In der heutigen globalisierten Welt in der die Grenzen zwischen den Kontinenten durch digitale Vernetzung und ständige Migration immer mehr verschwimmen gibt es kaum einen Künstler der das Gefühl der Beheimatung und der gleichzeitigen Entwurzelung so präzise einfängt wie Do Ho Suh. Der im Jahr 1962 in Seoul geborene Bildhauer und Installationskünstler nutzt eine feinsinnige und zugleich monumentale Bildsprache um das komplexe Geflecht aus physischem Raum und emotionaler Erinnerung zu untersuchen. Wer vor einem seiner Werke steht begegnet oft einer geisterhaften Erscheinung von Architektur die aus hauchdünnem lichtdurchlässigem Polyestergewebe genäht wurde. Diese Skulpturen sind weit mehr als bloße Nachbildungen von Gebäuden; sie sind konservierte Erinnerungen und tragbare Hüllen die den Betrachter dazu einladen über die eigene Identität in einer mobilen Gesellschaft nachzudenken. Suh begreift den Raum nicht als feststehende Materie sondern als eine Schicht die wir wie eine zweite Haut mit uns tragen. Sein Werk ist eine fortwährende Suche nach der Antwort auf die Frage wo das Zuhause beginnt und wie viel von unserer Herkunft wir in die Fremde mitnehmen können ohne uns selbst zu verlieren.
Die Wurzeln in Seoul und der Weg in die westliche Moderne
Die künstlerische Reise von Do Ho Suh begann in der südkoreanischen Metropole Seoul einer Stadt die tief von Traditionen geprägt ist und gleichzeitig einen rasanten Sprung in die Moderne vollzogen hat. In diesem Spannungsfeld wuchs Suh auf und studierte zunächst orientalische Kunst an der Seoul National University. Diese Ausbildung legte den Grundstein für sein tiefes Verständnis von Linienführung und Materialität sowie für die philosophischen Aspekte der ostasiatischen Ästhetik. Doch der Drang die eigene Perspektive zu erweitern führte ihn schließlich in die Vereinigten Staaten von Amerika. Dort setzte er sein Studium fort und befasste sich intensiv mit der Malerei und der Bildhauerei an renommierten Institutionen wie der Rhode Island School of Design und der Yale University. Dieser Wechsel des Kulturraums war für Suh ein einschneidendes Erlebnis das sein gesamtes späteres Schaffen massiv beeinflussen sollte. Die Konfrontation mit der westlichen Individualität und die gleichzeitige Sehnsucht nach den vertrauten Strukturen seiner Heimat wurden zum zentralen Motor seiner Kunst. In dieser Erfahrung der kulturellen Entwurzelung steht Suh neben Künstlerinnen wie Mona Hatoum und Shirin Neshat, die ebenfalls aus dem erzwungenen Bruch mit der Heimat ihre stärksten Werke schöpfen — wenn auch aus dem Kontext des Nahen Ostens statt aus dem ostasiatischen.
Die Tragbarkeit der Heimat und das monumentale Werk Seoul Home
Während seiner Zeit in New York City sah sich Do Ho Suh mit einer völlig neuen urbanen Realität konfrontiert. Das Leben in der Millionenmetropole war laut und schnell und oft anonym was in ihm den Wunsch nach einem Ort der Ruhe und der Geborgenheit weckte. Im Jahr 1999 schuf er daraus resultierend die beeindruckende Installation mit dem langen Titel Seoul Home / L.A. Home / New York Home / Baltimore Home / London Home / Seattle Home. Dabei handelt es sich um eine realistische Reproduktion seines traditionellen koreanischen Elternhauses gefertigt aus zartem fliederfarbenem Seidenstoff. Das Besondere an dieser Arbeit ist ihre Leichtigkeit und Portabilität. Das Haus das ursprünglich fest in der Erde von Seoul verwurzelt war wurde durch Suh zu einem nomadischen Objekt das zusammengefaltet in einem Koffer um die ganze Welt reisen kann. Wenn es in einer Galerie oder einem Museum aufgehängt wird entfaltet es eine magische Präsenz die zwischen Anwesenheit und Abwesenheit schwebt. In dieser Verwandlung von schwerer Architektur in schwebende Transparenz steht Suhs Arbeit in einem faszinierenden Kontrast zu Gregor Schneider, der in seinem Haus u r Räume in Räume baut und das Zuhause zum klaustrophobischen Käfig verdichtet — wo Suh die Wände durchsichtig macht, macht Schneider sie doppelt und dreifach undurchdringlich. Dieses Werk ist eine kraftvolle Metapher für die menschliche Fähigkeit das Gefühl von Heimat an jeden Ort der Welt zu transportieren solange die Erinnerung lebendig bleibt.
