Sarah Lucas und die ungeschönte Poetik des Alltäglichen

Sarah Lucas ist eine der kraftvollsten und eigenwilligsten Stimmen der zeitgenössischen Kunstszene und ein zentrales Mitglied jener legendären Gruppe die als Young British Artists in den 1990er Jahren die Kunstwelt von London aus erschütterte. Die 1962 geborene Künstlerin hat eine Karriere aufgebaut die sich durch eine radikale Ehrlichkeit und eine bemerkenswerte Respektlosigkeit gegenüber traditionellen Schönheitsidealen auszeichnet. Lucas die als Fotografin und Bildhauerin sowie als Installationskünstlerin arbeitet nutzt eine visuelle Sprache die oft derb und ironisch sowie zutiefst provokant ist. Wer vor ihren Werken steht begegnet keinem polierten Hochglanz sondern einer Welt aus Zigaretten und Lebensmitteln sowie ausrangierten Möbeln die als Stellvertreter für den menschlichen Körper dienen. Sie hat es geschafft die sexualisierten Stereotypen unserer Kultur zu dekonstruieren indem sie die Sprache des Angreifers übernimmt und sie in eine subversive Kunstform verwandelt. Sarah Lucas ist die große Realistin unter den Konzeptkünstlern die uns zeigt dass die wahrhaftigsten Geschichten oft in den banalsten Objekten unserer Umgebung verborgen liegen.

Der steinige Weg zur Kunst und die Jahre am Goldsmiths College

Das Leben von Sarah Lucas begann im Jahr 1962 als drittes von vier Geschwistern in London. Ihr Weg in die Kunstwelt war alles andere als vorgezeichnet da sie die Schule bereits im Alter von 16 Jahren ohne einen formalen Abschluss verließ. In den folgenden Jahren schlug sie sich mit Teilzeitjobs und Arbeitslosengeld durch was ihr einen unverstellten Blick auf die soziale Realität Großbritanniens verschaffte. Ein einschneidendes Erlebnis war eine Abtreibung im Alter von 17 Jahren auf die sie mit einer einjährigen Reise durch Europa reagierte. Diese Zeit der Suche mündete im Jahr 1982 in den Besuch des Working Men’s College wo sie begann ein Portfolio zusammenzustellen. Ihr eigentliches künstlerisches Fundament legte sie jedoch zwischen 1984 und 1987 am Goldsmiths College. Dort lernte sie die Kollegen kennen die später den Kern der Young British Artists Bewegung bilden sollten und entwickelte ihren unverwechselbaren Stil der die Materialität des täglichen Lebens in den Mittelpunkt rückte.

Freeze und der Aufstieg der Young British Artists

Nach ihrem Abschluss im Jahr 1987 war Sarah Lucas ein wesentlicher Bestandteil der historischen Ausstellung Freeze die von Damien Hirst in einem leeren Lagerhaus in den Londoner Docklands organisiert wurde. Diese Schau gilt heute als der Urknall für eine neue Ära der britischen Kunst. Lucas präsentierte dort Arbeiten die bereits jene rohe Energie besaßen die ihr späteres Werk auszeichnen sollte. Werke wie Sod you Gits aus dem Jahr 1991 oder Two Fried Eggs and a Kebab aus dem Jahr 1992 wurden zu Ikonen einer Kunstrichtung die den Schmutz und die Sexualität sowie den Humor des modernen Lebens zelebrierte. In dieser Verschmelzung von Alltagsmüll und sexueller Provokation steht Lucas neben Tracey Emin, deren My Bed eine verwandte Radikalität der autobiografischen Entblößung zeigt — doch wo Emin die private Verzweiflung ausstellt, bevorzugt Lucas den öffentlichen Witz als Waffe.

Die Magie der Zigarette und die Transformation der Möbel

Ein besonderes Merkmal im Schaffen von Sarah Lucas ist ihre Fähigkeit gewöhnlichen Materialien eine völlig neue Bedeutung zu geben. Im Jahr 2000 präsentierte sie in der Sadie Coles Gallery die Einzelausstellung The Fag Show in der sie die Zigarette als ihr neues primäres Medium einführte. Sie nutzte Zigaretten nicht nur als Requisit sondern baute aus ihnen ganze menschliche Formen und Oberflächen. Die Zigarette wurde bei ihr zu einer Metapher für Sucht und Vergänglichkeit sowie für eine spezifische Form der britischen Arbeiterkultur. Lucas nutzt zudem oft alte Möbel wie Matratzen und Stühle als Stellvertreter für den menschlichen Körper. In ihren Skulpturen werden zwei Melonen und ein Fisch zu Genitalien oder ein Paar Spiegeleier auf einem Tisch zu Brüsten. In dieser Verwandlung von Alltagsgegenständen in Stellvertreter des Körpers berührt sich ihre Arbeit mit der von Mona Hatoum, deren Küchengeräte mit Stacheldraht und Glasgranaten ebenfalls vertraute Objekte in Orte der Bedrohung verwandeln — wenn auch aus einem anderen Kontext: wo Lucas den sexualisierten Blick attackiert, thematisiert Hatoum die häusliche Gewalt der Vertreibung. Ihre Kunst ist eine ständige Untersuchung der Materialität bei der die Dinge ihren ursprünglichen Zweck verlieren und zu Trägern einer oft düsteren oder sexuellen Botschaft werden.

