Die im Jahr 1980 in Dublin geborene Künstlerin Mariechen Danz stellt eine der intensivsten und intellektuell forderndsten Stimmen innerhalb der aktuellen Berliner Kunstszene dar. Als Tochter deutsch irischer Eltern verkörpert sie bereits biografisch eine Form der kulturellen Zwischenexistenz die sich wie ein roter Faden durch ihr gesamtes künstlerisches Schaffen zieht. Danz lebt und arbeitet heute in Berlin einer Stadt die sie erstmals im Alter von 17 Jahren gemeinsam mit ihrem Vater besuchte und die für sie zu einem zentralen Ort der kreativen Reibung wurde. Ihr akademischer Weg führte sie über die renommierte Universität der Künste in Berlin wo sie ihr Studium im Jahr 2005 als Meisterschülerin erfolgreich abschloss. Diese fundierte Ausbildung in der deutschen Hauptstadt ergänzte sie im Jahr 2008 durch einen Masters of Fine Arts am California Institute of the Arts in den USA was ihrem Werk eine zusätzliche transatlantische Tiefe verlieh. Das Kunstmagazin art beschreibt sie treffend als eine Vollblutperformerin eine Bezeichnung die ihrem grenzüberschreitenden Ansatz zwischen bildender Kunst Musik und körperlicher Verausgabung gerecht wird. Mariechen Danz ist keine Künstlerin die sich mit der Produktion von Objekten begnügt vielmehr nutzt sie den Raum das Licht und vor allem den eigenen Leib um komplexe Wissenssysteme zu dekonstruieren und neu zu kartografieren.
Die Genese einer Vollblutperformerin zwischen Dublin und der Berliner Universität der Künste
Der Werdegang von Mariechen Danz ist geprägt von einer konsequenten Suche nach Ausdrucksformen die über das bloße Abbilden hinausgehen. Ihr Studium an der Universität der Künste in Berlin legte den Grundstein für ein Verständnis von Kunst das den Prozess und die Interaktion in den Mittelpunkt stellt. Als Meisterschülerin entwickelte sie bereits früh ein Gespür für die Macht der Inszenierung wobei sie den Körper nicht als statisches Modell sondern als dynamisches Medium begriff. Die anschließende Zeit in Kalifornien am CalArts schärfte ihren Blick für die performative Kraft der Stimme und die Integration von Sound in den skulpturalen Raum. Diese zwei Pole Berlin und Los Angeles bildeten das Spannungsfeld in dem Mariechen Danz ihre einzigartige künstlerische Identität formte. Sie ist eine Künstlerin die sich niemals auf ein Medium festlegen lässt sondern die verschiedenen Disziplinen wie ein komplexes Motherboard miteinander verschaltet. Ihre Präsenz als Frontfrau der Band UNMAP ist dabei kein bloßes Nebenprojekt sondern eine logische Fortführung ihrer performativen Praxis in der die Stimme als physische Kraft den Raum besetzt. Diese Hybridität macht ihr Werk so anschlussfähig für verschiedene Diskurse und sichert ihr einen festen Platz in der internationalen Avantgarde.
