Einsatzes waren prägend. Hier sammelte er erste Erfahrungen mit der Masse, dem Gewicht und der unbändigen Kraft von Metall, einem Material, das später zum Kern seines Schaffens werden sollte. Direkt im Anschluss an seinen ersten Abschluss wechselte er an die University of Yale, um Kunst zu studieren. Dort arbeitete er eng mit dem deutschen Emigranten und Farbforscher Josef Albers zusammen und assistierte bei der Erstellung des einflussreichen Werkes The Interaction of Color. Doch während Albers die Wirkung von Farben untersuchte, suchte Serra nach der Wirkung von Masse und Raum.

Von Blei und Gummi zum wetterfesten Stahl

Nach seinem Studium begann Serra zunächst mit Industriematerialien zu experimentieren, die in der traditionellen Bildhauerei keinen Platz hatten. Er nutzte Blei, Gummi und Fiberglas, um die physischen Eigenschaften von Stoffen zu untersuchen. Gemeinsam mit Zeitgenossen wie Robert Morris oder Bruce Nauman prägte er einen Stil, der sich deutlich vom glatten, oft dekorativen Minimalismus der sechziger Jahre abhob. Während andere Künstler auf perfekte Oberflächen aus Plastik oder Edelstahl setzten, interessierte sich Serra für den Prozess der Veränderung. In seiner berühmten Verb List von 1967 notierte er eine Reihe von Verben wie rollen, werfen, schneiden oder biegen, die als Handlungsanweisungen für seine Kunst dienten.

Ein markantes Beispiel aus dieser Phase ist das Spritzen von flüssigem Blei gegen Wände (Splashing), wodurch zufällige, erstarrte Formen entstanden. Diese radikale Hinwendung zum Material und zum Prozess führte ihn schließlich zu seinem Markenzeichen: den monumentalen Platten aus wetterfestem Stahl (COR TEN Stahl). Richard Serra befreit dieses Material aus seiner rein industriellen Funktion als Baustoff für Brücken oder Schiffe. Er erhebt die schweren Platten aus ihrer versklavten waagerechten Position in die Vertikale und zwingt sie in Kurven und Neigungen, die dem Auge eine fast unheimliche Leichtigkeit suggerieren. Dabei schafft er Perspektiven, die im Alltag niemand einnimmt, und fordert den Besucher auf, durch seine Werke hindurchzugehen. Man muss sie erleben, sich in den schmalen Gängen verirren und die eigene Verletzlichkeit angesichts der tonnenschweren, geneigten Wände spüren.

Die Ordnung des Raumes und das Experiment mit der Wahrnehmung

Serra ist weniger an der Erschaffung einer schönen Form interessiert als an der Frage, wie ein Objekt den Raum um sich herum verändert. Er sieht sich selbst nicht als klassischer Bildhauer, sondern eher als Konstrukteur abstrakter Räumlichkeiten. Ein eindrucksvolles Beispiel hierfür ist das Werk Viewpoint, das er 2006 im Zentrum eines Kreisverkehrs in Bochum platzierte. Die zwei gegenüberstehenden Platten aus 40 Tonnen Stahl sind eine Hommage an die Industriestadt, in der Serra bereits in den siebziger Jahren Stahlwerke und Schmiedebetriebe als seine verlängerten Ateliers nutzte. Hier zeigt sich die enge Verbindung des Künstlers zur deutschen Schwerindustrie, die als einzige in der Lage war, seine visionären Entwürfe technisch umzusetzen.

Ein neueres Projekt wie Bladerunners, das über einen Zeitraum von fünf Jahren auf einer künstlichen Insel in Miami installiert wurde, verdeutlicht die enorme logistische und zeitliche Dimension seines Schaffens. Von der ersten Skizze bis zur endgültigen Abnahme vor Ort vergeht oft ein ganzes Jahr. Serra nimmt jedes Werk persönlich ab und legt dabei größten Wert darauf, dass das Material vollkommen unbehandelt bleibt. Der natürliche Rostprozess ist für ihn kein Zeichen von Verfall, sondern ein essenzieller Teil der Auseinandersetzung mit Zeit und Raum. Wenn Auftragnehmer versuchen, die Platten durch Ölen oder Behandeln optisch zu verschönern, lässt er diesen Zustand unter großem Aufwand wieder in den Ursprungszustand zurückversetzen. Das Metall muss ehrlich sein, es muss atmen und auf seine Umgebung reagieren.

Richard Serra und die Ablehnung des Nützlichkeitsprinzips

Richard Serras Arbeit ist konsequent frei von politischen Botschaften oder gesellschaftlichen Metaebenen. Er vertritt die Ansicht, dass Kunst keiner Rechtfertigung von außen bedarf. Sie muss nicht nützlich sein und keine Geschichte erzählen. Sein Interesse gilt der reinen Verbindung von Formen, wie man sie bisher weder in der Architektur noch in der Skulptur kannte. Er möchte neue Wege des Sehens eröffnen und den Beobachter dazu anregen, über seine eigene Wahrnehmung nachzudenken. Was sehen wir wirklich, wenn wir vor einer Wand stehen, die sich über uns zu neigen scheint? Wie verändert sich unser Gleichgewichtssinn, wenn die Horizonte verschwimmen?