Körperliche Orientierungslosigkeit und die Blue Green Bridge
Der Übergang zwischen zwei Kulturen ist oft mit einem tiefen Gefühl der Desorientierung verbunden. Do Ho Suh thematisierte diesen Zustand im Jahr 2000 mit seiner Installation Blue Green Bridge. Dieses Werk reflektiert seine eigene körperliche und geistige Verunsicherung bei der Ankunft in Amerika. Es dient als Methode neue Wege zum Messen und Begreifen eines Raumes zu schaffen der sich anfangs jeder Definition entzieht. Für Suh war die Ankunft in den USA nicht nur ein geografischer Wechsel sondern eine fundamentale Erschütterung seines Koordinatensystems. Die Brücke symbolisiert den Weg zwischen dem Alten und dem Neuen sowie den unsicheren Boden auf dem man sich bewegt wenn man noch nicht ganz angekommen ist aber das Alte bereits hinter sich gelassen hat. In seinen räumlichen Untersuchungen geht es ihm immer wieder darum wie der Körper den Raum wahrnimmt und wie wir uns durch architektonische Strukturen definieren lassen — Fragen die auch das breitere Verhältnis von Kunst und Gesellschaft in Zeiten globaler Migration berühren.
Individualität versus Anonymität in der homogenen Gesellschaft
Ein weiteres zentrales Thema im Œuvre von Do Ho Suh ist das Verhältnis des Einzelnen zur Gruppe. Beeinflusst von seinen Erfahrungen während des obligatorischen Militärdienstes in Südkorea und seiner Schulzeit hinterfragt er die Mechanismen der Konformität und der Anonymität. Mit dem Werk Who Am We? äußert Suh seine Bedenken zu dem beklemmenden Gefühl der Gesichtslosigkeit innerhalb einer Masse. Er schuf eine Tapete die aus der Ferne wie ein abstraktes Muster wirkt. Doch bei näherer Betrachtung erkennt man dass die Wand mit zehntausenden winzigen Porträts aus Jahrbüchern übersät ist. Die Individualität der einzelnen Gesichter verschwindet in der schieren Menge und lässt das Individuum als bloßen Pixel in einem riesigen sozialen Gefüge erscheinen. Diese Arbeit ist eine scharfe Reflexion über den Verlust des Selbst in autoritären oder streng hierarchischen Strukturen.
Die Rüstung aus Erkennungsmarken und das Mahnmal Some/One
Die Frage nach der Rolle des Individuums innerhalb einer militärischen oder gesellschaftlichen Struktur treibt Suh auch in seiner Arbeit Some/One auf die Spitze. Hierbei handelt es sich um eine überlebensgroße majestätische Rüstung die komplett aus tausenden von militärischen Erkennungsmarken zusammengesetzt ist. Die Marken überlappen sich wie die Schuppen eines Drachenpanzers und glänzen metallisch im Licht. Jede einzelne Marke steht für einen Soldaten und somit für ein individuelles Schicksal das Teil einer großen anonymen Gruppe geworden ist. Doch das Erschütternde an dieser Skulptur ist ihr Inneres: Die Rüstung ist hohl. Sie steht wie ein schwebender Geist im Raum ohne einen menschlichen Körper der sie füllt. In dieser Thematisierung der Abwesenheit durch ein leeres Kleidungsstück berührt sich Suhs Arbeit mit den Skulpturen von Doris Salcedo, deren mit Zement gefüllte Schränke und Schuhe in Atrabiliarios ebenfalls die Leerstelle des verschwundenen Körpers markieren. Some/One ist ein stilles Mahnmal für die Opfer der Anonymität und ein kraftvolles Plädoyer für die Anerkennung der einzelnen Existenz innerhalb des Kollektivs.
