Manchmal ist die bloße Anwesenheit eines Menschen die stärkste Form des Protests gegen die Flüchtigkeit unserer Zeit. Marina Abramović die im Jahr neunzehnhundertsechsundvierzig am dreißigsten November in Belgrad das Licht der Welt erblickte hat das Verständnis von Kunst in den letzten Jahrzehnten grundlegend verändert. Sie ist nicht bloß eine Künstlerin sondern eine Grenzgängerin die ihren eigenen Körper als das primäre Schlachtfeld ihrer Untersuchungen nutzt. Wer sich auf ihr Werk einlässt begegnet einer unerbittlichen Ehrlichkeit die keinen Raum für Ausflüchte lässt. In einer Welt die oft von glatten Oberflächen und digitalen Masken dominiert wird setzt sie auf die rohe Kraft der physischen Erfahrung und die spirituelle Tiefe der Stille. Ihr Leben ist ein Zeugnis für den unbändigen Willen die Grenzen des Schmerzes und der Erschöpfung zu überwinden um zu einem Kern der Wahrheit vorzustoßen der uns alle verbindet. Marina Abramović hat die Performance aus den Nischen der Avantgarde geholt und sie zu einem globalen Phänomen gemacht das Millionen von Menschen berührt und herausfordert. Sie erinnert uns daran dass die Kunst kein Objekt zum Betrachten ist sondern ein Prozess den man mit jeder Faser seines Seins durchleben muss.
Die Wurzeln in Belgrad und der Mythos des Heldenvaters
Die Herkunft von Marina Abramović ist tief in der Geschichte des ehemaligen Jugoslawien verwurzelt und von den strengen Strukturen einer militärisch geprägten Erziehung gezeichnet. Ihre Mutter diente in der jugoslawischen Armee und brachte eine Disziplin in das Haus die Marinas frühes Leben maßgeblich bestimmte. Ihr Vater wird von ihr oft als ein serbischer Nationalheld beschrieben doch die historische Realität dieses Titels bleibt umstritten. Während Marina diesen heldenhaften Status als Teil ihrer eigenen Identität zelebriert wies ihr Bruder später darauf hin dass es für diese Behauptung keinerlei Beweise gibt. Er deutete an dass Marina ihren Vater schlichtweg gern in dieser heldenhaften Rolle gesehen hätte und sich diese Erzählung daher als eine Art persönlichen Gründungsmythos ausdachte. Diese Diskrepanz zwischen Fakt und Fiktion zeigt bereits früh ihr Interesse an der Konstruktion von Narrativen und der Macht der persönlichen Legendenbildung. In einem Umfeld das von Gehorsam und Strenge geprägt war bot die Kunst ihr den einzigen Raum in dem sie die Kontrolle über ihre eigene Geschichte zurückgewinnen konnte. Diese frühen Jahre in Belgrad legten den Grundstein für eine Künstlerin die später bereit sein würde alles zu riskieren um die Mauern der Konventionen einzureißen.
Von der Leinwand zur Performance der Übergang in die Freiheit
Die künstlerische Ausbildung von Marina Abramović begann klassisch im Jahr neunzehnhundertfünfundsechzig an der Akademie der Bildenden Künste in Belgrad. Fünf Jahre lang studierte sie die Malerei und lernte die Techniken der Darstellung auf der zweidimensionalen Fläche kennen. Doch bereits während dieser Zeit spürte sie dass die Leinwand eine Begrenzung darstellte die ihrem Drang nach Unmittelbarkeit nicht gerecht wurde. Ab dem Jahr neunzehnhundertachtundsechzig begann sie erste Werke in Textform zu veröffentlichen und ergänzte diese durch Zeichnungen und konzeptuelle Arbeiten. Sie suchte nach Wegen die Kunst aus der Isolation des Rahmens zu befreien. Drei Jahre nach dem Abschluss ihres Studiums im Jahr neunzehnhundertdreiundsiebzig vollzog sie den entscheidenden Schritt und begann künstlerische Performances zu zeigen. Hierbei wurde ihr eigener Körper zum Pinsel und die Zeit zum eigentlichen Material. In den siebziger Jahren lehrte sie bereits Kunst und suchte den Austausch mit anderen radikalen Geistern wie dem deutschen Künstler Hermann Nitsch dessen Arbeiten mit Fleisch und Blut eine ähnliche physische Unmittelbarkeit besaßen. Diese Phase war geprägt von einem unbändigen Hunger nach Erfahrung und der Entdeckung dass die stärkste Kunst dort entsteht wo die körperliche Belastung am höchsten ist.
