In der Welt der zeitgenössischen Kunst gibt es nur wenige Persönlichkeiten, die ein derart kontroverses und zugleich faszinierendes Medium so erfolgreich rehabilitiert haben wie Polly Morgan. Die britische Künstlerin hat die Taxidermie aus ihrer rein handwerklichen und oft als makaber empfundenen Nische befreit und sie in den Diskurs der Hochkultur überführt. Ihre Arbeiten sind weit mehr als bloße Präparate verstorbener Lebewesen. Sie sind vielmehr skulpturale Untersuchungen über das Unheimliche, die Zerbrechlichkeit der Existenz und die Art und Weise, wie wir als Menschen dem Tod begegnen. Morgan gelingt es, die Grenze zwischen Abscheu und Anziehung aufzulösen und dem Betrachter eine völlig neue Perspektive auf das Ende des Lebens zu eröffnen.
Die Prägung in der Stille der Cotswolds
Der Weg von Polly Morgan zur Kunst war keineswegs geradlinig, doch die Grundlagen für ihr heutiges Schaffen wurden bereits in ihrer Kindheit gelegt. Geboren im Jahr 1980 in Banbury, Oxfordshire, wuchs sie auf dem Bauernhof ihrer Familie in den malerischen Cotswolds auf. In dieser ländlichen Umgebung war der Tod kein abstraktes Konzept oder ein verstecktes Tabu. Er war eine alltägliche Realität des bäuerlichen Lebens. Tiere wurden geboren, sie lebten und sie starben. Diese frühe Konfrontation mit der physischen Realität von Tierleichen sorgte dafür, dass Morgan niemals eine Berührungsangst entwickelte. Für sie war der Umgang mit toten Körpern eine natürliche Praxis, die frei von Grusel oder Schock war. Diese Unerschrockenheit sollte später das Markenzeichen ihrer künstlerischen Identität werden.
Im Jahr 1998 verließ sie die ländliche Abgeschiedenheit und zog in das pulsierende East London. Dieser Umzug markierte den Beginn eines neuen Kapitels, das zunächst jedoch akademisch geprägt war. Morgan schrieb sich an der Queen Mary University of London ein und widmete sich dem Studium der englischen Literatur. Im Jahr 2002 schloss sie dieses Studium erfolgreich ab. Die literarische Ausbildung schwingt bis heute in ihrer Arbeit mit. Ihre Skulpturen besitzen oft eine narrative Tiefe, die an die großen Themen der Weltliteratur erinnert: Vergänglichkeit, Sehnsucht und die Suche nach Bedeutung in einer materiellen Welt.
Zwischen Barbetrieb und künstlerischer Erleuchtung
Nach ihrem Abschluss in Literaturwissenschaften blieb Morgan im Osten Londons verwurzelt. Sie fand eine Anstellung in den Shoreditch Electricity Show Rooms. Diese Bar war damals ein Epizentrum der Londoner Kreativszene und ein beliebter Treffpunkt für Künstler und Intellektuelle. Morgan stieg dort zur Managerin auf und war somit mitten im Geschehen der aufstrebenden Kunstwelt. Doch ihr eigentlicher kreativer Durchbruch fand in der Privatsphäre ihrer eigenen Wohnung statt, die sich direkt über der Bar befand. Mit 23 Jahren begann sie dort, fast spielerisch mit Tierpräparaten zu experimentieren. Es war eine intuitive Suche nach einer eigenen Ausdrucksform, die sie schließlich zur professionellen Taxidermie führte.
Um ihre technischen Fähigkeiten zu perfektionieren, suchte sie die Unterstützung eines Experten. Sie reiste nach Edinburgh, um einen Kurs bei George Jamieson in Cramond zu belegen. Jamieson war ein erfahrener Präparator, der sofort bemerkte, dass Morgan eine ganz besondere Herangehensweise an das Medium hatte. Während die meisten Menschen die Taxidermie erlernen, um Tiere so lebensecht wie möglich darzustellen, suchte Morgan nach einer persönlichen und emotionalen Reaktion auf das tote Material. Für sie war das Tier nicht nur ein Objekt der Naturgeschichte, sondern ein Träger von Symbolik und ästhetischer Kraft.
