Man blickt auf den weiten Horizont des Pazifiks und spürt dass die Geografie hier nicht nur aus Wasser und Inseln besteht sondern aus einer unendlichen Tiefe von Erzählungen die oft unter der glitzernden Oberfläche des kolonialen Kitsches verborgen liegen. Inmitten dieser Wellenbewegungen steht Shigeyuki Kihara eine Künstlerin die im Jahr 1975 im Inselstaat Samoa geboren wurde und deren Werk heute im Jahr 2026 als eine der kraftvollsten Stimmen der Dekolonisierung gilt. Mit einer samoanischen Mutter und einem japanischen Vater verkörpert sie bereits in ihrer Herkunft eine Brücke zwischen den Welten. Doch Yuki Kihara ist weit mehr als eine Vermittlerin; sie ist eine Fa’afafine. Dieses dritte Geschlecht das in der samoanischen Kultur seit Jahrhunderten gesellschaftlich anerkannt und tief verwurzelt ist bildet das epistemologische Zentrum ihres Schaffens. Für Kihara ist die Identität kein fest gemauerter Kerker sondern ein fließender Zustand der die starren westlichen Rollenbilder und Klischees infrage stellt. Seit 10 Jahren lebt und arbeitet sie wieder in ihrer Heimat Samoa nachdem sie weite Teile der Welt bereist hat um den Blick der Europäer auf die Südsee radikal zu dekonstruieren. Sie nutzt ihre Kunst um das Schweigen zu brechen das über den Trauminseln liegt und um jene Bedeutung ohne Rauschen freizulegen die wir bei Signum sine Tinnitu so sehr suchen.
Von der Mode zum politischen Manifest
Der Weg von Yuki Kihara begann mit einer Migration die ihren Blick für die Macht der Symbole schärfte. Mit 15 wanderte sie nach Neuseeland aus um in Wellington an der Wellington Polytech heute bekannt als Massey University Modedesign zu studieren. Doch schon damals war ihre Mode niemals nur Dekoration sondern immer auch ein politisches Instrument. Im Jahr 1996 erkannte das Museum of New Zealand Te Papa Tongarewa die visionäre Kraft ihrer Arbeit und kaufte das Werk Kiharas Graffiti Dress Bombacific an. Dieses Kleid war keine bloße Hülle sondern ein Kommentar zur urbanen Identität und zum kulturellen Erbe. Drei Jahre später im Jahr 1999 entstand Teuanoa’i Adorn to Excess eine Installation aus 26 Tshirts auf denen die Logos globaler Großkonzerne prangten. Kihara thematisierte hier die subtile Unterdrückung indigener Völker durch ein kapitalistisches Machtsystem das die Kultur des Pazifiks zur bloßen Ware degradiert. Auch Kara Walker arbeitet mit der Umkehrung kolonialer Bildwelten und verwandelt die Ästhetik des 19. Jahrhunderts in ein Instrument der Anklage doch während Walker die Geschichte der Sklaverei in den USA durch Scherenschnitt-Silhouetten sichtbar macht greift Kihara auf das Material der Konsumkultur zurück und zeigt dass der Kolonialismus nicht beendet ist sondern lediglich seine Uniform gewechselt hat und nun in Form von Logos und Markenwelten auftritt. Ihre Kunst wurde zu einem Manifest des Widerstands gegen die kulturelle Auslöschung und zu einem Plädoyer für die Selbstbestimmung der ozeanischen Völker.
Die Seismografie des kolonialen Blicks im Met
Ein entscheidender Moment ihrer Karriere war die Zeit von Oktober 2008 bis Februar 2009 als das Metropolitan Museum of Art in New York ihre Arbeiten unter dem Titel Shigeyuki Kihara Living Photographs ausstellte. Es war das erste Mal dass eine zeitgenössische ozeanische Künstlerin in diesen heiligen Hallen eine Einzelausstellung erhielt. In dieser Schau präsentierte sie Selbstporträtfotografien die oft als Aktbilder inszeniert waren und direkt auf die historische Sexualisierung der polynesischen Bevölkerung anspielten. In ihrer Strategie der inszenierten Selbstporträts berührt sich Kiharas Arbeit mit dem Werk von Cindy Sherman die den eigenen Körper als Projektionsfläche gesellschaftlicher Rollenbilder einsetzt doch wo Sherman westliche Medienklischees dekonstruiert richtet Kihara den Blick auf die koloniale Bildproduktion und macht den Körper der Fa’afafine zum Schauplatz einer postkolonialen Rückeroberung. Kihara nutzte ihren eigenen Körper um jene klischeehaften Darstellungen der schönen Wilden zu entlarven die im 19. Jahrhundert die europäische Fantasie befeuerten. Sie blickte zurück in die Kamera und forderte den Betrachter heraus seine eigene Rolle als Voyeur zu hinterfragen. Diese lebenden Fotografien waren keine passiven Objekte der Begierde sondern aktive Akte der Rückeroberung der eigenen Souveränität. Das Metropolitan Museum erkannte die kunsthistorische Relevanz dieser Dekonstruktion und kaufte ihre Werke anschließend für die dauerhafte Sammlung an. Kihara bewies damit dass die Kunst des Pazifiks keinen Platz am Rande der Geschichte verdient sondern im Zentrum des globalen Diskurses stehen muss.
