Lisa Reihana - eine der wichtigsten Künstlerinnen unserer Zeit

Lisa Reihana und die digitale Rückeroberung des Pazifiks

Man blickt auf die weite Fläche eines Bildschirms und spürt sofort dass die Zeit hier keine lineare Abfolge sondern eine tiefe Schichtung von Erzählungen ist. Wer heute das Werk von Lisa Reihana betrachtet der begegnet einer Künstlerin die den Pazifik nicht als eine ferne Kulisse sondern als ein pulsierendes Zentrum der Weltgeschichte begreift. Geboren im Jahr 1964 in Neuseeland trägt sie das Erbe der Ngapuhi-Abstammung in sich eine Identität die ihr Schaffen wie ein unsichtbarer Kompass leitet. Reihana ist eine multidisziplinäre Wanderin die zwischen den Welten der Fotografie und Bildhauerei sowie der Videokunst und der Bildschirmkultur pendelt. Ihr Weg führte sie von den ersten Studienjahren in Auckland zwischen 1983 und 1987 bis hin zu einem Master in Design im Jahr 2014 am Unitec Institute of Technology. Sie ist eine Archäologin der Bilder die das Archiv der neuseeländischen Geschichte nimmt um es mit den Mitteln der zeitgenössischen Technologie neu zu ordnen.

Das Erbe der Ngapuhi und die Macht des Bildschirms

Die künstlerische Reise von Lisa Reihana begann in einer Zeit als die digitale Revolution noch in ihren Kinderschuhen steckte doch sie erkannte früh dass der Bildschirm das neue Schlachtfeld der Identität sein würde. Bereits im Jahr 1991 war sie Teil des wegweisenden Projekts Pleasures and Dangers. Reihana nutzt die Kamera nicht nur als ein Werkzeug der Dokumentation sondern als ein Instrument der Ermächtigung. Für sie als Frau mit Māori-Wurzeln bedeutet das Schaffen von Kunst immer auch eine Rückeroberung der eigenen Geschichte aus den Händen der kolonialen Erzähler. Sie studierte die neuseeländische Geschichte mit einer Akribie die man sonst nur bei Wissenschaftlern findet und verwandelte diese Erkenntnisse in visuelle Epen die den Betrachter in ihren Bann ziehen. In ihren Werken verschmelzen die traditionellen Motive ihrer Heimat mit einer hochmodernen Ästhetik die zeigt dass die Kultur der Māori keine museale Reliquie sondern eine lebendige und sich ständig wandelnde Kraft ist.

Die Verlebendigung der kolonialen Tapete

Der Moment der Lisa Reihana endgültig in den Olymp der internationalen Kunstwelt katapultierte war das Jahr 2013 mit der Veröffentlichung ihres Meisterwerks In Pursuit of Venus. Dieses 32 Minuten lange Video ist eine technische und inhaltliche Tour de Force die ihresgleichen sucht. Als Hintergrund diente ihr ein historisches Panoramabild aus dem frühen 19. Jahrhundert mit dem Titel Les Sauvages de la Mer Pacifique des Künstlers Jean-Gabriel Charvet. Diese Tapete war ein Inbegriff der europäischen Fantasie über die edlen Wilden des Pazifiks. Reihana nahm dieses statische und koloniale Bild und hauchte ihm neues Leben ein. Mit Hilfe der Green-Screen-Technologie nahm sie Schauspieler und Tänzer auf und fügte sie digital in die historische Landschaft ein. Es war ein Akt der bildnerischen Gerechtigkeit bei dem die Polynesier nicht mehr nur als dekorative Staffage fungierten sondern als handelnde Subjekte mit eigenen Geschichten und Emotionen.

In Pursuit of Venus [infected]: Die Metapher der Berührung

Man tritt in den dunklen Raum der Installation und wird sofort von der schieren Größe des Panoramas überwältigt. Im Jahr 2015 stellte Lisa Reihana eine überarbeitete Version ihres Werks in der Auckland Art Gallery aus die mit über 49.000 Besuchern zur meistbesuchten Einzelausstellung eines Neuseeländers in diesem Haus wurde. Doch der eigentliche Triumph erfolgte im Jahr 2017 als sie Neuseeland auf der 57. Biennale in Venedig repräsentierte. Dort zeigte sie die neueste und radikalste Version mit dem Titel In Pursuit of Venus [infected]. Der Zusatz im Namen beschreibt den Moment der Berührung zwischen Europäern und Polynesiern als einen Infektionsprozess bei dem beide Seiten unwiderruflich verändert wurden. Reihana zeigt die ersten Interaktionen nicht als harmonische Begegnung sondern als ein komplexes Geflecht aus Neugier und Gewalt sowie Missverständnissen und kulturellem Austausch. Es ist eine meisterhafte Dekonstruktion der europäischen Mythen die uns zeigt dass der Blick auf den anderen immer auch ein Blick auf die eigenen Vorurteile ist.

Globale Resonanz und die Neudefinition der Geschichte

Die Wirkung der Kunst von Lisa Reihana ist heute überall spürbar. Ihre Werke hängen in den bedeutendsten Museen der Welt vom Brooklyn Museum in New York bis hin zum Staatlichen Museum in Berlin. Sie hat bewiesen dass die Geschichten aus Aotearoa eine universelle Relevanz besitzen da sie die grundlegenden Fragen menschlicher Begegnung thematisieren. Im Jahr 2008 bereits zeigte sie im Museum of New Zealand die Installation Mai i te aroha ko te aroha was so viel bedeutet wie Von Liebe kommt Liebe. Reihana nutzt die Multiplizität der Medien um eine Welt zu erschaffen die den Betrachter auf allen Sinnesebenen anspricht. Wer ihre Arbeiten sieht der verlässt den Raum mit einem geschärften Blick für die Nuancen der Geschichte und mit der Erkenntnis dass wir alle Teil eines großen und oft schmerzhaften Prozesses der gegenseitigen Durchdringung sind.

Die Architektur der digitalen Erinnerung

Man könnte Lisa Reihana als eine Architektin der digitalen Erinnerung bezeichnen die mit jedem Pixel und jedem Frame an einem neuen Verständnis unserer Vergangenheit baut. Sie versteht es wie kaum eine andere die technischen Möglichkeiten der Gegenwart in den Dienst einer kulturellen Mission zu stellen. Ihre Kunst ist ein permanenter Einspruch gegen das Vergessen und gegen die Vereinfachung. In einer Welt die oft in binären Denkmustern erstarrt bietet sie uns eine Polyphonie der Stimmen und Perspektiven an. Lisa Reihana ist die wohl berühmteste Künstlerin aus Neuseeland weil sie den Mut hatte die Geschichte ihrer Vorfahren mit der Radikalität der Moderne zu kreuzen. Sie bleibt die unermüdliche Forscherin die uns zeigt dass die Venus die wir suchen nicht in den Sternen liegt sondern in der Art und Weise wie wir unsere gemeinsamen Geschichten erzählen und wie wir uns in den Bildern der anderen wiederfinden.

Mehr Informationen unter: mutualart.com — Lisa Reihana

Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die die kolonialen Archive der Geschichte mit den Mitteln der digitalen Gegenwart aufreißen und neu erzählen.