Gabi Ngcobo und die Befreiung der Bilder aus den Ketten der Geschichte

Die zeitgenössische Kunstwelt erlebt gegenwärtig eine tiefgreifende Transformation die von Stimmen getragen wird welche die herkömmlichen Zentren der Macht radikal in Frage stellen. Gabi Ngcobo gehört zweifellos zu den prägendsten Persönlichkeiten dieser Bewegung da sie als Künstlerin und Kuratorin sowie als engagierte Theoretikerin die Grenzen des Sagbaren und Zeigbaren permanent verschiebt. Geboren im Jahr neunzehnhundertvierundsiebzig im südafrikanischen Durban trägt sie die Erfahrungen einer zerrissenen Gesellschaft in sich die sie in eine hochkomplexe kuratorische Praxis übersetzt hat. Wer sich mit dem Schaffen von Gabi Ngcobo befasst begegnet einer Frau die den Mut besitzt die dunklen Kapitel der Geschichte nicht nur zu dokumentieren sondern sie als Material für eine bessere Zukunft zu nutzen.

Die Kindheit im Schatten der Segregation

Der Ursprung ihrer tiefen Sensibilität für Machtstrukturen liegt in den Straßen von Umlazi einem Township in der Nähe von Durban. Gabi Ngcobo wuchs dort unter den Bedingungen der Apartheid auf. Sie lernte früh dass der Raum den man bewohnt niemals neutral ist sondern immer ein politisches Statement darstellt. Die Kunst wurde für sie zu einem Fluchtweg und zugleich zu einer Waffe.

Zwischen Durban und New York

Sie studierte Kunstwissenschaften an der Universität von Durban-Westville und erwarb später am renommierten Center for Curatorial Studies in New York ihren Master. In der Metropole begegnete sie einer globalen Kunstszene die ihr neue Perspektiven auf die Vermittlung von Kultur eröffnete. Diese doppelte Ausbildung machte sie zu einer einzigartigen Vermittlerin zwischen den Welten.

Die Philosophie der Selbstorganisation und Nothing Gets Organised

Im Jahr zweitausendzehn gründete Ngcobo die Organisation Nothing Gets Organised (NGO). Der Name ist eine ironische Anspielung auf die Welt der Nichtregierungsorganisationen und zugleich ein Plädoyer für die Kraft der Selbstorganisation. In dieser radikalen Offenheit und dem Vertrauen in kollektive Prozesse berührt sich Ngcobos Ansatz mit dem Konzept des Also Space von Reinaart Vanhoe, der ebenfalls nach Modellen sucht in denen Kunst organisch aus der Gemeinschaft heraus entsteht statt von oben verordnet zu werden. Ngcobo wollte einen Raum schaffen in dem Kunst entstehen kann ohne sofort in vorgegebene Raster gepresst zu werden.

Der kollektive Wahnsinn und der Durchbruch in Berlin

Der internationale Durchbruch gelang Gabi Ngcobo mit der Leitung der zehnten Berlin Biennale im Jahr zweitausendachtzehn. Unter dem Titel We don’t need another hero entwickelte sie ein Programm das sich gegen den Starkult und gegen die heroischen Narrative der westlichen Kunstwelt richtete. Ngcobo wollte die eingefahrenen Strukturen der Biennale aufbrechen und Platz schaffen für Stimmen die oft an den Rand gedrängt werden. Die Ausstellung war geprägt von einer disruptiven Sicht auf die Welt die den Betrachter zur Selbstreflexion zwang — Fragen die auch das breitere Verhältnis von Kunst und Gesellschaft berühren. In dieser Dekonstruktion der Macht steht Ngcobo neben Elvira Dyangani Ose, die als Direktorin des MACBA in Barcelona eine verwandte Agenda der Dekolonisierung verfolgt, und neben Charles Esche, dessen Arbeit am Van Abbemuseum ebenfalls die eurozentrische Sichtweise der Kunstgeschichte radikal hinterfragt.

Dekonstruktion der Macht in São Paulo und Frankfurt

Bereits vor ihrem Erfolg in Berlin hatte Ngcobo ihre kuratorische Handschrift auf internationalem Parkett geschärft. Im Jahr zweitausendsechzehn war sie als mitarbeitende Kuratorin für die zweiunddreißigste São Paulo Biennale tätig — eine Ausgabe die unter der künstlerischen Leitung von Jochen Volz stand, der ebenfalls die Brücke zwischen europäischem und nicht-europäischem Denken schlägt. In Frankfurt kuratierte sie zusammen mit Yvette Mutumba die Ausstellung A Labour of Love die sich mit der Rezeption afrikanischer Kunst in Deutschland auseinandersetzte. Jede ihrer Ausstellungen ist ein Plädoyer für eine multipolare Kunstwelt in der unterschiedliche Wahrheiten nebeneinander bestehen können.

Die Documenta fifteen und der Geist des Kollektiven

Ein weiterer Höhepunkt ist ihre Beteiligung an der künstlerischen Leitung der Documenta fifteen in Kassel. In dieser Rolle führt sie den Gedanken der kollektiven Arbeit fort. Die Documenta fifteen ist für Ngcobo die ideale Plattform um ihre Vision einer dezentralen und nachhaltigen Kunstpraxis auf einer globalen Bühne zu erproben. In Kassel zeigt sich dass ihr Ansatz der sanften aber bestimmten Rebellion gegen die Strukturen des Kunstmarktes aktueller denn je ist.

Betrachtet man das bisherige Lebenswerk von Gabi Ngcobo so erkennt man eine Künstlerin und Kuratorin die wie eine Seismografin die Erschütterungen unserer Zeit registriert und in kraftvolle Bilder übersetzt. Sie hat die Kunst aus der Isolation des Ästhetischen befreit und sie als ein mächtiges Instrument der politischen und sozialen Transformation rehabilitiert. Ihr Weg der in den staubigen Straßen von Umlazi begann hat sie in die Zentren der Weltkunst geführt ohne dass sie ihre Integrität verloren hätte. Gabi Ngcobo lehrt uns dass wir die Welt nur dann verändern können wenn wir den Mut besitzen eingefahrene Systeme zu stören und uns selbst im Spiegel der Geschichte ohne Masken zu betrachten.

Mehr Informationen unter: https://curatorsintl.org/collaborators/4811-gabi-ngcobo

Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten Stimmen der Gegenwartskunst vor. Entdecken Sie auch unsere Übersicht der wichtigsten Kuratoren und Museumsdirektoren, die Porträts der bedeutendsten zeitgenössischen Künstler und unsere eigenen Ausstellungen.