Der Körper als Epistemologie und die radikale Befragung der sprachlichen Artikulation
Im absoluten Zentrum der künstlerischen Praxis von Mariechen Danz steht der menschliche Körper in all seiner Fragilität und seiner gewaltigen Präsenz. Ihr Interesse gilt dabei weniger der anatomischen Korrektheit als vielmehr den Bedingungen von Körperlichkeit in einer durch digitalisierte Kommunikation geprägten Welt. Insbesondere untersucht sie die Möglichkeiten und vor allem die schmerzhaften Grenzen der Artikulation. Danz stellt die fundamentale Frage inwieweit unser Vermögen von Sprache oder die Lesbarkeit von kulturellen Zeichen echte Ausdrucksmöglichkeiten eröffnen oder ob sie uns diese nicht vielmehr verwehren. In ihren Performances vermittelt sie die tiefgreifende Unmöglichkeit durch Sprache Körper Gestik und Mimik all das zu kommunizieren was ein Individuum weiß und fühlt. Es geht um das was zwischen den Worten verloren geht um das Unaussprechliche das dennoch im Körper als Wissen gespeichert ist. Danz begreift den Leib als ein Archiv der Geschichte und der Emotionen das ständig gegen die Begrenzungen der Sprache aufbegehrt. Sie fragt provokativ was bei jeder Form der Kommunikation ausgelassen wird und welche Rolle der Körper als unbestechlicher Zeuge dieser Auslassungen spielt. Ihre Arbeit ist somit eine phänomenologische Untersuchung der menschlichen Existenz an den Bruchstellen der Verständigung.
Vom Motherboard zum Fruchtbarkeitstotem: Die Verschränkung von Hochtechnologie und archaischem Kult
Die materielle Welt von Mariechen Danz ist ein faszinierendes Hybrid aus archaischen Symbolen und modernster Technologie. Sie arbeitet mit Skulpturen Zeichnungen und aufwendigen Kostümentwürfen die sie im Rahmen ihrer inszenierten Performances aktiviert. Ein charakteristisches Merkmal ihrer Installationen ist die Verschmelzung von mesoamerikanischen Glyphen mit modernen Metallplatten die in ihrer Struktur an die Motherboards von Computern erinnern. Für Danz besitzen moderne Wertesysteme und technologische Apparaturen eine gleichermaßen sentimentale und rituelle Bedeutung wie die Fruchtbarkeitstotems oder Amulette alter Völker. Sie entlarvt die vermeintliche Rationalität unserer Gegenwart als eine neue Form des Kults in dem die Datenströme die Rolle von göttlichen Zeichen übernehmen. In ihren Performances werden diese disparaten Elemente zu einem neuen Ganzen verwoben wobei die Künstlerin ihre eigene Stimme als klangliches Bindemittel einsetzt. Sie schafft Räume die zwischen Science Fiction und uraltem Ritual oszillieren und in denen der Körper des Betrachters unmittelbar in das Geschehen einbezogen wird. Durch diese Verknüpfung macht sie deutlich dass die menschlichen Grundbedürfnisse nach Sinn und Verbindung zeitlos sind egal ob sie sich in Stein gehauen oder in Silizium geätzt manifestieren.
Die Stimme als skulpturales Element und die klangliche Dimension der subjektiven Erfahrung
Der Stimme kommt im Werk von Mariechen Danz eine absolut zentrale Rolle zu. Sie nutzt den Gesang und den Schrei nicht nur als musikalische Äußerung sondern als ein skulpturales Element das den Raum physisch modelliert. Ihre Arbeit versucht konsequent den Wert von Subjektivität im wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Diskurs zu erhöhen und als valide Form der Erkenntnis anzuerkennen. Selbst moderne Technologie wird unter ihrem Einfluss zu einer emotionalen Komponente die menschliche Regungen verstärkt oder verzerrt wiedergibt. Die Stimme fungiert als die Brücke zwischen dem Inneren des Körpers und der Außenwelt des Publikums. In ihren Performances zeigt Danz dass Sprache gleichzeitig expressiv und vollkommen unübersetzbar sein kann. Der Klang der Stimme transportiert Informationen die über den semantischen Gehalt der Worte hinausgehen und direkt auf das Nervensystem der Zuhörer wirken. Diese klangliche Dimension ihrer Arbeit bricht die kühle Distanz des traditionellen Ausstellungsraums auf und erzeugt eine Atmosphäre der Unmittelbarkeit. Die Subjektivität wird bei Danz zu einer Form des Widerstands gegen die totale Objektivierung des Körpers in der modernen Medizin und Technik.