Obwohl seine Werke für die deutsche Stahlindustrie oft einen wirtschaftlichen Aufschwung bedeuteten und dort als handwerklicher Stolz gelten, stoßen sie in der breiten Öffentlichkeit nicht selten auf Unbehagen. Die schiere Monstrosität der verrosteten Platten wird von manchen als störend oder fehl am Platz empfunden. Der prominenteste Konflikt dieser Art ereignete sich 1989 in New York mit der Skulptur Tilted Arc. Die gewaltige Stahlwand auf dem Federal Plaza wurde nach heftigen Protesten der Anwohner und Angestellten von der Stadtverwaltung entfernt. Für Serra bedeutete dies die Zerstörung des Kunstwerks, da seine Arbeiten standortspezifisch sind. Wenn der Bezug zum Boden und zur Umgebung verloren geht, verliert die Skulptur ihren Sinn. Er weigerte sich, das Werk an einem anderen Ort wieder aufzubauen, da die Beziehung zwischen Skulptur und Umwelt untrennbar ist.

Das zeichnerische Werk und die Materialität der Farbe

Neben seinen monumentalen Skulpturen pflegt Richard Serra ein ebenso kraftvolles zeichnerisches und grafisches Werk. Doch auch hier bleibt er seinem Prinzip der Materialität treu. Seine Serie Drawings, die 2011 im Metropolitan Museum of Art in New York ausgestellt wurde, sprengt die herkömmliche Vorstellung von Zeichnung. Statt feiner Bleistiftstriche sieht der Betrachter riesige Flächen, die mit einer eigens für ihn hergestellten, extrem dicken Ölfarbe bearbeitet wurden. Diese Farbe hat eine fast reliefartige Textur und verleiht dem Papier eine Schwere, die an seine Stahlarbeiten erinnert.

Serra nutzt die Zeichnung nicht als bloßen Entwurf für seine Skulpturen, sondern als eigenständiges Medium, um Fragen von Gewicht und Dichte auf der Fläche zu untersuchen. Er experimentiert damit, wie eine schwarze Fläche den Raum eines Raumes besetzen kann, ohne physisch in die dritte Dimension zu treten. Auch hier geht es um die Wahrnehmung von Ordnung und die Kraft des Materials. Seine Kunst ist extrem kostspielig in der Herstellung, doch für Serra ist dieser Aufwand notwendig, um die geschwungene Leichtigkeit zu erreichen, die seine massiven Konstruktionen auszeichnet. Es ist ein paradoxes Ziel: tonnenschwere Last so zu manipulieren, dass sie im Auge des Betrachters zu schweben beginnt.

Ein Erbe der radikalen Präsenz

Heute, mit über 80 Jahren, arbeitet Richard Serra weiterhin an der Erweiterung unserer Raumkonzepte. Sein Einfluss auf die zeitgenössische Kunst und Architektur ist unermesslich. Er hat gezeigt, dass Kunst nicht abbilden muss, sondern dass sie selbst ein Ereignis sein kann. Seine Raumkonzepte fordern uns zum Denken auf und zwingen uns, unsere Position in der Welt physisch zu spüren. Er bleibt der Konstrukteur des Unmöglichen, der uns lehrt, dass die Welt nicht nur aus festen Mauern besteht, sondern aus Räumen, die wir durch unsere Bewegung und unsere Gedanken erst erschaffen.

Richard Serra hat einmal gesagt, dass kein Kunstwerk die Welt verändert, aber die Gedanken darüber vielleicht schon. In dieser Bescheidenheit gegenüber der Weltpolitik und gleichzeitigem Größenwahn gegenüber dem Material liegt die einzigartige Kraft seines Werks. Er hat dem Stahl eine Seele gegeben und uns gelehrt, die Schwere der Materie als eine Form von Freiheit zu begreifen. Seine Skulpturen werden die Zeit überdauern, langsam vor sich hin rosten und dabei immer wieder neue Generationen von Betrachtern dazu einladen, den eigenen Maßstab im Angesicht des Monumentalen neu zu definieren. Die Reise durch einen Serra ist immer auch eine Reise zu sich selbst, eine Konfrontation mit der eigenen Wahrnehmung und der unendlichen Weite des Raumes.

Mehr Informationen unter: www.zeit.de/2007/31/RICHARD_SERRA

Signums sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten Künstler unserer Zeit vor. Als Galerie für zeitgenössische Kunst fördern und publizieren wir Künstler aus allen Bereichen modernen Schaffens.