In der schillernden Schnittmenge zwischen der bildenden Kunst und der experimentellen Komposition gibt es kaum eine Figur die so virtuos mit den Trümmern der Populärkultur spielt wie Christian Marclay. Der am elften Januar neunzehnhundertfünfundfünfzig im kalifornischen San Rafael geborene Künstler ist das Kind einer amerikanischen Mutter und eines Schweizer Vaters was ihm schon früh eine transatlantische Perspektive und eine gewisse kulturelle Ungebundenheit bescherte. Wer heute im Jahr zweitausendsechsundzwanzig auf sein bisheriges Lebenswerk blickt erkennt in ihm einen Visionär der das Hören sichtbar und das Sehen hörbar gemacht hat. Marclay ist ein begnadeter Grenzgänger der mit zwei außergewöhnlichen Begabungen gesegnet ist und diese in einer Weise vereint die unsere Wahrnehmung von Klang und Objekt radikal herausfordert. Die Besonderheit seiner Arbeit liegt in der vollkommenen Symbiose von Kunst und Musik wobei er nicht einfach nur Töne illustriert sondern die Tonträger selbst als physisches Material begreift. Er ist ein Alchemist der Schallplatte der das Vinyl nicht nur abspielt sondern verformt und zerstört oder collageartig neu zusammensetzt um völlig neue Soundeffekte und visuelle Landschaften zu erschaffen. Seine Technik ist ein Akt der kreativen Dekonstruktion bei dem er die Spuren der Zeit und des Gebrauchs auf den in Secondhand Läden gefundenen Platten zum eigentlichen Thema seiner Kunst macht.
Die Lehrjahre zwischen Genf und der New Yorker Avantgarde
Christian Marclay verbrachte einen wesentlichen Teil seiner Jugend in der Schweiz genauer gesagt in Genf wo er die europäische Tradition der bildenden Künste in sich aufsaugte. Von neunzehnhundertfünfundsiebzig bis neunzehnhundertsiebenundsiebzig studierte er an der Ecole Superieure d’Art Visuel in Genf bevor es ihn zurück in die Vereinigten Staaten zog um seine Ausbildung am Massachusetts College of Art in Boston und schließlich an der Cooper Union in New York fortzusetzen. Diese Jahre des Studiums waren geprägt von einer intensiven Auseinandersetzung mit musikalischen Projekten die parallel zu seiner künstlerischen Ausbildung verliefen. In der vibrierenden Atmosphäre New Yorks der späten siebziger und frühen achtziger Jahre fand er die entscheidende Inspiration für sein Werk. Er begriff dass die Musik kein bloßes Hintergrundrauschen ist sondern das eigentliche Herzstück seiner Collagen und Installationen sein könnte. Die Musik diente fortan als Hauptthema und als physisches Substrat seiner Arbeiten. Diese doppelte Identität als bildender Künstler und Komponist erlaubte es ihm in Kreisen zu verkehren die normalerweise streng getrennt waren. Er arbeitete mit avantgardistischen Musikern wie John Zorn oder der legendären Band Sonic Youth zusammen und bewies dabei dass die Grenzen zwischen einer Punkrock Attitüde und einer musealen Ästhetik fließend sein können. Seine Werke fanden bald den Weg in die renommiertesten Häuser der Welt wie das Whitney Museum of American Art oder die Biennale von Venedig sowie das Centre Pompidou in Paris.