Der letzte Tanz und die Performance der Geschichte
Yuki Kihara ist eine interdisziplinäre Wanderin die sich nicht auf ein Medium festlegen lässt. Ihre Performance Kunst ist ein wesentlicher Teil ihrer Praxis da sie hier die Unmittelbarkeit der Bewegung nutzt um historische Traumata zu verarbeiten. In ihrer Soloperformance Taualuga der letzte Tanz die sie in Australien und Neuseeland sowie in Deutschland und Frankreich aufführte nutzt sie die traditionelle samoanische Tanzform um von der Kolonialgeschichte zu erzählen. Sie trägt dabei oft Kleidung die an die viktorianische Ära erinnert und bricht diese strengen Formen durch die fließenden Bewegungen des Taualuga auf. Es ist ein Tanz der Befreiung der zeigt wie die Fa’afafine Identität als subversive Kraft fungieren kann. Auch als Kuratorin hat sie Maßstäbe gesetzt als sie im Jahr 1999 gemeinsam mit Jenny Fraser die Ausstellung Hand in Hand organisierte. Über 30 queere und indigene Künstler aus dem gesamten ozeanischen Raum präsentierten dort ihre Werke was einen Meilenstein für die Sichtbarkeit der LGBTQ Gemeinschaft im Pazifik darstellte. Kihara schafft Räume in denen die Vielfalt des Lebens gefeiert wird und in denen die binären Denkmuster des Westens keine Gültigkeit mehr haben.
Banaba und die Narben der Erde
In Zusammenarbeit mit der Künstlerin Katerina Martina Teaiwa entwickelte Yuki Kihara das Projekt Banaba das eine schmerzhafte und oft vergessene Geschichte erzählt. Banaba ist eine Insel die durch den rücksichtslosen Abbau von Phosphat im 20. Jahrhundert fast vollständig zerstört wurde. Die Bewohner wurden umgesiedelt und die Landschaft in eine Mondlandschaft verwandelt. Kihara und Teaiwa dokumentieren dieses ökologische und menschliche Desaster durch eine Mischung aus Archivmaterial und zeitgenössischer Kunst. Sie zeigen dass der Kolonialismus nicht nur Seelen sondern auch Böden verwüstet. Das Projekt ist eine Anklage gegen die industrielle Gier und zugleich eine Hommage an die Widerstandskraft der Inselbewohner. In ihrer Arbeit als künstlerische Co Regisseurin für die Tanzproduktion Them and Us an der Seite von Jochen Roller brachte sie diese Themen im Jahr 2020 erneut auf die Bühne. Die Uraufführung in den Berliner Sophiensaelen war ein triumphaler Erfolg der zeigte wie sehr die Themen der Intersektionalität und der ökologischen Gerechtigkeit das Publikum auch in Europa bewegen. Kihara nutzt die Bühne um die Stimmen derer hörbar zu machen die sonst im Rauschen der Weltgeschichte untergehen.