Based in Berlin 2011 und der Aufstieg zur internationalen Protagonistin des Performativen
Der große Durchbruch im institutionellen Kontext gelang Mariechen Danz im Jahr 2011 mit der vielbeachteten Gruppenperformance Based in Berlin. Dieses Ereignis markierte den Moment in dem ihr Werk eine breite öffentliche Aufmerksamkeit und die Anerkennung der Fachkritik erfuhr. Von diesem Zeitpunkt an folgten nationale wie internationale Auftritte in rascher Folge was die globale Relevanz ihrer Themen unterstreicht. Mariechen Danz erwies sich als eine Künstlerin die in der Lage ist die spezifischen Energien Berlins auf die großen Bühnen der Welt zu tragen ohne dabei ihre radikale Eigenständigkeit zu verlieren. Ihre Auftritte zeichnen sich durch eine hohe visuelle Dichte und eine kompromisslose körperliche Hingabe aus die das Publikum oft in einen Zustand des Staunens versetzt. Sie hat bewiesen dass Performancekunst im 21. Jahrhundert weit mehr sein kann als eine flüchtige Aktion nämlich eine komplexe Form der Wissensproduktion die alle Sinne anspricht. Seit Based in Berlin gilt Mariechen Danz als eine unverzichtbare Größe wenn es darum geht die Zukunft des Performativen im musealen Raum zu verhandeln.
Die Biennale von Venedig 2017 und die Monumentalisierung der körperlichen Präsenz
Ein vorläufiger Höhepunkt ihrer internationalen Karriere war die Teilnahme an der 57. Biennale in Venedig im Jahr 2017. Dort war Mariechen Danz mit einer raumgreifenden Performance und Installation vertreten die das internationale Fachpublikum nachhaltig beeindruckte. Im Kontext der weltweit wichtigsten Kunstausstellung gelang es ihr die Fragestellungen nach der Lesbarkeit des Körpers und der Macht der Zeichen in einem monumentalen Rahmen zu präsentieren. Ihre Installation in Venedig fungierte als ein begehbarer Körperraum in dem der Besucher sich zwischen organischen Formen und technologischen Strukturen bewegen konnte. Die Performance in diesem Rahmen war eine körperliche Tour de Force die die Grenzen der Belastbarkeit austestete und die Anwesenden unmittelbar mit der Unausweichlichkeit der eigenen Körperlichkeit konfrontierte. In Venedig wurde deutlich dass Mariechen Danz eine universelle Sprache gefunden hat die über nationale Grenzen hinweg verstanden wird da sie die fundamentalen Bedingungen des Menschseins anspricht. Dieser Auftritt zementierte ihren Status als eine der führenden Performancekünstlerinnen ihrer Generation und öffnete ihr die Türen zu den großen Museen weltweit.
Stipendien und die institutionelle Verankerung einer unangepassten Kunstpraxis
Die Qualität und die Beständigkeit der Arbeit von Mariechen Danz spiegeln sich auch in der Vergabe prestigeträchtiger Stipendien wider. Im Jahr 2014 erhielt sie das begehrte Karl Schmidt Rottluff Stipendium das in Deutschland als eine der wichtigsten Auszeichnungen für junge Künstler gilt. Bereits im Jahr 2013 wurde ihr das Villa Romana Stipendium verliehen das mit einem Aufenthalt in Florenz verbunden ist und Künstlern den Raum für eine konzentrierte Weiterentwicklung ihrer Projekte bietet. Diese institutionelle Anerkennung ist ein Beleg dafür dass ihr radikaler Ansatz auch innerhalb der etablierten Kunstförderung als wegweisend begriffen wird. Die Liste ihrer Ausstellungsorte liest sich wie ein Who is Who der zeitgenössischen Kunstwelt. Sie trat beim 10. OPEN International Performance Art Festival in Peking auf war in der wegweisenden Schau Younger than Jesus im New Museum in New York im Jahr 2009 vertreten und präsentierte ihre Werke bei der Wight Biennale im Broad Art Center in Los Angeles im Jahr 2008. Darüber hinaus waren ihre Arbeiten im Künstlerhaus Stuttgart im Kunstverein Göttingen sowie im Museum of Art and Design in New York zu sehen. Diese enorme Bandbreite an Institutionen verdeutlicht dass die Fragen die Mariechen Danz stellt überall auf der Welt Resonanz finden.