Turntablism als skulpturales Ereignis und die Zerstörung des Vinyls
Einer der radikalsten Aspekte in Marclays Schaffen ist sein Umgang mit der Schallplatte als Objekt. In einer Zeit in der die digitale Perfektion der CD ihren Siegeszug antrat konzentrierte er sich auf das Analoge und das Fehlerhafte. Er kaufte massenhaft Schallplatten in Secondhand Läden und begann diese physisch zu manipulieren. Er zerschnitt sie und klebte Fragmente unterschiedlicher Platten zu neuen hybriden Scheiben zusammen oder er bemalte und zerkratzte die Oberflächen. Wenn er diese manipulierten Tonträger dann abspielte entstanden Rhythmen und Klänge die aus dem zufälligen Aufeinandertreffen von Rillen und Klebestellen resultierten. Für Marclay war dies eine Form des Recyclings von Kulturgeschichte bei der die Kratzer und das Rauschen nicht als Störung sondern als authentischer Ausdruck der Materialität begriffen wurden. Er transformierte den Turntable von einem Abspielgerät in ein Instrument der Live Performance und wurde damit zu einem Pionier des experimentellen Turntablism. Diese Arbeiten waren nicht nur akustisch faszinierend sondern besaßen auch eine starke skulpturale Präsenz. Eine zerbrochene und neu zusammengesetzte Platte ist bei Marclay ein Symbol für die Zerbrechlichkeit der menschlichen Erinnerung und die ständige Transformation von Informationen. Er lehrte uns dass man die Musik zerstören muss um ihren inneren Kern und ihre physische Schwere wirklich zu begreifen.
Tape Fall und die Materialisierung des flüchtigen Klanges
Im Jahr neunzehnhunderteinundneunzig schuf Christian Marclay eine Installation die bis heute als ein Meisterwerk der prozessualen Kunst gilt: Tape Fall. Die Anordnung ist so simpel wie genial. Ein Tonbandgerät ist oben auf einer hohen Leiter platziert und spielt eine Endlosschleife mit Aufnahmen von tropfendem Wasser ab. Während das Band über die Rollen läuft wird es jedoch nicht wieder aufgewickelt sondern fällt einfach die Leiter hinunter. Über die Dauer der Ausstellung sammelt sich das braune magnetische Band am Boden an und bildet einen stetig wachsenden Haufen der wie eine physische Manifestation des verflossenen Klanges wirkt. Das Geräusch des tropfenden Wassers wird so eins zu eins in die Masse des Bandes übersetzt. Hier zeigt sich Marclays tiefes Verständnis für die Zeitlichkeit der Musik und die Objekthaftigkeit der Speichermedien. Das Band das normalerweise die Musik unsichtbar in sich trägt wird hier zum Abfallprodukt der Zeit und zu einer weichen Skulptur die den Raum langsam ausfüllt. Tape Fall ist eine Meditation über die Vergänglichkeit und die Unmöglichkeit den Moment wirklich festzuhalten. Es ist ein Werk das den Betrachter dazu zwingt die physische Existenz von Klängen wahrzunehmen die wir im digitalen Zeitalter oft als vollkommen immateriell missverstehen.
Telephones und die Montage der medialen Kommunikation
Die größte Aufmerksamkeit in der breiten Öffentlichkeit erlangte Christian Marclay jedoch durch seine innovativen Videoarbeiten die in den neunziger Jahren erstmals das Licht der Welt erblickten. Ein wegweisendes Beispiel ist der Film Telephones aus dem Jahr neunzehnhundertfünfundneunzig. In diesem Werk stellte er eine minutiöse Montage aus hunderten von Clips aus klassischen Hollywood Filmen zusammen. Die Gemeinsamkeit aller Szenen ist dass die Charaktere am Telefonieren sind. Marclay schnitt die Clips so zusammen dass ein fiktives Gespräch entsteht bei dem die Schauspieler über Jahrzehnte und Genregrenzen hinweg aufeinander zu reagieren scheinen. Wir sehen das Wählen der Nummer das Klingeln das Abheben und die verschiedenen Phasen einer Unterhaltung bis hin zum Auflegen. Telephones ist eine humorvolle und zugleich scharfsinnige Analyse der filmischen Konventionen und der menschlichen Kommunikation. Marclay zeigt uns wie standardisiert unsere Gesten am Telefon sind und wie sehr das Kino unsere Vorstellung von Intimität und Distanz geprägt hat. Dieser Film war ein Vorläufer für die spätere Sampling Kultur im Videoformat und bewies Marclays außergewöhnliches Talent für den Rhythmus und den Schnitt der weit über das rein Visuelle hinausgeht. Er komponiert mit Bildern so wie er mit Klängen komponiert wobei jede Szene wie eine Note in einer komplexen visuellen Partitur fungiert.
