Kara Walker und die Schatten der Geschichte auf der weißen Wand

In der zeitgenössischen Kunstlandschaft gibt es kaum eine Stimme die eine so beunruhigende und zugleich faszinierende Kraft entfaltet wie jene von Kara Walker. Die afroamerikanische Künstlerin hat es sich zur Aufgabe gemacht die tiefen Wunden der Geschichte Amerikas offenzulegen und die Betrachter mit den unangenehmen Wahrheiten über Rasse sowie Geschlecht und Sexualität zu konfrontieren. Ihr Werk ist eine gewaltige Untersuchung der Gewalt die sich in den Strukturen der Gesellschaft und in den Bildern der Vergangenheit verborgen hält. Bekannt wurde sie vor allem durch ihre radikale Aneignung der Silhouette einer Technik die im 18. und 19. Jahrhundert als modischer Zeitvertreib galt und bei ihr zu einem Instrument der politischen Subversion wird. Walker nutzt diese scheinbar harmlosen schwarzen Schattenrisse um raumgreifende Installationen zu schaffen die rassistische Stereotypen der Vergangenheit mit den Realitäten der Gegenwart überlagern. Wer vor ihren Werken steht begegnet einer Welt die zugleich grausam und lyrisch sowie abstoßend und verführerisch ist.

Die Reise von Kalifornien in den tiefen Süden

Die biografischen Wurzeln dieser intensiven Auseinandersetzung liegen im Jahr 1969 als Kara Walker in Stockton in Kalifornien geboren wurde. Ein entscheidender Wendepunkt ereignete sich im Jahr 1982 als ihr Vater eine Stelle an der Georgia State University annahm und die Familie nach Stone Mountain in Georgia zog. Der Wechsel vom liberalen Kalifornien in den tiefen Süden war für die junge Kara ein tiefgreifender Schock. Stone Mountain war ein Ort der symbolisch stark mit der Geschichte der Konföderation und dem Ku Klux Klan verbunden war. Diese Erfahrung der Entfremdung und der plötzlichen Sichtbarkeit ihrer Rasse prägte ihre Wahrnehmung nachhaltig. Sie begann die Kultur des Südens als eine fremde Welt zu begreifen in der die Geister der Vergangenheit noch immer sehr lebendig waren.

Die Silhouette als Instrument der Subversion

Die Wahl der Silhouette war ein genialer ästhetischer Schachzug. Historisch gesehen war die Silhouette ein preiswertes Medium für Porträts bevor die Fotografie massentauglich wurde. Kara Walker bricht diese Harmlosigkeit radikal auf. Auf den ersten Blick wirken ihre Installationen wie elegante schwarze Papierschnitte auf weißen Wänden doch bei näherer Betrachtung offenbaren sie Szenen von extremer Brutalität sowie sexueller Ausschweifung und rassistischer Demütigung. Durch die Reduktion auf die schwarze Fläche entzieht Walker den Charakteren ihre Individualität und verwandelt sie in ikonische Zeichen der Unterdrückung oder des Widerstands. In dieser Methode der visuellen Reduktion als Mittel der politischen Subversion steht Walker neben Barbara Kruger, die ebenfalls die Sprache der Massenmedien gegen sich selbst wendet — wenn auch mit der typografischen Aggression des Werbeslogans wo Walker die trügerische Eleganz des Scherenschnitts bevorzugt. Die weiße Wand wird zum Schlachtfeld der Geschichte auf dem die Schatten der Vergangenheit einen makabren Tanz aufführen.

Der Durchbruch von 1994

Der internationale Durchbruch gelang Kara Walker im Jahr 1994 mit ihrer ersten großen Installation. Das Werk trug den provokanten Titel Gone: An Historical Romance of a Civil War as It Occurred Between the Dusky Thighs of One Young Negress and Her Heart. Walker konfrontierte das Publikum mit einer Version der Geschichte die keine Helden und keine Romantik kannte sondern nur die nackte Gewalt und die komplexe Dynamik der Sklaverei. Die Installation katapultierte die erst 25 Jahre alte Künstlerin sofort in die erste Riege der zeitgenössischen Kunstwelt.

