Der Name Freud ist untrennbar mit der Erforschung der menschlichen Seele und der Abgründe des Unbewussten verbunden. Doch während Sigmund Freud die Couch nutzte um die psychischen Landschaften seiner Patienten zu kartografieren wählte sein Enkel Lucian Freud die Leinwand um die physische Realität des Menschen in einer bis dahin ungekannten Radikalität offenzulegen. Geboren am achten Dezember eintausendneunhundertzweiundzwanzig in Berlin wuchs Lucian in einer Atmosphäre intellektueller Wachsamkeit auf bis die politische Realität des Nationalsozialismus die Familie zur Flucht zwang. Im Jahr eintausendneunhundertdreiunddreißig emigrierte die Familie nach Großbritannien ein Schritt der nicht nur das Überleben sicherte sondern auch den Grundstein für eine der bedeutendsten künstlerischen Karrieren des zwanzigsten Jahrhunderts legte. Lucian Freud wurde im Jahr eintausendneunhundertneununddreißig britischer Staatsbürger und blieb seiner Wahlheimat London bis zu seinem Tod am zwanzigsten Juli zweitausendelf treu. In diesen Jahrzehnten schuf er ein Werk das die Porträtmalerei revolutionierte und den menschlichen Körper in einer Weise darstellte die sowohl Bewunderung als auch tiefes Unbehagen auslöste. Er war kein Maler der Schönheit im herkömmlichen Sinne suchte sondern ein Chronist der hinfälligen Materie der die Haut als ein Schlachtfeld der Zeit und der Erfahrung begriff. Sein Blick war so unbestechlich wie der seines Großvaters doch sein Medium war das Licht und die Farbe und sein Gegenstand war das Fleisch.
Die Flucht aus Berlin und die Grundlegung einer künstlerischen Identität
Die frühen Jahre in Großbritannien waren geprägt von einem Wechsel der Bildungsstätten und einer ständigen Suche nach dem eigenen Ausdruck. Lucian Freud besuchte zwischen eintausendneunhundertdreiunddreißig und eintausendneunhundertachtunddreißig die Dartington Hall School in Devon und später die Bryanston School in Dorset. Diese Jahre des Formens führten ihn schließlich an das Central Saint Martins College of Art and Design in London wo er jedoch nur einige Monate blieb. Sein eigentliches Studium absolvierte er an der East Anglian School of Painting and Drawing in Dedham unter der Leitung von Cedric Morris sowie am Goldsmiths College. Diese Ausbildung wurde durch den Zweiten Weltkrieg unterbrochen als er für drei Monate bei der Marine diente bevor er ausgemustert wurde und sich wieder ganz der Kunst zuwenden konnte. Seine erste Einzelausstellung im Jahr eintausendneunhundertvierundvierzig in der Galerie von Alex Reid und Lefevre markierte den Beginn einer Reise die ihn von den frühen fast surrealistisch anmutenden Werken zu seinem charakteristischen Stil des psychologischen Realismus führen sollte.
Interior in Paddington und der Aufstieg zum internationalen Ruhm
Ein entscheidender Wendepunkt in seiner Karriere war die Teilnahme am Festival of Britain im Jahr eintausendneunhunderteinundfünfzig. Im Rahmen der Ausstellung Sixty Paintings for Fifty präsentierte er sein erstes großes Auftragswerk mit dem Titel Interior in Paddington. Dieses Bild das den Fotografen Harry Diamond neben einer Zimmerpflanze zeigt brachte Freud nicht nur eine Auszeichnung ein sondern demonstrierte auch seine Fähigkeit eine beklemmende Atmosphäre durch die bloße Anordnung von Figur und Raum zu erzeugen. Spätestens nach seiner Teilnahme an der Biennale in Venedig im Jahr eintausendneunhundertvierundfünfzig war Freud auch auf der internationalen Bühne eine feste Größe. Er lehrte zwischen eintausendneunhundertneunundvierzig und eintausendneunhundertvierundfünfzig als Gastdozent an der Slade School of Fine Art und prägte damit eine Generation von Künstlern die sich wie er der figurativen Malerei verschrieben hatten. Im Jahr eintausendneunhundertdreiundneunzig wurde ihm schließlich der Order of Merit verliehen eine der höchsten britischen Auszeichnungen die seine außergewöhnliche Stellung im kulturellen Leben des Landes unterstrich.
Die Psychologie des Fleisches und die schonungslose Aktmalerei
Lucian Freud war ein Maler der Intimität und der Zeit. Wer für ihn Modell saß musste mitunter hunderte von Stunden in seinem Atelier verbringen während Freud mit einer fast quälenden Langsamkeit jede Nuance der Haut und jede Regung des Körpers studierte. Auch Chuck Close hat das menschliche Gesicht mit einer obsessiven Hingabe kartografiert und hunderte von Stunden in ein einziges Porträt investiert doch während Close das Gesicht in ein abstraktes Rastersystem zerlegt und die Malerei zu einer systematischen Wissenschaft des Sehens macht arbeitet Freud mit der pastosen Wucht der Ölfarbe und verwandelt das Fleisch selbst in Farbe — bei ihm wird das Pigment zum Körper und der Körper zum Pigment. Seine Modelle waren vielfältig und reichten von seiner eigenen Familie und seinen Hunden bis hin zu weltberühmten Persönlichkeiten. Sogar Queen Elizabeth die Zweite saß für ihn Modell ein Porträt das heute Teil der Royal Collection ist und bei seiner Veröffentlichung für heftige Diskussionen sorgte. Freud beschönigte auch bei der Monarchin nichts; er malte eine alternde Frau mit einer Krone deren Gesicht die Last ihrer Aufgabe und ihrer Jahre trug. Doch seine wahre Meisterschaft entfaltete sich in seinen Aktdarstellungen. Niemand sonst malte den nackten Menschen so ungeschönt wie er. Er zeigte hängende Brüste und Fettpolster sowie Cellulite und Falten ohne dabei jemals pornografisch zu wirken. Sein Fokus lag auf der Natürlichkeit des Seins und der unerbittlichen Hinfälligkeit des Leibes.
