Alan Kane und das heroische Leuchten des Alltäglichen

Man blickt oft auf die Welt als wäre sie ein geordnetes Museum in dem die Grenze zwischen dem Kostbaren und dem Wertlosen durch dicke Kordeln und strenge Wärter gezogen wird. Doch wer die Augen schließt und sich dem Rauschen des täglichen Lebens hingibt der erkennt dass die wahre Kreativität nicht in den klimatisierten Hallen der Hochkultur wohnt sondern auf den Küchentischen und in den Garagen sowie in den kleinen Sammlungen der anonymen Enthusiasten. Alan Kane der im Jahr 1961 in Nottingham geboren wurde ist ein solcher Archäologe der Gegenwart der den Staub von den Dingen des Alltags wischt um ihren inneren Glanz freizulegen. Er ist ein Künstler der die Hierarchien nicht einfach nur ablehnt sondern sie mit einer sanften Ironie und einer tiefen Zärtlichkeit unterwandert. Kane der heute in London lebt und arbeitet hat es sich zur Aufgabe gemacht das Übersehene zu monumentalisieren und der Volkskunst eine Bühne zu bereiten die sie aus der Ecke des bloßen Kitschdaseins herausholt. In seinem Werk begegnen wir einer Welt in der eine Teekanne ebenso viel über die menschliche Seele verraten kann wie ein Ölgemälde des 19. Jahrhunderts wenn man nur bereit ist das richtige Licht darauf fallen zu lassen.

Die Würde der Teekanne und der Sieg über die Institution

Ein zentrales Werk das den Geist von Alan Kane perfekt verkörpert ist die Arbeit Souped Up Tea Urn & Teapot aus dem Jahr 2004. Hier nimmt er einen Gegenstand der so urtypisch britisch und alltäglich ist wie kaum ein anderer und unterzieht ihn einer Metamorphose die man sonst eher bei frisierten Rennwagen vermuten würde. Die Teekanne trägt einen Flammenfarbeffekt der ihr eine Dynamik und eine Aggressivität verleiht die in einem herrlichen Widerspruch zur Gemütlichkeit des Teetrinkens steht. Es ist eine Hommage an die Lust am Dekorieren und an den individuellen Ausdruck der sich in den kleinsten Gesten manifestiert. Auch Martin Creed hat das scheinbar Belanglose zum Gegenstand der Kunst erhoben und mit Arbeiten wie Work No. 227 The Lights Going On and Off den Turner Preis gewonnen doch während Creed das Banale in eine konzeptuelle Geste destilliert die den White Cube selbst zur Skulptur macht reichert Kane das Alltagsobjekt mit der dekorativen Energie der Volkskultur an und feiert den Überfluss statt der Reduktion. Dass dieses Werk heute zur berühmten Tate Collection gehört ist ein stiller Triumph für Kane da es zeigt dass die Institutionen der Hochkunst gezwungen sind sich der Ästhetik des Alltags zu beugen. Die Teekanne im Museum ist kein Fremdkörper sondern eine Erinnerung daran dass Schönheit keine Frage des Preises oder der akademischen Weihe ist sondern eine Frage der Leidenschaft mit der ein Objekt beseelt wird. Kane beweist hier dass das Profane heilig werden kann wenn es mit der nötigen Respektlosigkeit und Liebe behandelt wird.