Das MacArthur Stipendium und der Sturm der Kritik

Im Jahr 1998 erhielt Kara Walker mit nur 28 Jahren das renommierte Stipendium der MacArthur Foundation. Sie war die jüngste Person der diese Ehre jemals zuteil wurde was sowohl Anerkennung als auch heftige Kontroversen auslöste. Besonders die Künstlerin Betye Saar sprach sich vehement gegen Walkers Werk aus und argumentierte dass die Verwendung rassistischer Stereotypen diese Vorurteile eher weiter unterstütze. Walker erhob sich über diesen Sturm der Kritik und betonte dass es die Aufgabe der Kunst sei die Zuschauer aus ihrer Komfortzone zu reißen. In dieser kompromisslosen Konfrontation des Publikums mit den unangenehmen Wahrheiten der eigenen Geschichte steht Walker neben Santiago Sierra, dessen Performances ebenfalls die Strukturen der Ausbeutung sichtbar machen, und neben Nan Goldin, die in ihrem aktivistischen Kampf gegen die Sackler-Familie ebenfalls zeigt dass Kunst politisch handeln muss — Fragen die auch das breitere Verhältnis von Kunst und Gesellschaft berühren.

Die Große Sphinx aus Zucker in der Domino-Fabrik

Eines der ehrgeizigsten Projekte von Kara Walker war ihre gewaltige skulpturale Installation im Sommer 2014 in der ehemaligen Zuckerfabrik Domino in Brooklyn. Unter dem Titel A Subtlety, or the Marvelous Sugar Baby schuf sie eine überlebensgroße Sphinx aus weißem Zucker die die Züge einer afroamerikanischen Frau trug. Die Skulptur war umgeben von kleineren Figuren aus Melasse die langsam in der Sommerhitze schmolzen. Diese Arbeit war eine tiefgreifende Meditation über die Geschichte des Zuckerhandels und die damit verbundene Ausbeutung und Sklaverei. In dieser Verwendung des Materials selbst als Träger der historischen Botschaft — der Zucker als Materie der Sklaverei wird zum Monument gegen das Vergessen — berührt sich Walkers Arbeit mit der von Doris Salcedo, deren mit Zement gefüllte Möbel ebenfalls Alltagsmaterialien zu Denkmälern der verdrängten Gewalt verwandeln. Tausende von Besuchern strömten in die Fabrikhalle und wurden Teil einer komplexen Interaktion zwischen Bewunderung und Entsetzen.

Die Einbeziehung des Betrachters durch Licht und Schatten

In ihren neueren Arbeiten hat Kara Walker die Möglichkeiten der Silhouette durch den Einsatz von Licht und Projektionen weiterentwickelt. Sie schafft Installationen in denen die Schatten der Betrachter direkt in das Bild integriert werden. Sobald man den Raum betritt wird der eigene Schatten Teil der historischen Szenerie. Diese Technik macht das Publikum zu einem dynamischen Teil der Arbeit und verhindert jede Form der distanzierten Beobachtung. In dieser Einbeziehung des Betrachters in die Installation berührt sich Walkers Arbeit mit dem Werk von Bruce Nauman, dessen klaustrophobische Korridore und aggressive Neonarbeiten ebenfalls die physische Komplizenschaft des Publikums erzwingen. Die Lichtprojektionen verleihen den flachen Schatten eine neue Räumlichkeit und machen die Geister der Geschichte zu einer unmittelbaren körperlichen Erfahrung.

Globale Anerkennung und institutionelle Präsenz

Der internationale Ruf von Kara Walker ist stetig gewachsen. Im Jahr 2002 wurde sie zur Repräsentantin der Vereinigten Staaten bei der São Paulo Biennale ernannt. Ihre Werke sind heute in den permanenten Sammlungen der bedeutendsten Museen der Welt zu finden darunter das Museum of Modern Art sowie das Guggenheim Museum und das Whitney Museum. Im Jahr 2007 führte das TIME Magazin sie auf seiner Liste der 100 einflussreichsten Amerikaner und im Jahr 2008 veranstaltete das Whitney Museum eine umfassende Retrospektive.

Das Erbe der Provokation und die Suche nach der Wahrheit

Kara Walker bleibt eine Künstlerin die sich weigert einfache Antworten zu geben. Ihr Werk ist ein Labyrinth aus Geschichte und Mythos sowie Schmerz und Vergnügen durch das sich jeder Betrachter selbst einen Weg bahnen muss. Ihr Erbe liegt in der kompromisslosen Ehrlichkeit mit der sie die hässlichen Seiten der menschlichen Natur beleuchtet. Sie hat gezeigt dass Kunst die Kraft besitzt Gespräche über Rassismus und soziale Ungerechtigkeit voranzutreiben die sonst oft im Schweigen ersticken würden. Kara Walker ist die Chronistin der Schatten die uns daran erinnert dass die Vergangenheit niemals wirklich vergangen ist solange wir nicht bereit sind ihre Bilder in das volle Licht der Wahrheit zu rücken.

Mehr Informationen unter: http://www.artnet.com/artists/kara-walker/biography

Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die Geschichte und Gegenwart verschränken — von Dark Ages bis Cataclysmic Change.