Das Fortbestehen der subjektiven Erzählung jenseits der normativen Kommunikation
Mariechen Danz erinnert uns in jedem ihrer Werke daran dass wir mehr sind als die Summe unserer Daten oder die Perfektion unserer sprachlichen Artikulation. Ihr Werk ist ein leidenschaftliches Plädoyer für die Anerkennung der subjektiven Erfahrung und der körperlichen Intelligenz. In einer Welt die zunehmend nach einfachen Antworten und normierten Abläufen verlangt bietet sie die Komplexität und die produktive Verwirrung des Performativen an. Ihre Installationen sind keine fertigen Antworten sondern offene Fragen die jeder Besucher mit seinem eigenen Körper beantworten muss. Mariechen Danz nutzt die Kunst als ein Werkzeug um die unsichtbaren Mauern der Kommunikation einzureißen und neue Verbindungen zwischen dem Ich und dem Anderen zu knüpfen. Die Intensität ihrer Arbeit die von der Stimme bis zur Skulptur alle Register zieht macht sie zu einer Ausnahmefigur der Gegenwart.
Die Beständigkeit mit der sie die Themen der Körperlichkeit und der Unübersetzbarkeit verfolgt lässt erwarten dass sie auch in Zukunft die Grenzen der Kunst weiter verschieben wird. Ob in der Zusammenarbeit mit ihrer Band UNMAP oder in solistischen Großprojekten das Ziel bleibt immer dasselbe: die Rückeroberung des Körpers als Ort der Wahrheit in einer Welt der Zeichen. Mariechen Danz zeigt uns dass die wahre Kommunikation dort beginnt wo die Worte versagen und dass wir den Mut haben müssen die Stille und das Unverständliche als Teil unserer Identität zu akzeptieren. Ihr Werk bleibt ein kraftvolles Zeugnis für die Unbeugsamkeit des menschlichen Geistes und die unendliche Tiefe der subjektiven Erfahrung. Berlin bleibt dabei ihr Ankerpunkt von dem aus sie ihre Expeditionen in das Unbekannte des menschlichen Seins startet und dabei immer wieder Bilder und Klänge findet die uns tief im Inneren berühren.
In der Betrachtung ihrer bisherigen Karriere wird deutlich dass Mariechen Danz die Performancekunst aus ihrer oft selbstreferenziellen Enge befreit hat. Sie verbindet anthropologische Forschung mit technologischer Kritik und persönlicher Emotion zu einem dichten Gefebe das den Betrachter nicht mehr loslässt. Die Skulpturen die sie in ihren Performances aktiviert sind keine bloßen Requisiten sondern eigenständige Akteure die von der Geschichte der menschlichen Erfindungskraft erzählen. Jeder ihrer Auftritte ist ein ritueller Akt der Reinigung von den Schlacken der Alltagslogik und eine Einladung zum Staunen über das Wunder der eigenen Existenz. Mariechen Danz bleibt eine Visionärin die uns lehrt dass die Kunst dort am wirkungsvollsten ist wo sie wehtun darf und wo sie uns die Augen für das Unaussprechliche öffnet.
Mehr Informationen unter: http://www.adbk.de/de/lehrangebot/lehrangebot-liste/45-cx-centrum-fuer-interdisziplinaere-studien/1110-mariechen-danz.html
Signums sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten Künstler unserer Zeit vor. Als Galerie für zeitgenössische Kunst fördern und publizieren wir Künstler aus allen Bereichen modernen Schaffens.