Das Folk Archive und die Rebellion der Volkskunst

In einer Zeit die im Jahr 2026 mehr denn je nach Identität und Erdung sucht wirkt das wichtigste Projekt von Alan Kane wie ein rettender Anker. Gemeinsam mit Jeremy Deller schuf er das Folk Archive eine gewaltige Sammlung populärer und zeitgenössischer Kunst aus ganz Großbritannien. Dieses Werk das im Jahr 2000 erstmals auf der Tate Triennial of British Art präsentiert wurde ist eine leidenschaftliche Bestandsaufnahme der lebendigen Kreativität abseits der Galerien. Hier findet man alles von hausgemachten Bannern bis hin zu kuriosen Wettbewerben und lokalen Traditionen die oft am Rande des Vergessens existieren. Es ist eine Schau die keine elitären Barrieren kennt und die das Volk zum eigentlichen Künstler erhebt. Auch Banksy hat die Demokratisierung der Kunst vorangetrieben und die Straße zur Galerie erklärt doch wo Banksy als anonymer Einzelgänger die Mauern der Städte bemalt und den Kunstmarkt mit subversivem Humor unterwandert arbeitet Kane als Sammler und Archivar der zeigt dass die kreative Energie der Vielen bereits existiert und nur sichtbar gemacht werden muss. Das Folk Archive ist weit mehr als eine bloße Dokumentation; es ist ein politisches Statement gegen ein hierarchisches System das sich über die alltägliche Kreativität stellen will. Die Tatsache dass dieses Gemeinschaftswerk im Jahr 2007 von der British Council Collection angekauft wurde und anschließend in Metropolen wie Belgrad und Mailand sowie Paris und Mumbai oder Shanghai gezeigt wurde beweist die universelle Kraft dieser Idee. Überall auf der Welt erkennen Menschen dass die wahre Kultur dort entsteht wo das Leben am intensivsten pulsiert.

Der Stratford Hoard Ein Museum im Vorbeigehen

Im Jahr 2008 schuf Alan Kane mit der Arbeit The Stratford Hoard eine Installation die den öffentlichen Raum in eine Wunderkammer des Gewöhnlichen verwandelte. Im Bahnhof von Stratford präsentierte er eine Reihe von Sammlungen der Alltagskultur die so disparat wie faszinierend waren. Dort fanden sich Aufziehspielzeuge und elektrische Gitarren sowie Fußballschuhe und Zuckertüten oder Fanartikel der Beatles. Es war eine Ausstellung die im Vorbeigehen konsumiert wurde und die den Reisenden dazu zwang innezuhalten und über die Obsessionen der Sammler nachzudenken. Subodh Gupta hat auf ähnliche Weise die alltäglichen Gebrauchsgegenstände seiner indischen Herkunft in den Ausstellungsraum überführt und aus Edelstahltöpfen und Kochgeschirr monumentale Skulpturen geschaffen doch während Gupta die Küche des Subkontinents in glänzendes Pathos verwandelt lässt Kane die Dinge in ihrer ganzen ungeschliffenen Banalität stehen und findet darin eine eigene Form der Erhabenheit. Ein Hoard ist im klassischen Sinne ein Schatzfund aus der Antike doch für Kane ist der wahre Schatz das was Menschen über Jahre hinweg mit Hingabe zusammengetragen haben. Jede Zuckertüte und jedes Spielzeug erzählt eine Geschichte von Zeit und Hingabe und von dem Wunsch etwas festzuhalten in einer Welt die alles verflüchtigt. Kane macht deutlich dass der Bahnhof ebenso ein Ort der kulturellen Begegnung sein kann wie eine Galerie und dass die Dinge die wir sammeln mehr über uns aussagen als wir oft zugeben wollen.