The Clock und das ultimative Monument der vierundzwanzig Stunden
Der absolute Karrierehöhepunkt und ein Meilenstein der zeitgenössischen Kunstgeschichte ereignete sich im Jahr zweitausendzehn mit der Veröffentlichung des Films The Clock. Dieses monumentale Werk ist ein vierundzwanzig Stunden langer Film der aus tausenden von Clips der Filmgeschichte besteht. Das Besondere und absolut Faszinierende an The Clock ist dass jeder einzelne Clip eine Uhr oder einen Hinweis auf die exakte Uhrzeit zeigt. Der gesamte Film ist so synchronisiert dass die auf der Leinwand angezeigte Zeit exakt mit der realen Ortszeit im Ausstellungsraum übereinstimmt. Wenn der Betrachter also um vierzehn Uhr zweiunddreißig auf die Leinwand blickt sieht er einen Schauspieler der auf seine Uhr schaut oder einen Wecker der genau vierzehn Uhr zweiunddreißig anzeigt. Marclay und sein Team arbeiteten jahrelang daran dieses gigantische Puzzle aus der gesamten Filmgeschichte zusammenzusetzen. Das Ergebnis ist eine hypnotische Erfahrung bei der das Kino zur funktionierenden Uhr wird. The Clock ist weit mehr als nur eine technische Spielerei; es ist eine tiefgreifende Untersuchung über unsere Besessenheit von der Zeit und die Art wie das Kino die Zeit dehnt oder rafft. Während wir den Film sehen werden wir uns jeder vergehenden Minute schmerzhaft bewusst und gleichzeitig tauchen wir in tausende von Geschichten ein die für einen kurzen Moment aufblitzen.
Die Reaktion auf The Clock war überwältigend. Überall auf der Welt bildeten sich lange Schlangen vor den Museen und die Menschen verbrachten oft Stunden damit diese visuelle Zeitmaschine zu beobachten. Für dieses Werk erhielt Christian Marclay im Jahr zweitausendelf den renommierten Goldenen Löwen der Biennale von Venedig als bester Künstler sowie den Boston Society of Film Critics Award für den besten Filmschnitt. The Clock hat die Art und Weise wie wir über Montage und die Dauer eines Kunstwerks denken grundlegend verändert. Es ist ein Werk das sowohl die Intellektuellen als auch das breite Publikum begeistert da es auf einer sehr instinktiven Ebene funktioniert. Wir alle unterliegen dem Diktat der Uhr und Marclay hat dieses Diktat in eine endlose symphonische Erzählung verwandelt. Er hat der Zeit ein Gesicht gegeben das aus tausenden Gesichtern berühmter und vergessener Schauspieler besteht und uns damit gezeigt dass jede Minute unseres Lebens ein potenzieller filmischer Moment ist.
Komposition und Residency: Die Rückkehr zum musikalischen Ursprung
Trotz seines enormen Erfolgs als bildender Künstler ist Christian Marclay seinen Wurzeln als Komponist immer treu geblieben. Im Jahr zweitausendsiebzehn wurde er in England zum Composer in Residence ernannt was seine Anerkennung in der Welt der klassischen und zeitgenössischen Musik unterstreicht. Er schuf unter anderem ein beeindruckendes Musikstück für zwanzig Klaviere bei dem er die räumliche Dimension des Klangs und die Interaktion zwischen den Musikern erforschte. Sein Ansatz ist auch hier oft von einer gewissen spielerischen Radikalität geprägt. Er nutzt grafische Partituren die aus Fotografien von Comic Lautmalereien oder gefundenen Objekten bestehen und fordert die Musiker dazu auf diese Bilder in Töne zu übersetzen. Für Marclay ist eine Partitur nicht nur eine Anweisung zum Spielen sondern selbst ein visuelles Kunstwerk. Er zeigt uns dass ein Wort wie Boom oder Splash in einem Comic eine eigene klangliche Energie besitzt die man auf einem Instrument interpretieren kann. Diese Arbeiten verbinden seine Leidenschaft für die Pop Art mit seiner Liebe zur experimentellen Musik und schaffen so eine Brücke zwischen den verschiedenen Disziplinen.
