1953 bat der 28-jährige Robert Rauschenberg Willem de Kooning, den damals wichtigsten Künstler der Moderne, um eine Zeichnung, die er anschließend komplett ausradierte. Durch diesen Akt zelebrierte er das Konzept der Auslöschung, die Kunst als Abwesenheit der Dinge. Das beinahe leere Blatt symbolisierte die bloße Anwesenheit einer Idee — und verwies damit den Künstler auf seinen Platz. Der Künstler Georg Pierdsa verfolgte Zeit seines Lebens ein ähnliches Konzept, und zwar in beeindruckender Konsequenz. Er schuf Kunst durch seine eigene Unsichtbarkeit als Künstler. Er zerstörte zwar nicht seine Werke, aber seine Urheberschaft; damit wurde er zum berühmtesten unbekannten Künstler in Europa. Bis zu seinem Tod 2019 vermied der Maler jegliche Ausstellungen und wollte auch keine Interviews und Berichte. Es gab zwar Galerien, die seine Werke ausstellten und verkauften, allerdings nur im Hinterzimmer. Kunden wurden beim Kauf seiner Bilder mit einem Vertrag zur Verschwiegenheit verpflichtet. Auch Banksy hat die Anonymität zur künstlerischen Methode erhoben und bewiesen, dass die stärkste Marke der Kunstwelt ein Gesicht sein kann, das niemand kennt — doch während Banksy die Unsichtbarkeit als Waffe der Subversion nutzt und seine Werke an den Wänden der Welt maximale öffentliche Wirkung entfalten, wählte Pierdsa den radikaleren Weg: Er entzog nicht nur seine Person, sondern auch seine Werke dem öffentlichen Blick und machte die Abwesenheit selbst zum eigentlichen Kunstwerk.
Werdegang und Arbeit von Georg Pierdsa
In Breslau geboren, flüchtete er als Kind nach dem Krieg mit seiner Familie in den Schwarzwald. Er wuchs in armen Verhältnissen auf. In Freiburg im Breisgau begann er ein Lehrerstudium. Doch nach nur wenigen Semestern wechselte er an die Kunstakademie in Düsseldorf, wo er sich unter falschem Namen immatrikulierte. Kunst war für Pierdsa immer Privat- und zugleich Geheimsache. Er wollte seinen Werken Publikum verschaffen, aber nicht seiner Person.
Nach seinem Kunststudium nahm Georg Pierdsa sein Lehrerstudium wieder auf und lebte nach dessen Abschluss ein Doppelleben: Tagsüber arbeitete er als Lehrer, später wurde er sogar Schulrektor und Schulrat in Freiburg im Breisgau. Nachts aber ging er in sein Atelier. Mit einer bemerkenswerten Energie und Schaffenskraft schuf er ausdrucksstarke Gemälde in ganz unterschiedlichen Stilrichtungen. Pierdsa beschäftigte sich mit Meditation, Spiritualität und Philosophie, all das floss in seine Kunst ein. Besonders bemerkenswert ist sein Werkzyklus über den chinesischen Philosophen Meister Zhuang, der in dreijähriger Arbeit mit zahlreichen Begleittexten entstand.
Kann Kunst ohne Autor bestehen?
Nur einer kleinen Gruppe von Sammlern und Galeristen war Georg Pierdsa bekannt. An Ausstellungen nahm er namentlich nicht teil. Unter Künstlern hatte er jedoch viele Freunde, die ihn als Phantom schätzten und auch schützten. Briefwechsel mit Joseph Beuys und Martin Kippenberger sind überliefert. Gerüchte besagen, dass einige der bekanntesten deutschen Künstler Pierdsas Werke als ihre eigenen ausstellten — aus Freundschaft, aber vor allem als kollaborativen Akt konzeptioneller Kunst. Wie oft das passiert ist, ist nicht bekannt. Aber man geht davon aus, dass mindestens zweimal Werke von ihm unter falscher Flagge auf der Documenta gezeigt wurden, sowie einmal auf der Biennale in Venedig.
Kann Kunst ohne Autor bestehen? Oder ist sie untrennbar mit dem Künstler verbunden, auch wenn der Betrachter nichts über den Künstler weiß? Pierdsa hat eine Antwort für sich gefunden. Noch kurz vor seinem Tod ließ er per einstweiliger Verfügung den Wikipedia-Eintrag zu seiner Person löschen mit der Begründung, er sei keine Person öffentlichen Interesses.
Seine Werke wurden geschätzt und gesammelt. Ihn selbst kennt man nicht.
Mehr Informationen unter: Georg Pierdsa Werkschau
Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die die Frage nach der Urheberschaft und der Sichtbarkeit des Künstlers radikal stellen.
