Bill Viola und die Sakralisierung des digitalen Augenblicks

In der Geschichte der zeitgenössischen Ästhetik gibt es nur wenige Gestalten die eine so fundamentale Transformation eines Mediums herbeigeführt haben wie William Bill Viola. Er ist der unangefochtene Pionier der die Videokunst aus den Kinderschuhen der technischen Experimente herausführte und sie in den Rang einer spirituellen Ausdrucksform erhob. Wer heute auf sein Werk blickt erkennt einen Künstler der die Kamera nicht als bloßes Aufzeichnungsgerät begriff sondern als ein Instrument zur Erforschung der menschlichen Seele. Viola hat es geschafft die Flüchtigkeit des elektronischen Bildes mit der Beständigkeit religiöser Ikonografie zu verknüpfen. Sein Schaffen ist eine lebenslange Meditation über die großen Schwellen des Daseins wie Geburt und Tod sowie die Natur des Bewusstseins. Er nutzt modernste Technologie nicht um Spektakel zu erzeugen sondern um die Zeit zu dehnen und den Betrachter in einen Zustand der tiefen Selbstbeobachtung zu versetzen.

Die Kindheit in Queens und der Ruf der inneren Welt

William Bill Viola wurde am 25. Januar 1951 in Queens geboren und verbrachte dort seine prägenden Jahre. Schon früh zeigte sich dass er ein ungewöhnlich schüchternes und introvertiertes Kind war das eine bemerkenswerte Konzentration an den Tag legte. Der entscheidende Moment ereignete sich im Jahr 1969 während seiner High-School-Zeit. Ein großzügiger Spender schenkte der Schule eine Sony Portapak Videokamera. Dieses damals revolutionäre tragbare Gerät war Violas erste Begegnung mit dem Medium dem er sein gesamtes Berufsleben widmen sollte.

Die Ausbildung an der Syracuse University und die Entdeckung des Klangs

An der Syracuse University erwarb er im Jahr 1973 seinen BFA-Abschluss in Experimental Studios. Diese Zeit war für seine künstlerische Entwicklung von unschätzbarem Wert da er nicht nur die bildende Kunst studierte sondern sich auch intensiv mit der elektronischen Musik befasste. Diese Verbindung von Bild und Klang sollte zu einem Markenzeichen seiner späteren Installationen werden. Er begriff früh dass Videokunst keine stumme Malerei mit anderen Mitteln ist sondern eine ganzheitliche Erfahrung die den gesamten Raum und alle Sinne einbezieht. In dieser Verschmelzung von Klang und Bild zu einer immersiven Raumerfahrung steht Viola neben Christian Marclay, der in The Clock ebenfalls Film und Sound zu einer totalen Zeiterfahrung verbindet — wenn auch mit der Methode der Montage wo Viola die Methode der Zeitdehnung bevorzugt.

Die Sahara und Japan als Räume der transzendentalen Erfahrung

Im Jahr 1979 reiste Viola in die Sahara nach Tunesien um dort Luftspiegelungen mit seiner Videokamera einzufangen. Ein weiterer entscheidender Wendepunkt war das Jahr 1980 als er ein US-Japan Creative Artist Fellowship erhielt. Gemeinsam mit seiner Partnerin Kira Perov zog er nach Japan wo er anderthalb Jahre verbrachte. Viola studierte den Zen-Buddhismus unter der Leitung von Meister Daien Tanaka was seine Arbeitsweise fundamental veränderte. Er lernte die Bedeutung der Leere und der Konzentration sowie den Wert des langen Wartens auf den richtigen Augenblick. Diese fernöstliche Philosophie floss direkt in seine Werke ein. In dieser Verbindung von Kunst und Wissenschaft — der Erforschung von Wahrnehmungsphänomenen und Bewusstseinszuständen — berührt sich Violas Arbeit mit der von James Turrell, dessen Perceptual Cells ebenfalls die Grenze zwischen physischer Realität und innerem Erleben aufheben.

Das Nantes Triptych und der Kreislauf des Lebens

Im Jahr 1988 wurde sein erster Sohn geboren. Doch fast gleichzeitig erkrankte seine Mutter schwer und verstarb im Jahr 1991 genau zu der Zeit als sein zweiter Sohn das Licht der Welt erblickte. Diese Gleichzeitigkeit von Werden und Vergehen führte zu einem seiner kraftvollsten Werke mit dem Titel Nantes Triptych aus dem Jahr 1992. Das Video zeigt auf drei Bildschirmen die grundlegenden Stationen der menschlichen Existenz: In der Mitte schwebt ein Mann unter Wasser, auf der einen Seite wird eine Frau in den Wehen gezeigt, auf der anderen die sterbende Mutter des Künstlers. Dieses Triptychon ist eine visuelle Meditation über den ewigen Kreislauf der Natur. In dieser existenziellen Schwere und der Verschmelzung von persönlicher Trauer und universeller Aussage steht Viola neben Shirin Neshat, deren Videoinstallationen ebenfalls die großen Schwellen des menschlichen Daseins thematisieren — wenn auch aus dem Kontext der islamischen Kultur und der weiblichen Erfahrung.