Die Etablierung in der Weltstadt der Kunst und internationale Anerkennung
Bis zum Ende der 90er Jahre hatte sich Do Ho Suh bereits fest als etablierter Künstler in der New Yorker Kunstszene positioniert. Seine einzigartige Fähigkeit komplexe emotionale und soziologische Themen in faszinierende dreidimensionale Installationen zu übersetzen machte ihn schnell über die Grenzen der Vereinigten Staaten von Amerika hinaus bekannt. Im Jahr 2000 erhielt er den prestigeträchtigen Joan Mitchell Foundation Painting and Sculpture Award was seine Bedeutung für die zeitgenössische Bildhauerei unterstrich. Sein Erfolg ermöglichte es ihm an verschiedenen Artist-in-Residence-Programmen teilzunehmen unter anderem beim Deutschen Akademischen Austausch Dienst in Berlin oder beim Singapore Tyler Print Institute. Diese Auslandsaufenthalte waren für Suh essenziell um seine Kunst außerhalb seines festen Wohnsitzes in New York weiterzuentwickeln und neue kulturelle Impulse aufzunehmen. Die globale Anerkennung — von den großen Kunstmessen bis zu den Biennalen — zeigt dass seine Themen der Migration und der Suche nach Heimat einen universellen Nerv treffen.
Das Leben als Brücke zwischen den Kontinenten
Heute lebt und arbeitet Do Ho Suh in einem ständigen Wechsel zwischen den Weltstädten New York und London sowie seiner Geburtsstadt Seoul. Diese nomadische Lebensweise spiegelt sich direkt in seiner künstlerischen Praxis wider. Er ist selbst zu einer Brücke zwischen den Kulturen geworden und nutzt seine Erfahrungen um immer neue Facetten des menschlichen Raumempfindens zu erkunden. Seine Arbeit bleibt eine fortwährende Untersuchung des Verhältnisses zwischen dem Ich und dem Raum sowie zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen. Suh zeigt uns dass das Zuhause kein fester Punkt auf einer Landkarte ist sondern ein Zustand des Geistes den wir durch unsere Erinnerungen und unsere Kunst erschaffen können. Sein Vermächtnis liegt in der Zartheit seiner Materialien und in der Wucht seiner Themen die uns daran erinnern dass wir alle Wanderer sind die versuchen in der Flüchtigkeit der Zeit einen Ort der Beständigkeit zu finden. Do Ho Suh ist der Chronist der modernen Sehnsucht dessen Bilder und Räume uns noch lange begleiten werden.
Die Intensität mit der er sich dem Detail widmet zeigt sich auch in seinen neueren Arbeiten in denen er die Infrastruktur von Gebäuden wie Rohre und Lüftungsschächte aus Stoff nachbildet. Damit lenkt er den Blick auf das was normalerweise unsichtbar bleibt und das Haus am Leben erhält. In dieser Verbindung von architektonischer Skulptur und emotionaler Erfahrung steht Suh neben Cristina Iglesias, deren labyrinthische Raumstrukturen ebenfalls die Grenze zwischen Architektur und Skulptur auflösen — wenn auch mit der Schwere von Bronze und Alabaster wo Suh die Leichtigkeit des Polyestergewebes bevorzugt. Er dekonstruiert die Architektur um das Wesen des Wohnens freizulegen. Sein Werk ist eine Einladung die eigene Umgebung mit mehr Aufmerksamkeit zu betrachten und die Geschichten zu würdigen die in den Wänden unserer Häuser gespeichert sind. Do Ho Suh bleibt ein Visionär der uns zeigt dass die Kunst die Kraft hat die Schwere der Steine in die Leichtigkeit der Träume zu verwandeln.
Mehr Informationen unter: https://www.lehmannmaupin.com/artists/do-ho-suh
Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die Erinnerung und Raum verhandeln — von Mainichi — Alltagswelt in Japan bis Dramaturgien des Zwischenraums.
