Charles Esche und die radikale Transformation des musealen Raumes

In der heutigen globalen Kunstlandschaft gibt es nur wenige Persönlichkeiten die den Diskurs über die Funktion und die Zukunft des Museums so maßgeblich geprägt haben wie Charles Esche. Der im Jahre 1962 im englischen Harrogate geborene Professor für Kunstgeschichte und Museumsdirektor ist weit mehr als nur ein Verwalter von Sammlungen. Er ist ein intellektueller Unruhestifter im besten Sinne des Wortes der die Institution Museum von Grund auf neu denkt und sie als einen Ort der gesellschaftlichen Auseinandersetzung und der demokratischen Praxis begreift. Esche der zeitweise in Edinburgh und Eindhoven lebt verbindet in seinem Wirken eine tiefe Kenntnis der Kunstgeschichte mit einer radikalen theoretischen Schärfe die den Status quo der Kunstwelt immer wieder herausfordert. Seine Herkunft aus der einfachen britischen Arbeiterklasse hat seinen Blick auf die Machtstrukturen innerhalb der Kulturindustrie geschärft und ihn zu einem Verfechter einer Kunstpraxis gemacht die nicht nur einer kleinen Elite sondern der gesamten Gesellschaft dienen soll.

Die akademischen Fundamente zwischen Mittelalter und Museologie

Die intellektuelle Reise von Charles Esche begann in einer Zeit in der die Kunstgeschichte noch stark von traditionellen Kanons geprägt war. In den Jahren von 1985 bis 1988 widmete er sich an der University von Manchester dem Studium der Kunstgeschichte wobei sein Schwerpunkt überraschenderweise auf der Mittelalterforschung und der Renaissanceforschung lag. Der Erwerb seines Bachelor of Art legte die methodische Basis für seine spätere Arbeit. Doch Esche wollte wissen wie Kunst präsentiert und vermittelt wird und welche Rolle die Museen als Bewahrer des kulturellen Erbes spielen. Daher spezialisierte er sich im Fach Museologie. Mit dem erfolgreichen Abschluss seines Master of Arts besaß er nun nicht nur das kunsthistorische Fachwissen sondern auch das theoretische Rüstzeug um die Strukturen der Museumswelt kritisch zu hinterfragen — Fragen die auch unser Artikel zum Museumsmarketing im Wandel aufgreift.

Der Aufbruch in Schottland und die Atmosphäre des Vertrauens

Seine Karriere als Kurator nahm in den frühen 1990er Jahren in Schottland an Fahrt auf. Im Tramway Kunstzentrum in Glasgow fand er von 1993 bis 1997 einen Ort an dem er seine experimentellen Ideen in die Praxis umsetzen konnte. Ein Meilenstein dieser Zeit war die Ausstellung im Jahre 1995 mit dem programmatischen Titel Trust. Es war das erste Mal dass bedeutende Persönlichkeiten wie Stan Douglas oder Cady Noland und Tony Oursler ihre Werke in Glasgow präsentierten was die Stadt nachhaltig auf der Landkarte der internationalen Gegenwartskunst positionierte. Esche bewies hier dass eine Ausstellung mehr sein kann als eine bloße Aneinanderreihung von Objekten nämlich ein soziales Ereignis das Beziehungen stiftet und Räume für neue Erfahrungen öffnet.

Afterall und die Etablierung einer kritischen Kunsttheorie

Im Jahre 1998 gründete Charles Esche zusammen mit Mark Lewis die Kunstzeitschrift Afterall. Dieses Medium das in Zusammenarbeit mit der University of Chicago Press erscheint hat sich über die Jahrzehnte zu einem der wichtigsten Organe für die Analyse und Kritik der Gegenwartskunst entwickelt. Esche geht es in Afterall nicht um flüchtige Rezensionen sondern um tiefschürfende Essays die die gesellschaftliche und politische Dimension der Kunstproduktion beleuchten. Die Gründung von Afterall war ein wichtiger Schritt um den Diskurs über Kunst aus den rein akademischen Zirkeln herauszuholen und ihn mit der kuratorischen Praxis zu verknüpfen.

Die skandinavische Phase und das Laboratorium Rooseum

Der Weg von Charles Esche führte ihn im Jahre 2000 nach Schweden wo er bis zum Jahre 2004 die Leitung des Rooseum Center for Contemporary Art in Malmö übernahm. Er entwickelte das Rooseum zu einem Laboratorium für neue institutionelle Praktiken und experimentierte mit der Idee des Museums als ein Ort des Lernens und der Produktion. Während seiner Zeit in Malmö begann er auch seine Fühler weiter in die internationale Biennalen-Welt auszustrecken. Im Jahre 2002 agierte er als Mitkurator der Gwangju Biennale in Südkorea. Er hinterfragte die hierarchischen Strukturen der klassischen Museen und suchte nach Wegen wie das Publikum stärker in die Gestaltung der Programme einbezogen werden könnte.