Sensation und die Dokumentation einer Karriere

Das Jahr 1997 war für Sarah Lucas von besonderer Bedeutung da sie Teil der legendären Sensation-Ausstellung an der Royal Academy of Arts war. Diese Schau die die Sammlung von Charles Saatchi präsentierte machte die Young British Artists weltweit bekannt — neben Lucas waren dort unter anderem die Chapman Brothers, Jenny Saville, Marc Quinn, Gavin Turk und Ron Mueck vertreten. Lucas stand dabei mit ihren provokanten Porträts und Skulpturen im Zentrum des Interesses. Bereits im Jahr 1996 wurde ihre Karriere durch die BBC-Dokumentation Two Melons and a Stinking Fish gewürdigt die einen intimen Einblick in ihr künstlerisches Leben gab. Lucas arbeitet bis heute ohne Assistenten und besaß lange Zeit kein formelles Studio. Sie bevorzugt es von zu Hause aus zu arbeiten und die Materialien zu nutzen die ihr unmittelbar zur Verfügung stehen. Diese Bodenständigkeit verleiht ihrem Werk eine Authentizität die im oft überhitzten Kunstmarkt selten geworden ist.

Die Flucht nach Suffolk und die Stärke der Stille

Um dem oft chaotischen und oberflächlichen Betrieb der Londoner Kunstszene zu entkommen traf Sarah Lucas die Entscheidung nach Suffolk aufs Land zu ziehen. Dort fand sie die Ruhe um sich ganz auf ihre Produktion zu konzentrieren ohne von den neuesten Trends oder Kritiken in Kunstmagazinen abgelenkt zu werden. Sie hörte sogar auf Zeitungen zu lesen um ihre eigene Vision nicht durch äußere Erwartungen zu verwässern. Dieser Rückzug tat ihrer Karriere jedoch keinen Abbruch. Im Gegenteil scheint ihre künstlerische Kraft über die Jahre stetig gewachsen zu sein. Während viele ihrer Weggefährten aus der YBA-Zeit heute mit einem Rückgang ihres künstlerischen Einflusses zu kämpfen haben wurde Lucas im Jahr 2013 für ihre gefeierte Einzelausstellung in der Whitechapel Gallery in London massiv gelobt. Sie hat bewiesen dass ihre Themen universell sind und dass ihre spezifische Ästhetik des Widerstands auch Jahrzehnte nach ihrem ersten Erscheinen nichts von ihrer Schärfe verloren hat — Fragen die auch das breitere Verhältnis von Kunst und Gesellschaft berühren.

Sarah Lucas erinnert uns daran dass die Kunst keine heiligen Hallen benötigt um wirksam zu sein sondern dass sie in der Küche oder im Schlafzimmer ihren Anfang nimmt. Ihre Selbstporträts in denen sie oft breitbeinig und herausfordernd mit einer Zigarette im Mundwinkel zu sehen ist sind Ikonen der weiblichen Selbstbehauptung. Sie hat den männlichen Blick dekonstruiert und durch eine eigene oft humorvolle und doch knallharte Perspektive ersetzt. In dieser feministischen Subversion des Blicks steht sie neben Cindy Sherman, die in ihren inszenierten Fotografien ebenfalls die Konstruktion von Weiblichkeit seziert — wenn auch mit der Methode der Verkleidung wo Lucas die Methode der Entblößung bevorzugt. Ihr Werk bleibt ein unverzichtbarer Seismograf für die sozialen und sexuellen Spannungen unserer Zeit. Sarah Lucas ist die Bildhauerin der Realität die uns lehrt dass auch ein Stinking Fish eine tiefe künstlerische Wahrheit enthalten kann wenn man den Mut hat genau hinzusehen.

Mehr Informationen unter: http://www.artnet.com/artists/sarah-lucas/biography

Signum Sine Tinnitu stellt in dieser Serie die einflussreichsten zeitgenössischen Künstler vor. Als unabhängige Plattform für zeitgenössische Kunst zeigen wir in unseren eigenen Ausstellungen in Berlin Positionen, die den Körper und seine Zuschreibungen verhandeln — von Faces III bis Demons.