Die Kuriositäten der Eltern und die Frieze Art Fair

Ein besonders persönlicher und zugleich provokanter Moment in Kanes Schaffen war seine Präsenz auf der Frieze Art Fair im Jahr 2009. Während um ihn herum der globale Kunstmarkt mit Millionenbeträgen jonglierte präsentierte er die Sammlung von Mr. and Mrs. LM Kane. Dabei handelte es sich um allerlei Kuriositäten und Schnickschnack aus seinem eigenen Elternhaus. Es war ein radikaler Akt der Entblößung und zugleich eine liebevolle Hommage an die Ästhetik seiner Herkunft. Inmitten der hochglanzpolierten Werke der internationalen Avantgarde wirkten die Nippesfiguren und die alltäglichen Fundstücke wie ein Störfaktor der die Künstlichkeit des Kunstmarktes entlarvte. Man denkt unweigerlich an Tracey Emin die mit My Bed ebenfalls die Intimität des Privaten in den Ausstellungsraum zerrte doch während Emins zerwühltes Bett ein autobiografisches Bekenntnis existenzieller Verzweiflung war ist Kanes Elternhaus-Sammlung eine Geste der zärtlichen Ironie die nicht das eigene Leiden sondern die universelle Liebe zum Sammeln feiert. Kane forderte die Besucher heraus die gleiche Aufmerksamkeit die sie einem teuren Objekt schenkten auch diesen persönlichen Erinnerungsstücken entgegenzubringen. Er zeigte dass jedes Haus ein Museum ist und dass die Liebe zum Sammeln eine zutiefst menschliche Eigenschaft ist die sich nicht in Marktwerten ausdrücken lässt. Diese Geste war typisch für Kane: Sie war leise und unprätentiös aber in ihrer Konsequenz zutiefst erschütternd für das etablierte System.

Orphaned Dishes und die sakrale Kraft des Übersehenen

Die Arbeit von Alan Kane führt uns oft an Orte an denen man die Kunst nicht vermuten würde. In Ausstellungen wie Orphaned Dishes die im Jahr 2011 in der Whitechapel Gallery in London zu sehen war beschäftigt er sich mit dem was übrig bleibt. Verwaiste Teller und einsame Geschirrteile werden zu Reliquien einer verschwundenen Tischgesellschaft erhoben. Auch Projekte wie The Trongate Codex aus dem Jahr 2012 in der Glasgow Cathedral zeigen seine Fähigkeit sakrale Räume mit der Alltagskultur kurzzuschließen. Er sucht die Reibung zwischen dem Erhabenen und dem Banalen und findet darin eine neue Form der Schönheit. Im Jahr 2013 präsentierte er zudem den Punk Shop in der Ancient and Modern Gallery in London wo er die Ästhetik des Widerstands und der DIY Kultur feierte. Für Kane ist der Punk nicht nur eine musikalische Strömung sondern eine Lebenseinstellung die sich in der Gestaltung von Objekten und Kleidung manifestiert. Er bleibt ein Sammler von Momenten und ein Archivar der menschlichen Eigenwilligkeit der uns daran erinnert dass die Kunst kein fernes Ideal ist sondern eine Praxis die wir alle jeden Tag vollziehen.

Die Philosophie der Bedeutung ohne Rauschen

Alan Kane ist der Künstler der uns lehrt dass wir keine Erlaubnis brauchen um kreativ zu sein. Sein Werk ist ein Plädoyer für die Demokratisierung der Schönheit und für die Wertschätzung des Unscheinbaren. Er befreit die Dinge von dem Rauschen der kommerziellen Bewertung und gibt ihnen ihre ursprüngliche Bedeutung zurück. Wenn wir seine Fotografien und Videos sowie seine Installationen betrachten dann erkennen wir dass wir selbst die Schöpfer unserer Kultur sind. Er fordert das hierarchische System der hohen Kunst heraus indem er zeigt dass ein gut gemachter Tee oder eine liebevoll gepflegte Sammlung von Spielzeugen eine eigene Form der Exzellenz besitzen. In der Welt von Alan Kane gibt es keine Verlierer sondern nur Entdecker die im Alltäglichen das Besondere finden. Sein Vermächtnis im Jahr 2026 ist eine Einladung die Augen zu öffnen und den Reichtum zu sehen der uns in jedem Moment umgibt. Er ist der stille Chronist einer Menschheit die sich weigert grau zu sein und die in jedem kleinen Ding ein Zeichen ihrer Existenz hinterlässt.

Mehr Informationen unter: https://www.britishcouncil.in/jeremy-deller-and-alan-kane

Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die das Verhältnis von Alltag und Kunst neu verhandeln — von Helden der Popkultur bis Mainichi — Alltagswelt in Japan.