Das Van Abbemuseum und die Neudefinition der Sammlungspolitik

Seit dem Jahre 2004 ist Charles Esche Direktor des Van Abbemuseums im niederländischen Eindhoven. Unter seiner Führung hat sich das Haus zu einem der radikalsten und meistbeachteten Museen der Welt entwickelt. Esche hat die Sammlungspolitik grundlegend revolutioniert indem er sie in einen globalen und postkolonialen Kontext stellte. In der Ausstellungsreihe Play van Abbe die er von 2008 bis 2010 veranstaltete setzte er sich intensiv mit der Rolle der Museen im 21. Jahrhundert auseinander. In dieser postkolonialen Öffnung der Sammlungspolitik steht Esche neben Elvira Dyangani Ose, die als Direktorin des MACBA in Barcelona eine verwandte Agenda der Dekolonisierung verfolgt, und neben Jochen Volz, der als Generaldirektor der Pinacoteca de São Paulo ebenfalls die Brücke zwischen europäischem und nicht-europäischem Denken schlägt. Das Van Abbemuseum unter Esche ist kein statisches Archiv sondern ein dynamischer Raum der ständigen Selbstbefragung.

L’Internationale und die Kraft der europäischen Kooperation

Ein weiterer bedeutender Meilenstein war die Mitbegründung der Vereinigung L’Internationale im Jahre 2010. Zusammen mit sechs anderen führenden europäischen Museen schuf er ein Netzwerk das auf Solidarität und dem Austausch von Ressourcen basiert. L’Internationale ist ein Versuch die Dominanz der großen Metropolen-Museen herauszufordern und eine neue Form der grenzüberschreitenden Kooperation zu etablieren. In seiner Überzeugung dass die Zukunft der Kunst in der Vernetzung und nicht in der Konkurrenz liegt berührt sich Esches Ansatz mit dem Konzept des Also Space von Reinaart Vanhoe, der ebenfalls nach Modellen sucht in denen Kunst als integraler Teil einer Gemeinschaft funktioniert statt als isolierte Institution. Es geht um die Schaffung einer gemeinsamen europäischen Öffentlichkeit die sich kritisch mit der eigenen Geschichte und der Zukunft des Kontinents auseinandersetzt.

Die globalen Biennalen als Seismographen der Veränderung

Neben seiner Tätigkeit als Museumsdirektor ist Charles Esche einer der gefragtesten Kuratoren für internationale Großausstellungen. Im Jahre 2005 kuratierte er die Istanbul Biennale. Im Jahre 2014 fungierte er als Mitkurator der 31. São Paulo Biennale in Brasilien. Nur ein Jahr später folgte die Jakarta Biennale. Für Esche sind Biennalen keine bloßen Events der Kunstindustrie sondern Seismographen gesellschaftlicher Veränderungen — eine Verbindung von Kunst und Gesellschaft die sein gesamtes Wirken durchzieht. Auch seine Berufung in die Findungskommission der Documenta 15 zeigt welches Vertrauen die Fachwelt in sein Urteil setzt.

Lehre und Mentorenschaft

Charles Esche ist nicht nur ein Praktiker sondern auch ein leidenschaftlicher Vermittler von Wissen. Als Professor für Zeitgenössische Kunst und Ausstellungspraxis lehrt er am Central Saint Martins College of Art and Design in London sowie an der Jan van Eyck Academie in Maastricht. Er ermutigt seine Studierenden die etablierten Regeln der Ausstellungspraxis zu hinterfragen und nach neuen Formen der Vermittlung zu suchen. Sein Einfluss auf die heutige Generation von Kunstschaffenden ist immens da er viele junge Köpfe dazu inspiriert hat die Institution Kunst als einen Raum der Freiheit und der gesellschaftlichen Verantwortung zu begreifen.

Charles Esche hat in den vergangenen Jahrzehnten bewiesen dass das Museum kein staubiges Archiv sein muss sondern ein lebendiger Ort der Veränderung sein kann. Er hat die Rolle des Kurators von der Auswahl schöner Objekte hin zu einer Form der sozialen und politischen Praxis transformiert. Er erinnert uns daran dass Kunst immer in einem Kontext steht und dass wir als Gesellschaft die Verantwortung tragen Räume zu schaffen in denen dieser Kontext verhandelt werden kann. Charles Esche bleibt ein Visionär der uns zeigt dass die Kunst die Kraft hat die Welt nicht nur abzubilden sondern sie aktiv mitzugestalten. Er hat die Museologie von einer rein technischen Disziplin zu einer kritischen Kulturwissenschaft weiterentwickelt die den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Wer die Zukunft der Museen verstehen will kommt an Charles Esche nicht vorbei.

Mehr Informationen unter: https://vanabbemuseum.nl/personen/charles-esche/

Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten Stimmen der Gegenwartskunst vor. Entdecken Sie auch unsere Übersicht der wichtigsten Kuratoren und Museumsdirektoren, die Porträts der bedeutendsten zeitgenössischen Künstler und unsere eigenen Ausstellungen in Berlin.