Samoan Queer Lives und die Macht der Erzählung
Im Jahr 2018 veröffentlichte Yuki Kihara zusammen mit Dan Taulapapa McMullin das Buch Samoan Queer Lives ein Werk das 14 autobiografische Geschichten von Fa’afafine und LGBTQ Samoanern versammelt. Es ist ein Buch das Leben rettet da es zeigt dass man nicht allein ist mit einer Identität die oft zwischen den Stühlen der Tradition und der Moderne steht. Kihara gibt den Menschen ihre eigene Sprache zurück und schafft ein Archiv der Hoffnung. Auch Shirin Neshat hat in ihren Fotografien und Videoarbeiten die Frage der Geschlechteridentität und der kulturellen Zugehörigkeit zum zentralen Thema gemacht doch während Neshat die Stellung der Frau in islamischen Gesellschaften untersucht weitet Kihara den Blick auf Identitätskonzepte jenseits der binären Ordnung und zeigt dass Kulturen wie die samoanische seit Jahrhunderten Antworten besitzen die der Westen erst zu formulieren beginnt. Ihre Arbeit wurde mit zahlreichen Preisen gewürdigt wie dem Creative New Zealand Emerging Pacific Artist Award im Jahr 2003 oder dem Paramount Award der Wallace Art Awards im Jahr 2012. Doch die größte Anerkennung für ihre Vision war zweifellos die Vertretung Neuseelands bei der Biennale in Venedig im Jahr 2022. Dort präsentierte sie ihr Projekt Paradise Camp das weltweit für Aufsehen sorgte. In einer Serie von großformatigen Fotografien inszenierte sie Szenen die an die Gemälde von Paul Gauguin erinnerten jedoch mit Fa’afafine Models und an realen Orten in Samoa besetzt waren.
Paradise Camp Die Neuerfindung des Paradieses
In Paradise Camp vollzog Yuki Kihara eine spektakuläre Umkehrung des kolonialen Blicks. Gauguin der Maler der das Bild des unschuldigen polynesischen Paradieses in Europa zementierte wurde von ihr beim Wort genommen. Sie entlarvte seine Fantasien als Konstrukte eines Mannes der die Realität Samoas niemals wirklich verstehen wollte oder konnte. Durch das Prisma der Fa’afafine Identität zeigte sie ein Paradies das nicht passiv auf seine Entdeckung wartet sondern das aktiv politisch und intersektional agiert. Das Projekt thematisierte queere Rechte und den Klimawandel sowie die Notwendigkeit der Entkolonialisierung unseres Denkens. Lisa Reihana hat auf der Biennale von Venedig ebenfalls die koloniale Bildtradition des Pazifiks dekonstruiert und indigene Perspektiven aus Neuseeland in die internationale Kunstdiskussion eingebracht doch während Reihana in ihren Videoarbeiten die historischen Panoramen europäischer Entdecker digital reanimiert und mit māorischer Gegenwart konfrontiert arbeitet Kihara mit dem stillen Medium der Fotografie und setzt ihren eigenen Körper als Fa’afafine ins Bild um Gauguins Paradies physisch zurückzuerobern. Die Ausstellung in Venedig war ein Triumph der Bedeutung über das Klischee. Kihara bewies dass man die alten Meister nicht zerstören muss um sie zu überwinden; man muss sie lediglich durch die Augen derer betrachten die sie als Objekte missbraucht haben. Paradise Camp ist eine Feier der Vielfalt und eine Mahnung dass der Kampf um Gerechtigkeit und ökologische Integrität untrennbar miteinander verbunden sind.
Yuki Kihara als Architektin einer neuen Wirklichkeit
Wenn wir heute auf das Gesamtwerk von Yuki Kihara schauen dann sehen wir eine zeitgenössische Künstlerin die die Grenzen der Disziplinen gesprengt hat um eine neue Form der Wahrhaftigkeit zu finden. Sie ist die Chronistin der Fa’afafine und die Rächerin der kolonialen Ausbeutung zugleich. Ihre Arbeiten sind keine bloßen Exponate; sie sind Interventionen in unser Bewusstsein. Kihara lehrt uns dass wir die Welt nur dann verstehen können wenn wir bereit sind die Perspektive derer einzunehmen die am Rande stehen. Ihre Rückkehr nach Samoa vor 10 Jahren war ein Akt der Erdung der ihrem Werk eine noch tiefere spirituelle und soziale Dimension verliehen hat. Sie ist eine wichtige Figur für viele zeitgenössische Künstlerinnen da sie zeigt wie man industrielle Maßstäbe und kulturelle Traditionen zu einer einzigartigen Sprache verschmelzen kann. Yuki Kihara bleibt die unermüdliche Forscherin der Identität die uns daran erinnert dass die Freiheit dort beginnt wo wir aufhören uns durch den Blick anderer definieren zu lassen. Ihr Vermächtnis ist ein Pazifik der nicht mehr nur als Kulisse dient sondern als ein machtvoller Akteur der Zukunft.
Mehr Informationen unter: https://yukikihara.ws
Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die koloniale Narrative hinterfragen und Stimmen jenseits des westlichen Kanons sichtbar machen — etwa in Handle als wäre Rettung möglich und Cataclysmic Change.