National Academy und das Fortwirken in der Gegenwart
Im Jahr zweitausenddreizehn wurde Christian Marclay zum Mitglied der National Academy of Design gewählt eine Ehrung die seinen dauerhaften Einfluss auf die amerikanische Kunstlandschaft würdigt. Heute lebt und arbeitet er abwechselnd in New York und London zwei Städten die seine kreative Energie immer wieder neu befeuern. Er beschäftigt sich weiterhin intensiv mit der Frage wie Klänge mit Objekten verbunden werden können und wie wir die Welt durch unsere Sinne wahrnehmen. Sein Werk ist eine ständige Einladung zum genauen Hinsehen und zum aufmerksamen Hinhören. Er hat uns gelehrt dass auch das Rauschen einer kaputten Platte oder das Ticken einer Uhr im Film eine tiefe ästhetische Wahrheit enthalten kann. Marclay bleibt der unermüdliche Sammler von Fragmenten der uns zeigt dass die gesamte Welt ein großes Archiv aus Klängen und Bildern ist das nur darauf wartet neu komponiert zu werden. Seine Kunst ist ein Beweis für die Freiheit des Geistes der sich weigert sich in Schubladen pressen zu lassen. Er ist ein Meister der Montage der uns die Zeit in einer Weise geschenkt hat die wir niemals zuvor erlebt haben.
Sein Einfluss auf die nachfolgende Generation von Medienkünstlern kann kaum überschätzt werden. Viele junge Kreative die heute mit Sampling und digitalem Videoschnitt arbeiten beziehen sich direkt oder indirekt auf die Pionierarbeit die Marclay in den achtziger und neunziger Jahren geleistet hat. Er hat bewiesen dass Originalität nicht bedeutet etwas völlig Neues aus dem Nichts zu schaffen sondern die vorhandenen Versatzstücke unserer Kultur in einen neuen bedeutungsvollen Kontext zu stellen. Christian Marclay ist der Architekt einer Welt in der die Musik Form annimmt und die Stille eine sichtbare Struktur besitzt. Sein Vermächtnis liegt in der Ermutigung zum Experiment und in der Erkenntnis dass die Kunst dort am lebendigsten ist wo sie die Grenzen des Bekannten überschreitet. Wer heute ein Musikvideo sieht oder eine Installation mit Klang erlebt wird oft Spuren seines Geistes darin entdecken. Er bleibt der stille Magier hinter der Leinwand und dem Turntable der uns immer wieder mit seiner poetischen Kraft überrascht.
In seinem aktuellen Schaffen konzentriert er sich verstärkt auf die Verbindung von Druckgrafik und Klang. Er nutzt die Techniken des Siebdrucks um Schallplattenhüllen oder Notenblätter zu transformieren und sie in großformatige Collagen zu überführen. Diese Arbeiten sind eine Fortführung seiner lebenslangen Beschäftigung mit der Ikonografie der Musik. Er zeigt uns dass das Design einer Platte ebenso viel über unsere Kultur aussagt wie die darauf gespeicherte Musik. Marclays Blick ist dabei stets analytisch und zugleich voller Empathie für die Objekte die wir oft achtlos wegwerfen. Er gibt den vergessenen Dingen ihre Würde zurück indem er sie in den Kontext der hohen Kunst stellt. So schließt sich der Kreis von den Secondhand Läden seiner Jugend bis zu den großen Museen der Welt. Christian Marclay ist und bleibt ein Ausnahmekünstler der uns die Welt in all ihrer klanglichen und visuellen Komplexität nähergebracht hat. Seine Reise durch die vierundzwanzig Stunden der Zeit und die unendlichen Rillen des Vinyls ist eine der faszinierendsten Geschichten der zeitgenössischen Kunst.
Mehr Informationen unter: https://www.paulacoopergallery.com/artists/christian-marclay
Signums sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten Künstler unserer Zeit vor. Als Galerie für zeitgenössische Kunst fördern und publizieren wir Künstler aus allen Bereichen modernen Schaffens.