Der unbestechliche Blick und die Ästhetik des Verfalls
Die Technik von Lucian Freud änderte sich im Laufe der Jahre entscheidend. Während seine frühen Bilder noch durch feine Pinselstriche und glatte Oberflächen bestachen wechselte er später zu gröberen Pinseln aus Schweineborsten und einer pastosen Malweise. Die Farbe wurde bei ihm selbst zu Fleisch; er nutzte Pigmente wie Bleiweiß um der Haut eine physische Schwere und eine fast schon lebendige Textur zu verleihen. Jenny Saville hat diese Tradition der fleischlichen Malerei weitergeführt und den menschlichen Körper mit einer Wucht auf die Leinwand gebracht die direkt an Freud anknüpft doch während Freud als teilnehmender Beobachter über Monate hinweg eine intime Beziehung zu seinen Modellen aufbaut und die langsame Verfallsgeschichte des Fleisches protokolliert arbeitet Saville mit einer chirurgischen Distanz die den Körper wie unter dem Skalpell seziert und das Fleisch selbst in eine Abstraktion der Materie überführt. In seinem Atelier in London das oft kahl und funktionslos wirkte schuf er eine Bühne auf der der Mensch in seiner nackten Existenz erschien. Seine Selbstporträts zeigen ihn als einen alternden Mann der sich selbst mit der gleichen Härte betrachtete wie seine Modelle. Diese Bilder sind Dokumente einer lebenslangen Suche nach der Wahrheit des Individuums jenseits von sozialen Masken und Eitelkeiten.
Das Vermächtnis des Meisters der Londoner Schule
Lucian Freud war das Zentrum einer Gruppe von Malern die als die Londoner Schule bekannt wurde und zu der auch sein enger Freund und Rivale Francis Bacon gehörte. Gemeinsam hielten sie an der gegenständlichen Malerei fest in einer Zeit in der die Abstraktion die Kunstwelt dominierte. Freud blieb seinem Sujet treu und bewies dass die Malerei des Menschen niemals an Relevanz verliert solange sie bereit ist in die Tiefe zu gehen. Auch Tracey Emin hat die radikale Ehrlichkeit zur Methode erhoben und den eigenen Körper als autobiografisches Material in die Kunst eingebracht doch während Emin die Scham durchbricht indem sie die intimsten Momente ihres Lebens als Readymades ausstellt — das zerwühlte Bett den Schwangerschaftstest — durchbricht Freud die Scham durch den unbestechlichen Blick des Malers der das Fleisch seiner Modelle über Monate hinweg studiert bis die soziale Maskerade abfällt und die nackte Existenz sichtbar wird. Sein Einfluss auf die zeitgenössische Kunst ist unermesslich; viele junge Maler orientieren sich bis heute an seiner kompromisslosen Haltung und seiner technischen Brillanz. Er hinterließ ein Werk das uns herausfordert uns unserer eigenen Sterblichkeit zu stellen und die Schönheit im Unvollkommenen zu finden.
In seinem Spätwerk konzentrierte er sich zunehmend auf monumentale Körperlichkeiten die den Raum der Leinwand fast sprengten. Die Darstellungen von Leigh Bowery beispielsweise sind Studien über Masse und Gewicht die dem Betrachter den Atem rauben. Freud war fasziniert von der schieren Physis dieser Körper und nutzte sie um die Möglichkeiten der Farbe bis an ihre Grenzen auszuloten. Auch sein Umgang mit Licht war meisterhaft; oft nutzte er hartes Oberlicht in seinem Atelier um die Konturen der Muskeln und die Furchen der Haut hervorzuheben. Dies verlieh seinen Bildern eine fast schon skulpturale Qualität die sie so einzigartig macht. Bis zu seinem letzten Atemzug blieb er neugierig auf das was der menschliche Körper zu erzählen hat. Sein Tod im Jahr zweitausendelf markierte das Ende einer Ära doch sein Blick bleibt in seinen Bildern lebendig und fordert uns weiterhin auf die Welt und uns selbst ohne Beschönigung zu betrachten. Er hat die Malerei zu einer Form der Psychoanalyse gemacht bei der nicht geredet sondern gesehen wird.
Mehr Informationen unter: http://www.artnet.de/künstler/lucian-freud/
Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die den menschlichen Körper und die Kraft der figurativen Malerei feiern — von Faces III bis Dark Ages.
