In der zeitgenössischen Kunstwelt des Jahres zweitausendsechsundzwanzig nimmt Jenny Saville eine Position ein die ebenso archaisch wie radikal modern wirkt. Wer sich mit ihrem Werk befasst begegnet einer Malerei die das Fleisch nicht nur abbildet sondern es förmlich aus der Leinwand herausmeißelt. Saville geboren im Jahr neunzehnhundertsiebzig in Cambridge hat die figurative Kunst zu einer Zeit wiederbelebt als viele sie bereits für tot erklärt hatten. Ihre Arbeiten sind eine leidenschaftliche Absage an die glatten und retuschierten Körperbilder unserer digitalen Ära. Sie zeigt uns den Körper in seiner ganzen ungeschönten Pracht: gewichtig und perspektivisch verkürzt sowie gezeichnet von den Spuren des Lebens. Saville nutzt die Ölmalerei auf eine fast schon skulpturale Weise wobei sie die Farbe so dick aufträgt dass sie selbst zu einer Art künstlichem Gewebe wird. Damit steht sie in einer stolzen Tradition die von Sir Peter Paul Rubens bis hin zu Lucian Freud reicht und doch hat sie eine ganz eigene visuelle Sprache gefunden die Fragen der Identität und der Geschlechterrollen auf eine zutiefst viszerale Weise verhandelt.
Von der Glasgow School of Art zum globalen Ruhm
Der Grundstein für diese beispiellose Karriere wurde Ende der achtziger Jahre an der Glasgow School of Art gelegt. Schon während ihres Studiums das sie zweiundneunzig mit einem BFA-Abschluss beendete wurde ihr außergewöhnliches Talent erkannt. Die National Portrait Gallery wählte sie bereits vor ihrer Abschlussausstellung zweimal aus was für eine junge Studentin eine Sensation darstellte. Der eigentliche Durchbruch erfolgte jedoch in den neunziger Jahren als der Mäzen Charles Saatchi auf sie aufmerksam wurde. Durch die Aufnahme in die einflussreiche Young British Artists Gruppe erlangte Saville fast über Nacht internationale Berühmtheit — an der Seite von Damien Hirst, Tracey Emin und den Chapman Brothers, die gemeinsam den britischen Kunstbetrieb auf den Kopf stellten. Ihre erste Ausstellung in der Saatchi Gallery schockierte und faszinierte zugleich da sie Frauenkörper zeigte die so weit entfernt von den gängigen Schönheitsidealen waren wie es nur denkbar ist. Saville untersucht die Körperlichkeit des Körpers mit einer fast schon klinischen Präzision die sie während ihrer Zeit in den USA im Jahr neunzehnhundertvierundneunzig weiter verfeinerte als sie medizinische Operationen beobachtete um die Anatomie des Fleisches noch besser zu verstehen.
Das Fleisch als politischer Raum und feministisches Manifest
Die Gemälde von Jenny Saville sind weit mehr als nur anatomische Studien; sie sind politische Manifeste die den weiblichen Körper als Ort des Widerstands begreifen. Ihr viszeraler Ansatz entspringt dem Wunsch die Farbe auf eine Weise einzusetzen die die physische Schwere und die Verletzlichkeit des menschlichen Seins spürbar macht. In ihren Untersuchungen der Körperlichkeit scheut sie sich vor jeder Idealisierung. Dieser radikale Realismus rückt sie in die Nähe von Pionierinnen der feministischen Kunst wie Cindy Sherman und Marina Abramović. Saville bekräftigt dass die Figurenmalerei in der zeitgenössischen Kunst nach wie vor eine enorme Resonanz besitzt wenn sie bereit ist die Tabus der Repräsentation zu brechen. Ihre monumentalen Formate zwingen den Betrachter zur direkten Auseinandersetzung mit dem was wir oft lieber verbergen möchten: das Fett und die Falten sowie die blutigen Spuren von Verletzungen oder Operationen. In dieser schonungslosen Darstellung des Körpers teilt sie eine Sensibilität mit Ron Mueck, dessen hyperrealistische Skulpturen den menschlichen Körper ebenfalls in all seiner Verletzlichkeit zeigen — wenn auch in einem anderen Medium: wo Mueck mit Silikon und Kunstharz arbeitet, ist Savilles Material die Farbe selbst, die sie wie Fleisch auf die Leinwand schichtet. Sie nutzt dabei die Fotografie als Quellmaterial doch sie transformiert diese kalten Abbilder in warme und atmende Landschaften aus Pigment und Öl.