Der Durchbruch unter den Augen von Banksy
Der Aufstieg von Polly Morgan in die erste Riege der britischen Gegenwartskunst verlief rasant und wurde durch die Aufmerksamkeit einflussreicher Zeitgenossen beschleunigt. Ihre ersten Werke wurden von der Institution Bistrotheque in Auftrag gegeben. Es dauerte nicht lange, bis kein Geringerer als Banksy auf sie aufmerksam wurde. Der berühmte Street Art Künstler erkannte das Potenzial ihrer surrealen Kompositionen und lud sie im Jahr 2005 ein, ihre Arbeiten bei Santas Ghetto zu präsentieren. Diese jährliche Ausstellung in der Nähe der Oxford Street war eine ideale Plattform für junge Talente und verschaffte Morgan die nötige Aufmerksamkeit der internationalen Kunstwelt.
In dieser Phase entstanden einige ihrer heute berühmtesten Frühwerke. Dazu gehört die Darstellung eines Unzertrennlichen, der tiefsinnig in einen Spiegel schaut und damit Fragen nach Identität und Selbstreflexion aufwirft. Ebenso bekannt wurde ihr Eichhörnchen, das ein kleines Glöckchen hält, in dem eine Fliege auf einem Zuckerwürfel sitzt. Diese Arbeiten unterwanderten die Erwartungen des Publikums massiv. Anstatt majestätische Jagdtrophäen zu zeigen, präsentierte Morgan fragile und fast melancholische Stillleben. Ein weiterer Meilenstein war ihre weiße Ratte in einem Champagnerglas, die im Jahr 2006 auf der Zoo Art Fair für Aufsehen sorgte und von der Sammlerin Vanessa Branson erworben wurde. Morgan hatte sich endgültig als feste Größe etabliert und bezog kurz darauf ihr heute noch genutztes Atelier in Bethnal Green.
Die Dekonstruktion der viktorianischen Tradition
Ein wesentliches Merkmal der Kunst von Polly Morgan ist die aktive Auseinandersetzung mit der Geschichte der Taxidermie. In der viktorianischen Ära diente das Präparieren von Tieren oft dazu, den Sieg des Menschen über die Natur zu feiern oder fremde Arten zu katalogisieren. Diese Darstellungen waren meist heroisch und versuchten, den Tod zu leugnen, indem sie das Tier in einer lebensnahen Pose fixierten. Morgan bricht radikal mit dieser Tradition. Sie stellt Tiere in Umgebungen, die für sie völlig untypisch sind, und unterläuft damit die Erwartungen der Betrachter.
Sie nutzt oft Tiere wie Ratten oder Tauben, die in der menschlichen Wahrnehmung mit Verfall und Krankheit verknüpft sind. Indem sie diese Kreaturen mit luxuriösen Objekten wie Kronleuchtern oder edlem Glas kombiniert, schafft sie eine starke Spannung. Diese Kontraste dienen dazu, unsere Vorurteile gegenüber der Natur zu hinterfragen. In ihren Arbeiten wird das Tier nicht in einer heroischen Pose eingefroren. Vielmehr betont Morgan oft den Moment des Falls oder die schiere Schwere des leblosen Körpers. Sie macht den Tod sichtbar, anstatt ihn hinter der Illusion von Leben zu verstecken.
Ethik und Verantwortung in der Kunst am Tier
Ein Thema, das im Zusammenhang mit Polly Morgan immer wieder diskutiert wird, ist die ethische Komponente ihrer Arbeit. Morgan ist sich dieser Verantwortung bewusst und geht sehr transparent damit um. Sie ist aktives Mitglied der UK Guild of Taxidermists und folgt strengen ethischen Standards. Die Tiere, die sie für ihre Kunstwerke verwendet, werden niemals für diesen Zweck getötet. Sie stammen aus einem dichten Netzwerk von Spendern, zu denen Tierärzte, Bauern und Tierheime gehören. Jedes Tier ist auf natürliche Weise oder durch einen Unfall gestorben.