The Crossing und die Auflösung des Ichs

Eines der bekanntesten Werke von Bill Viola ist die Video- und Soundinstallation The Crossing aus dem Jahr 1996. Auf zwei gegenüberliegenden Leinwänden sieht man denselben Mann der auf der einen Seite von einem gewaltigen Wasserfall verschlungen wird und auf der anderen von einem lodernden Feuer. Das Werk thematisiert die Zerstörung des Egos und die Reinigung durch die Urelemente der Natur. Die extreme Zeitlupe und der immersive Klang machen The Crossing zu einer fast schon religiösen Erfahrung im Kunstraum. In dieser Nutzung des Wassers als Medium der Transformation und der Auflösung berührt sich Violas Arbeit mit der von Doug Aitken, dessen Multimedia-Installationen ebenfalls Naturkräfte als überwältigende sensorische Erfahrungen inszenieren.

Die Oper und die Erweiterung des Gesamtkunstwerks

Im Jahr 2004 begann Viola eine Zusammenarbeit mit dem Dirigenten Esa-Pekka Salonen und dem Regisseur Peter Sellars für eine Neuinszenierung von Wagners Tristan und Isolde. Viola schuf für diese Produktion eine gewaltige Videokulisse. Die Uraufführung fand im Jahr 2005 an der Pariser Oper statt und wurde von der Kritik als ein Meilenstein der modernen Opernregie gefeiert. Violas Bilder von Liebenden die unter Wasser schweben oder im Licht vergehen passten perfekt zu Wagners Musik der unendlichen Melodie und des Liebestodes. Diese Arbeit zeigte dass Violas Ästhetik auch in monumentalen Maßstäben funktioniert und dass er in der Lage ist die Intimität seiner Videokunst mit der Grandiosität eines klassischen Gesamtkunstwerks zu verbinden.

Der Zeitlupenstil und der Einfluss auf nachfolgende Generationen

Bill Violas charakteristischer Zeitlupenstil ist weit mehr als nur ein technischer Effekt; er ist eine philosophische Aussage. Dieser Stil hat zahlreiche nachfolgende Künstler beeinflusst. So verdankt etwa Douglas Gordon mit seinem Werk 24 Hour Psycho aus dem Jahr 1993 viel der Pionierarbeit von Viola. Auch die filmischen Arbeiten von Steve McQueen, der ebenfalls die Grenze zwischen Videokunst und Kino aufhebt, bauen auf dem Fundament auf das Viola durch seine Erforschung des Unterbewussten gelegt hat. Viola hat gezeigt dass die Videokamera ein Werkzeug der Empathie sein kann.

Der Markt und die Anerkennung als Klassiker

Dass Videokunst heute auch auf dem Kunstmarkt eine bedeutende Rolle spielt ist nicht zuletzt dem Erfolg von Bill Viola zu verdanken. Viola hat die Vereinigten Staaten im Jahr 1995 auf der 46. Biennale in Venedig vertreten. Seine Arbeiten finden sich in den bedeutendsten Museen der Welt. Er ist ein Künstler der es geschafft hat modernste Technologie zu nutzen um zeitlose Fragen zu stellen — Fragen die auch das breitere Verhältnis von Kunst und Gesellschaft berühren.

Bill Viola erinnert uns daran dass wir Wesen aus Licht und Zeit sind. Seine Videoinstallationen sind Spiegel in denen wir unsere eigene Vergänglichkeit und unsere eigene Schönheit erkennen können. Er hat bewiesen dass die Technik uns nicht entfremden muss sondern dass sie ein Pfad zurück zu unserer eigenen Innerlichkeit sein kann. Er bleibt der Architekt des bewegten Lichts dessen Visionen uns auch in Zukunft immer wieder dazu auffordern werden den Pausenknopf im hektischen Treiben der Welt zu drücken um den Atem der Ewigkeit zu spüren. Bill Viola hat das Video geheilt indem er ihm eine Seele gab.

Mehr Informationen unter: https://www.billviola.com

Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die Licht und Zeit als Material der Kunst begreifen — von Light with no Sound bis Cave.