Resonanz in der Popkultur und die Kontroverse um Stare
Die Kraft der Bilder von Jenny Saville reicht weit über die Mauern der Galerien hinaus und hat tiefe Spuren in der Populärkultur hinterlassen. Besonders bemerkenswert ist ihre Zusammenarbeit mit der walisischen Alternative-Rock-Band Manic Street Preachers. Bereits im Jahr neunzehnhundertvierundneunzig zierte eines ihrer Werke das Cover des Albums The Holy Bible. Im Jahr zweitausendneun nutzte die Band ihr Gemälde Stare aus dem Jahr zweitausendfünf für das Album Journal for Plague Lovers. Das Bild eines scheinbar geschlagenen und blutigen Gesichts löste bei der Veröffentlichung heftige Kontroversen aus. Britische Einzelhändler empfanden das Motiv als so unangemessen dass sie sich weigerten das Album in dieser Form auszustellen und stattdessen einen einfachen Papiereinband verlangten. Diese Episode zeigt wie unmittelbar Savilles Kunst auch heute noch die gesellschaftlichen Schmerzpunkte trifft — ein Thema das auch die breitere Frage nach dem Verhältnis von Kunst und Gesellschaft berührt. Ihre Malerei ist unbequem weil sie uns mit der nackten Wahrheit unserer eigenen Physis konfrontiert die wir in einer Welt der Filter und Optimierungen oft verdrängen wollen.
Die Evolution des Stils und der Umzug nach Oxford
Nachdem Jenny Saville lange Zeit auf Sizilien gelebt und gearbeitet hatte zog sie im Jahr zweitausendvierzehn gemeinsam mit ihrem Partner Paul McPhail und ihren beiden Kindern nach Oxford. Dieser Ortswechsel markierte auch eine inhaltliche und technische Weiterentwicklung in ihrem Schaffen. Während ihr Interesse an der Repräsentation von Körpern ungebrochen blieb erweiterten sich ihre Bezüge um Themen wie Mutterschaft und antike Mythen sowie eine tiefere Auseinandersetzung mit der Kunstgeschichte. Technisch begann sie neben der Ölfarbe vermehrt Kohle und Pastellzeichnungen in ihre Werke zu integrieren. Diese neuen Materialien erlaubten es ihr mehrschichtige Kompositionen zu schaffen die eine Transparenz und Leichtigkeit besitzen welche mit der extrem dick aufgetragenen Ölfarbe ihrer frühen Jahre unmöglich gewesen wäre. Diese hybriden Arbeiten wirken oft wie archäologische Ausgrabungen bei denen verschiedene Schichten der Zeit und des Raums übereinander liegen. Ihre großformatigen Kohlezeichnungen stellen heute direkte Bezüge zu den Meistern der Vergangenheit her und zeigen eine Künstlerin die sich auf dem Höhepunkt ihrer schöpferischen Kraft befindet.
Rubens and his Legacy: Die Kuration als künstlerischer Akt
Die Wertschätzung für ihr tiefes kunsthistorisches Verständnis zeigte sich im Jahr zweitausendfünfzehn als Jenny Saville gebeten wurde einen Raum für die bedeutende Ausstellung Rubens and his Legacy zu kuratieren. In dieser Blockbuster-Ausstellung im Ashmolean Museum an der University of Oxford stellte sie ihre eigenen monumentalen Werke wie Voice of the Shuttle in einen Dialog mit Künstlern die sie als ihre größten Einflüsse nennt. In diesem Raum trafen Arbeiten von Pablo Picasso und Willem de Kooning sowie Francis Bacon auf zeitgenössische Positionen von Cecily Brown und Sarah Lucas. Dieser kuratorische Akt verdeutlichte Savilles Selbstverständnis als Teil einer langen Kette von Malern die sich der Erforschung der menschlichen Form verschrieben haben. Sie beweist dass die figurative Malerei nicht nur eine Vergangenheit hat sondern eine vitale Zukunft in der das Fleisch immer wieder neu erfunden werden muss. Saville lehrt uns dass Schönheit nicht in der Perfektion liegt sondern in der Intensität mit der wir die Welt und unseren eigenen Körper wahrnehmen und auf die Leinwand bannen.
Mehr Informationen unter: https://www.theartstory.org/artist/saville-jenny/life-and-legacy/
Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die den Körper als Ort der Wahrheit begreifen — von Faces III bis Demons.