Freeing the Memory und die Reinigung der Sprache
In einer ihrer bekanntesten frühen Performances mit dem Titel Freeing the Memory untersuchte Marina Abramović die befreiende Wirkung der ungefilterten Rede. Über einen Zeitraum von fünfzig Minuten erzählte sie alles was ihr gerade in den Sinn kam und zwar konsequent auf Serbisch. Es war ein sprachlicher Exorzismus bei dem sie versuchte ihr Bewusstsein von allen gespeicherten Informationen und belastenden Gedanken zu reinigen. Diese Aktion sollte wie eine Reinigung auf Körper und Geist sowie auf die Seele wirken. Der Zuschauer wurde Zeuge eines Prozesses in dem die Sprache nicht mehr zur Kommunikation sondern zur Befreiung genutzt wurde. Es ging nicht darum verstanden zu werden sondern darum den Ballast der Vergangenheit durch das Aussprechen abzuwerfen. Diese Arbeit verdeutlicht ihr tiefes Vertrauen in die heilende Kraft der Erschöpfung. Erst wenn der Verstand zu müde ist um zu lügen oder zu maskieren tritt der wahre Mensch hervor. Für Abramović war dies eine Übung in absoluter Präsenz die sie in ihren späteren monumentalen Werken zur Perfektion führen sollte.
Das nomadische Leben und die symbiotische Kunst mit Ulay
Das Jahr neunzehnhundertsechsundsiebzig markiert den Beginn eines der faszinierendsten Kapitel der modernen Kunstgeschichte als Marina Abramović die Zusammenarbeit mit ihrem damaligen Lebensgefährten Ulay begann. Die beiden bildeten eine künstlerische und private Einheit die über zwölf Jahre lang Bestand hatte. Sie führten ein nomadenhaftes Leben und reisten um die gesamte Welt wobei sie unter anderem Zeit bei den Aborigines in Australien und bei Eingeborenen in Tibet verbrachten. In ihren gemeinsamen Performances untersuchten sie die Grenzen von Partnerschaft und Identität sowie die Verschmelzung zweier Individuen zu einem einzigen Wesen. Sie banden ihre Haare zusammen oder atmeten die Luft des jeweils anderen ein bis zur Bewusstlosigkeit. Es war eine Kunst des absoluten Vertrauens und der gegenseitigen Abhängigkeit. Diese Jahre waren geprägt von einer tiefen Suche nach dem Ursprünglichen und einer Abkehr von den bürgerlichen Sicherheiten der westlichen Welt. Sie begriffen ihr Leben selbst als ein Kunstwerk bei dem es keinen Unterschied mehr zwischen dem privaten Raum und der öffentlichen Bühne gab. Die radikale Hingabe aneinander und an die gemeinsame Vision machte sie zu Ikonen der Performance Kunst.
