Cornelia Parker und die Alchemie der Zerstörung

In der zeitgenössischen Kunstwelt nimmt Cornelia Parker eine Position ein, die ebenso gefestigt wie faszinierend ist. Wer sich mit ihrem Werk befasst, betritt eine Zone, in der die Grenzen zwischen Schöpfung und Destruktion vollkommen aufgelöst sind. Parker, geboren 1956 in Cheshire, England, hat sich als eine der profiliertesten Installationskünstlerinnen und Bildhauerinnen ihrer Generation etabliert, die eine verblüffende Vielzahl von Medien nutzt. Ihr künstlerischer Kern liegt in der radikalen Transformation: Sie zeigt oft destruktive Verschmelzungen von Alltagsgegenständen aus dem Haushalt, die sie zerbricht oder zu völlig neuen, atemberaubenden Strukturen umfunktioniert. Dabei umschreibt die Künstlerin selbst ihre Werke oft als ironisch und humorig, was einen reizvollen Kontrast zur physischen Gewalt bildet, die vielen ihrer Prozesse innewohnt. Ihr Weg war kontrovers, doch ihr Einfluss auf prozessorientierte Künstler wie Simon Starling, Sarah Lucas und Rachel Whiteread ist unbestreitbar. Sie ist eine Architektin des Augenblicks, die das Ende einer Form als Anfang einer neuen Erzählung begreift.

Der Weg über die Fundstücke zur Unabhängigkeit

Bevor Cornelia Parker zu einer internationalen Größe heranwuchs, durchlief sie eine solide akademische Ausbildung. Sie studierte am College of Art and Design in Gloucestershire (1974–1975), danach am Wolverhampton Polytechnic (1975–1978) und erwarb schließlich ihren MFA an der Reading University (1980–1982). Ihre künstlerische Praxis begann mit gefundenen Objekten, doch Parker empfand die Idee des bloßen Sammelns als peinlich. Dieses Unbehagen wurde zum kreativen Motor: Anstatt die Dinge nur anzuhäufen, begann sie, diese in ihrer Kunst aktiv zu verwenden und zu transformieren. Ein früher Meilenstein war ihre Nominierung für den Turner Prize im Jahr 1997 im Alter von 40 Jahren, eine Auszeichnung, die sie zwar nicht gewann, die sie aber dazu veranlasste, erstmalig von künstlerischer Unabhängigkeit zu sprechen. Parker sieht sich selbst als Teil einer verlorenen Generation, die für ihren Erfolg kämpfen muss, was ihrem Werk eine zusätzliche Dringlichkeit verleiht.

Die eingefrorene Explosion und das plattgewalzte Silber

Zu den bekanntesten Werken, auf die Cornelia Parker auch selbst am meisten stolz ist, gehört An Exploded View aus dem Jahr 1991. Diese monumentale Installation zeigt einen Gartenschuppen, der im exakten Moment einer Explosion eingefroren zu sein scheint. Tausende von Fragmenten hängen an feinen Fäden von der Decke, umgeben von einzelnen Glühbirnen, was die Szene in ein dramatisches Licht taucht. Es ist ein eingefrorener Moment der Katastrophe, der gleichzeitig eine seltsame Ordnung und Ruhe ausstrahlt. In dieser Poetisierung der Zerstörung — der Verwandlung von Gewalt in schwebende Schönheit — berührt sich Parkers Arbeit mit der von Doris Salcedo, deren mit Zement gefüllte Möbel ebenfalls Alltagsgegenstände durch einen destruktiven Akt in Monumente der Abwesenheit verwandeln, wenn auch mit der Schwere des Betons statt der Leichtigkeit der Suspension. Ein weiteres Schlüsselwerk ist Thirty Pieces of Silver (2011), eine großformatige Installation aus hängenden und abgeflachten Silbergegenständen. Parker ließ Geschirr, Kerzenhalter und Teekannen von einer Dampfwalze plattwalzen und hängte sie dann knapp über dem Boden auf. Die Objekte haben ihre Funktion verloren, behalten aber ihre Geschichte und materielle Präsenz, verwandelt in poetische Scheiben, die im Licht schimmern.

