Betrachtet man die zeitgenössische Kunstszene Chinas kommt man an einem Namen unmöglich vorbei denn Zhang Xiaogang hat das Gesicht der chinesischen Avantgarde wie kaum ein anderer geprägt. Er ist ein Meister darin die tiefen Narben der Geschichte in eine visuelle Poesie zu verwandeln. Seine surrealistisch beeinflussten Arbeiten fungieren als Fenster in das kollektive Gedächtnis einer Nation die einen radikalen Wandel durchlaufen hat. Zhang beschäftigt sich intensiv mit den Nachwirkungen der chinesischen Kulturrevolution und untersucht dabei die Bedeutung von Familie und Geschichte sowie die Fragilität der Erinnerung. Er hat eine Sprache gefunden die das Private mit dem Politischen verwebt und dabei eine melancholische Schönheit ausstrahlt die weltweit ihresgleichen sucht.
Die Prägung durch die Schatten der Kulturrevolution
Die Geschichte von Zhang Xiaogang beginnt im Jahr 1958 in Kunming in der südchinesischen Provinz Yunnan. Die Kulturrevolution unter Mao Zedong war nicht nur ein historisches Ereignis sondern eine existenzielle Erfahrung die seine Kindheit und Jugend massiv beeinflusste. Seine Mutter brachte ihm früh das Zeichnen bei was weniger einem künstlerischen Drang entsprang sondern vielmehr eine Überlebensstrategie war. Die traumatischen Erlebnisse seiner Familie ließen in ihm ein tiefes Verständnis für die Zerbrechlichkeit familiärer Bindungen wachsen.
Die Krise als Katalysator und der Neubeginn
Nach seinem Studienabschluss im Jahr 1982 an der Sichuan Academy of Fine Arts wurde ihm die Möglichkeit verweigert als Lehrer tätig zu sein. Zwischen 1982 und 1985 arbeitete er auf Baustellen. Diese Phase führte zu einem massiven Alkoholproblem das im Jahr 1984 in einem Krankenhausaufenthalt gipfelte. Doch gerade dieser Tiefpunkt wurde zum Wendepunkt. Er schloss sich einer neuen Bewegung an und gründete im Jahr 1986 die South West Art Group.
Das Trauma von 1989 und die Reise nach Europa
Im Jahr 1988 nahm er an der wegweisenden China Avantgarde-Ausstellung in Peking teil. Doch das Streben nach liberalen Reformen wurde durch den Zwischenfall auf dem Tiananmen-Platz im Jahr 1989 jäh beendet. Im Jahr 1992 unternahm er eine entscheidende Reise nach Deutschland die seinen Blick radikal veränderte. In Europa lernte er wie das chinesische Volk von außen wahrgenommen wird. Diese Distanz ermöglichte es ihm den expressiven Stil seiner frühen Jahre hinter sich zu lassen und nach einer allgemeingültigen visuellen Sprache für die chinesische Identität zu suchen. In dieser Erfahrung der Distanz als Katalysator für eine neue künstlerische Sprache steht Zhang neben Marlene Dumas, die als Südafrikanerin in Amsterdam ebenfalls die Entfernung von der Heimat brauchte um die Traumata ihres Landes in eine universelle Bildsprache zu übersetzen.
Die Entdeckung der Blutlinien und das Familienalbum
Nach seiner Rückkehr begann er alte Fotografien aus dem Familienbesitz zu sichten. Diese vergilbten Schwarzweißaufnahmen aus der Zeit der Kulturrevolution wurden zum alles entscheidenden Material. Zhang war fasziniert von der Uniformität der Gesichter und der unterdrückten Individualität. Er begann flache Bilder zu malen die an die Ästhetik alter Passfotos erinnerten. Dies war die Geburtsstunde der Bloodline-Serie. In diesen Porträts verband er die Strenge der revolutionären Ikonografie mit einer traumartigen surrealen Qualität. Er begann die Gesichter mit feinen roten Linien zu verbinden die wie Blutbahnen oder Fäden des Schicksals wirkten. In dieser Methode der malerischen Transformation anonymer Fotografien steht Zhang neben Luc Tuymans, der ebenfalls fotografische Vorlagen in eine blasse und gespenstische Malerei übersetzt um die Lücken im kollektiven Gedächtnis sichtbar zu machen — wenn auch aus dem Kontext des europäischen Holocaust wo Zhang die chinesische Kulturrevolution erforscht.
Die Big Family Serie und die Ästhetik des Phantoms
Der internationale Durchbruch gelang Zhang Xiaogang im Jahr 1995 als er seine Serie Bloodlines: Big Family auf der Biennale in Venedig präsentierte. Die Figuren wirken stoisch und tragen subtil übertriebene Gesichtszüge die ihnen eine fast außerweltliche Präsenz verleihen. Zhang thematisiert die Einheitlichkeit der Identität wie sie nach der Revolution wahrgenommen wurde. Die großen Augen blicken gläsern aus der Leinwand heraus. Es ist eine Ästhetik des Phantomatischen bei der das Individuum hinter einer Maske der Konformität verschwindet. In dieser Darstellung der Auslöschung der Individualität durch politische Systeme berührt sich Zhangs Arbeit mit der von Christian Boltanski, dessen anonyme Fotografien und Kleiderhaufen ebenfalls die Masse des menschlichen Verschwindens zum Gegenstand der Kunst erheben — Fragen die auch das breitere Verhältnis von Kunst und Gesellschaft berühren.
Das Erbe der Erinnerung im modernen Peking
Zhang der heute in Peking lebt nutzt seine Kunst um die Reichweite des persönlichen und kollektiven Gedächtnisses im sich rasant wandelnden China zu untersuchen. Seine Räume wirken oft verlassen als seien sie Orte an denen die Zeit stehengeblieben ist. Er zeigt uns dass die Schatten der Vergangenheit auch in der glitzernden Welt des modernen Kapitalismus noch immer präsent sind. In dieser Erforschung der Erinnerung durch die Malerei steht Zhang neben Paula Rego, die in ihren Pastellbildern ebenfalls die Geister der Kindheit und die Traumata der politischen Unterdrückung — unter der Diktatur Salazars in Portugal — in eine zutiefst persönliche Bildsprache übersetzt. Zhang Xiaogang hat die Malerei Chinas aus der Falle des sozialistischen Realismus befreit und ihr eine neue psychologische Tiefe gegeben. Er bleibt ein Visionär der uns zeigt dass die wahrhaftigsten Geschichten oft in den alten verstaubten Alben unserer Eltern zu finden sind.
Mehr Informationen unter: https://www.artelino.com/artikel/zhang-xiaogang.asp
Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die Erinnerung und Identität verhandeln — von Faces III bis Dark Ages.