Der Abschied an der Chinesischen Mauer und das Ende einer Ära
Die Trennung von Ulay im Jahr neunzehnhundertachtundachtzig wurde zu einem der poetischsten und zugleich traurigsten Momente ihres gemeinsamen Schaffens. Als Höhepunkt und Schlusspunkt ihrer Beziehung unternahmen sie den legendären Gang auf der Chinesischen Mauer. Von den beiden Endpunkten der Mauer aus liefen sie einander entgegen wobei jeder eine Strecke von etwa zweitausendfünfhundert Kilometern zurücklegte. Als sie sich schließlich in der Mitte trafen war dies nicht der Beginn eines neuen gemeinsamen Lebens sondern der Punkt an dem sie sich endgültig verabschiedeten um fortan getrennte Wege zu gehen. Dieser sprichwörtliche Trennpunkt auf einem der gewaltigsten Bauwerke der Menschheit symbolisierte die Schwere und die Unausweichlichkeit ihres Entschlusses. Es war eine Performance die die Zeit und den Raum in eine emotionale Landkarte verwandelte. Der physische Aufwand dieses Marsches spiegelte die psychische Anstrengung einer langjährigen Bindung wider die nun ihr Ende gefunden hatte. Nach diesem Ereignis begann für Marina Abramović eine neue Phase als Solokünstlerin in der sie sich noch stärker auf die individuelle Ausdauer und die Interaktion mit dem Publikum konzentrieren sollte.
The Artist is Present und die Tränen im MoMA
Viele Jahre später im Jahr zweitausendzehn schuf Marina Abramović mit ihrer Performance im Museum of Modern Art in New York ein Werk das sie endgültig zur weltweiten Berühmtheit machte. Unter dem Titel The Artist is Present saß sie über drei Monate lang täglich für viele Stunden auf einem Stuhl im Atrium des Museums ohne zu sprechen oder sich zu bewegen. Sie bot den Besuchern an ihr gegenüber Platz zu nehmen und ihr einfach nur in die Augen zu schauen. In dieser Stille entstand eine ungeheure emotionale Spannung die viele Teilnehmer zu Tränen rührte. Ein besonderer Moment ereignete sich als Ulay unerwartet am Tisch Platz nahm. Marina die sonst eisern in ihrer Rolle verharrte weinte vor Rührung über das Wiedersehen mit ihrer verflossenen Liebe und brach für einen kurzen Augenblick die Regeln ihrer eigenen Performance indem sie seine Hände ergriff. Dieses Bild ging um die Welt und zeigte die menschliche Verletzlichkeit hinter der Fassade der professionellen Künstlerin. Es war ein Triumph der Empathie und ein Beweis dafür dass die Kunst in der Lage ist tiefe persönliche Wunden im öffentlichen Raum sichtbar zu machen.
Rechtsstreitigkeiten und die endgültige Versöhnung
Doch die Harmonie nach dem Wiedersehen im MoMA hielt nicht lange an. Die Beziehung zwischen Marina und Ulay wurde erneut durch weltliche Konflikte belastet als Ulay sie verklagte. Er war der Meinung dass sie den größeren materiellen und ideellen Nutzen aus ihren gemeinsamen Kunstwerken ziehe und forderte eine gerechtere Beteiligung an den Erlösen. Ulay gewann diesen Rechtsstreit so dass Marina Abramović ihm eine Entschädigung in Höhe von dreihunderttausend Euro zahlen musste. Dieser Konflikt warf einen Schatten auf das gemeinsame Erbe und zeigte die schwierigen Verflechtungen zwischen Kunst und Urheberrecht sowie persönlicher Vergangenheit. Erst im Jahr zweitausendsiebzehn kam es während einer großen Ausstellung von Marina zu einer endgültigen Versöhnung der beiden Künstler. Sie legten ihren Groll beiseite und erkannten die Einzigartigkeit dessen an was sie gemeinsam geschaffen hatten. Dieser Friedensschluss war für beide ein wichtiger Akt der Befreiung bevor Ulay im Jahr zweitausendzwanzig verstarb. Er rundete eine Lebensgeschichte ab die von extremen Ausschlägen zwischen Liebe und Hass sowie Nähe und Distanz geprägt war.