Morgan führt ein äußerst detailliertes Protokoll über alle toten Tiere, die sie in ihrem Lager vorrätig hält. Diese Genauigkeit unterstreicht ihren Respekt vor dem Lebewesen. Sie wehrt sich vehement gegen Vorwürfe der Grausamkeit und bezeichnet eine solche Sichtweise oft als kindisch. Für sie ist es wichtig, die Tiere nicht zu vermenschlichen. Die Anthropomorphisierung, also das Übertragen menschlicher Gefühle auf Tiere, lehnt sie ab, da sie den Blick auf die eigentliche physische Realität verstellt. In ihrem Atelier in Bethnal Green herrscht eine Atmosphäre der Konzentration und des Handwerks, in der das verstorbene Tier als kostbare Ressource für die ästhetische Erkenntnis behandelt wird.
Internationale Anerkennung und museale Präsenz
Die künstlerische Relevanz von Polly Morgan spiegelt sich in ihrer beeindruckenden Ausstellungsgeschichte wider. Sie hat bereits Einzelausstellungen in einigen der renommiertesten Institutionen der Welt bestritten. Dazu gehören das Horniman Museum in London, das für seine naturhistorische Sammlung bekannt ist, sowie die Other Criteria Gallery in New York. Auch die Haunch of Venison Gallery in London widmete ihrem Werk bereits umfangreiche Präsentationen. Diese Ausstellungen haben dazu beigetragen, dass ihre Arbeit heute als integraler Bestandteil der zeitgenössischen britischen Kunst wahrgenommen wird.
Auch in bedeutenden öffentlichen und privaten Sammlungen ist Morgan weltweit vertreten. Ihre Werke befinden sich unter anderem in der Zabludowicz Collection und der David Roberts Art Foundation in London. Auch über den Atlantik hinaus hat sie sich einen Namen gemacht, was ihre Präsenz im National Museum of Women in the Arts in Washington DC beweist. Ebenso ist die New Art Gallery Walsall im Besitz ihrer Arbeiten. Diese breite internationale Anerkennung zeigt, dass ihre Themen universell sind und Menschen über geografische und kulturelle Grenzen hinweg berühren.
Eine Visionärin zwischen Natur und Kultur
Polly Morgan lebt und arbeitet heute weiterhin in London und bleibt eine der spannendsten Stimmen ihrer Generation. Ihre Fähigkeit, das Unheimliche in etwas Schönes zu verwandeln und den Tod als einen Zustand der Transformation darzustellen, bleibt unerreicht. Sie nutzt ihr Atelier in Bethnal Green als Labor für neue Experimente, in denen sie die Grenzen des Mediums Taxidermie immer weiter verschiebt. Ihre Kunst fordert uns auf, die Augen vor der Vergänglichkeit nicht zu verschließen, sondern die Ästhetik des Übergangs als einen wesentlichen Teil unserer Existenz zu begreifen.
Durch die bewusste Kombination von organischer Materie und von Menschen geschaffenen Objekten schafft sie eine Brücke zwischen der wilden Natur und der geordneten Kultur. Polly Morgan bleibt damit eine Künstlerin, die uns nicht nur zeigt, wie Tiere sterben, sondern vor allem, wie wir als Menschen mit diesem universellen Schicksal umgehen. Ihre Werke werden auch in Zukunft ein wichtiger Bezugspunkt für alle sein, die sich für die dunklen und zugleich glänzenden Seiten der zeitgenössischen Kunst interessieren.
Mehr Informationen unter: http://pollymorgan.co.uk
Signums sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten Künstler unserer Zeit vor. Als Galerie für zeitgenössische Kunst fördern und publizieren wir Künstler aus allen Bereichen modernen Schaffens.