Der schlafende Star: Die Kollaboration mit Tilda Swinton

Cornelia Parker ist auch für ihre ungewöhnlichen Kollaborationen bekannt, insbesondere mit der Schauspielerin Tilda Swinton. Diese Zusammenarbeit begann für eine Ausstellung im Jahr 1995 in der Serpentine Gallery in London mit dem Titel The Maybe. Hierbei schlief Swinton an jedem Tag der Ausstellung für acht Stunden in einer öffentlich ausgestellten Glasvitrine. Die Performance war eine Sensation und wurde im Jahr 2013 im Museum of Modern Art in New York nachgestellt. Diese Arbeit thematisierte die Präsenz und Abwesenheit, die Verletzlichkeit des schlafenden Körpers und die Rolle des Museums als Aufbewahrungsort für gelebtes Leben. In dieser Verwischung der Grenze zwischen Kunst und Leben steht The Maybe neben den Koch-Performances von Rirkrit Tiravanija und den partizipatorischen Installationen von Ernesto Neto — doch wo Tiravanija und Neto den Betrachter zur Aktivität einladen, konfrontiert Parker ihn mit der radikalen Passivität eines schlafenden Körpers hinter Glas.

Vermeidung als Konzept: „Avoided Objects“ und rissige Wände

Ein wiederkehrendes Thema in Parkers Werk ist die Auseinandersetzung mit Avoided Objects (vermiedenen Objekten). Diese Idee entwickelte sich unter anderem aus einem Spiel, das ihre Mutter und sie spielten, als sie durch East London gingen und dabei vermieden, auf die Risse des Bürgersteigs zu treten. Aus diesem persönlichen Hintergrund entstand das Werk Black Path (2013). Weitere Werke zu diesem Thema sind Unsettled (2012) und A Man Escaped (2012–2013), welche durch rissige Wände inspiriert wurden. Parker nimmt diese Risse und Fehlstellen, die wir im Alltag oft ignorieren oder vermeiden, und erhebt sie zum zentralen Motiv ihrer Kunst. Sie zeigt, dass die Fragilität und das Unvollkommene eine ganz eigene ästhetische Kraft besitzen. Neben der Zerstörung ist die Arbeit A Kiss With Added String (2003) ein weiteres Werk, auf das die Künstlerin besonders stolz ist, und das ihre Fähigkeit zeigt, auch mit subtileren Formen der Intervention zu arbeiten.

Die Künstlerin als Kuratorin und politische Beobachterin

In den letzten Jahren war Cornelia Parker auch vermehrt als Kuratorin tätig, wobei sie ihre künstlerische Vision auf die Anordnung von Werken anderer übertrug. Dazu gehört die Ausstellung Richard Of York Gave Battle In Vain in der Whitechapel Gallery (2011), wo sie Werke aus der Government Art Collection in einem Spektrum von Regenbogenfarben arrangierte. Bei der Royal Academy Summer Exhibition (2014) kuratierte sie einen bemerkenswerten Schwarz-Weiß-Raum. Parker nutzt die kuratorische Arbeit als eine Erweiterung ihrer Installationspraxis, um neue Zusammenhänge und Bedeutungen zu stiften. Ihre politische Wachsamkeit zeigte sich, als sie im Jahr 2017 zwei Filme und einige Fotografien veröffentlichte, die die britischen Parlamentswahlen als Momente von Panik und Not in einer Zeit von Anschlägen und Instabilität widerspiegelten — Fragen die auch das breitere Verhältnis von Kunst und Gesellschaft berühren. Cornelia Parker bleibt eine Künstlerin, die den Finger in die Wunden ihrer Zeit legt, sei es durch die Zerstörung eines Gartenschuppens oder durch die Dokumentation politischer Verwerfungen. Ihr Werk ist eine fortwährende Lektion über die Verwandlungskraft der Zerstörung und die Schönheit des Fragmentarischen.

Mehr Informationen unter: https://www.royalacademy.org.uk/art-artists/name/cornelia-parker-ra

Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die Zerstörung und Neuschöpfung verbinden — von Cataclysmic Change bis Dark Ages.