Die Berufung zur Lehre und die Independent Performance Group
Marina Abramović hat zeitleben großen Wert darauf gelegt ihr Wissen und ihre Erfahrungen an die nächste Generation weiterzugeben. Sie war als Professorin an zahlreichen renommierten Institutionen tätig darunter die Académie des Beaux Arts in Paris und die Hochschule der Künste in Berlin. Besonders intensiv war ihre Zeit an der Hamburger Hochschule für bildende Künste sowie in Braunschweig wo sie als Professorin für Performance tätig war. In New York gründete sie die Independent Performance Group um mit vielversprechenden jungen Talenten an der Weiterentwicklung dieser Kunstform zu arbeiten. Sie lehrte ihre Schüler dass Performance keine bloße Show ist sondern eine totale Hingabe die Disziplin und körperliche Vorbereitung erfordert. Obwohl sie lange Zeit einen Wohnsitz in Amsterdam hatte war sie nahezu nie dort sondern befand sich ständig auf Reisen um zu unterrichten oder ihre Werke vorzustellen. Ihr pädagogisches Engagement ist ein wesentlicher Teil ihres Vermächtnisses da sie dazu beigetragen hat die Performance als eine akademisch anerkannte und intellektuell fundierte Disziplin zu etablieren.
Das Marina Abramović Institute und die Zukunft der Zeit
Nach der Auflösung ihrer ursprünglichen Performance Gruppe erwarb Marina Abramović ein altes Theatergebäude in New York um dort das Marina Abramović Institute kurz MAI unterzubringen. Dieses Institut widmet sich der Erhaltung und Vermittlung von zeitbasierten Künsten und bietet Räume für Langzeit Performances. Es ist ein Ort an dem die Zeit anders wahrgenommen werden soll und an dem Besucher lernen sich auf langsame Prozesse einzulassen. Marina investierte viel Herzblut in dieses Projekt um eine dauerhafte Struktur für eine Kunstform zu schaffen die ihrer Natur nach flüchtig ist. Das MAI ist Ausdruck ihres Wunsches die Kunst über ihre eigene physische Existenz hinaus zu bewahren. Sie lehrt dort Techniken der Konzentration und der körperlichen Beherrschung die sie selbst über Jahrzehnte entwickelt hat. Das Institut ist ein Zentrum der Stille in einer lauten Welt und ein Denkmal für die Kraft der Ausdauer das über die Grenzen der traditionellen Museumslandschaft hinausreicht.
Liebe Politik und die Unendlichkeit der Hingabe
Das Gesamtwerk von Marina Abramović ist eine tiefe Meditation über die großen Themen der Menschheit wie Liebe und Politik sowie Vergänglichkeit und die Funktion der Kunst. Sie scheut vor keiner körperlichen Anstrengung zurück und investiert oft Jahre in die Vorbereitung eines einzelnen Werks. Ob sie nun auf einem Berg von blutigen Rinderknochen sitzt und diese stundenlang reinigt um den Krieg in ihrer Heimat zu kommentieren oder ob sie sich den Gefahren des Feuers aussetzt um die Reinigung der Seele zu symbolisieren stets geht sie bis an das Äußerste. Ihre Leidenschaft und ihr Wille zum Leiden haben ihr den Ruf einer Hohepriesterin der Performance Kunst eingebracht. Sie nutzt ihren Körper als einen Spiegel in dem der Betrachter seine eigenen Ängste und Wünsche erkennen kann. Marina Abramović hat gezeigt dass die Kunst eine Form des Lebens ist die keine Kompromisse duldet. Sie widmet ihr gesamtes Dasein der Vermittlung dieser Wahrheit und bleibt eine der großartigsten und inspirierendsten Persönlichkeiten der zeitgenössischen Kultur.
Mehr Informationen unter: https://de.m.wikipedia.org/wiki/Marina_Abramović
Signums sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten Künstler unserer Zeit vor. Als Galerie für zeitgenössische Kunst fördern und publizieren wir Künstler aus allen Bereichen modernen Schaffens.
